München 17. April 1919

Kein Brief mehr, nur noch ein Tagebuch, unternommen in völliger, dreifacher Abgeschlossenheit. Dreifacher: denn draußen halten die "weißen Garden" München umstellt, und innen hält höchstens, aber auch allerhöchstens ein Zehntel der Bevölkerung – denn München ist keine Industriestadt! – die übrigen Hunderttausenden wie in Ketten, und dieses Zehntel wiederum, "rote Garde" und klassenbewußtes Proletariat, ist absolut willenloses und ahnungsloses Werkzeug einer winzigen Handvoll landfremder Abenteurer, die sich untereinander befehden und deren Schwärmer- und Bohémiennaturen mit Notwendigkeit von Stunde zu Stunde robusteren Verbrechergestalten weichen müssen. Das ist ganz unübertrieben: die vollkommene Ahnungslosigkeit ist der Seelenzustand, der sich bei allen Bevölkerungsschichten und Parteien immer wieder beobachten läßt. München nimmt sein tragikomisches Schicksal passiv hin, auch das scheinbar herrschende Proletariat ist ganz passiv, es läßt sich da- und dorthin schieben. Die Passivität ist die einzige echtbayrische Zutat zu dieser Revolution, die von Nichtbayern gespielt wird und fremde Namen und fremde Institutionen kindisch nachahmt.

Daß sich die Räterepublik nicht sicher fühlte, beargwohnt von den Bürgern zur Rechten, bedrängt von den Kommunisten zur Linken, die nur "Spott und Hohn für das Monstrum von Räterepublik hatten" ("Mitteilungen des Vollzugsrats der Betriebs- und Soldatenräte" vom 16. April; dieses Blatt wird umsonst abgegeben und ist unsere einzige Zeitung) – die wachsende Unsicherheit der Regierenden ging aus der Unmenge von Flugblättern hervor, die sie aus Automobilen auf die Straßen schütten, die sie überall verteilen und ankleben ließen. Beschwörungen zur Einigkeit innerhalb des Proletariats, Verkündungen, daß diese Einigkeit erreicht sei, indem nun kommunistische Obmänner dem Zentralrat beigegeben wurden, und Werbungen vor allem, immer wieder Werbungen zur roten Armee. In einem dieser Flugblätter heißt es: "Nach zuverlässigen Nachrichten drohte Noske (der sozialdemokratische Reichswehrminister, Anm. d. Red.) mit seinen berüchtigten bezahlten Meuchelmördern nach Bayern zu marschieren ... Auch in München marschiert die Reaktion, und die berufensten Blüten derselben, die Studenten, haben den ehrlichen Vertretern des Proletariats bereits das Todesurteil gesprochen ... darum, Kameraden und Genossen, meldet euch in Massen zur Roten Armee!" Aber die Massen blieben vorerst aus, obwohl man sehr gut zahlt. Jetzt bekommt so ein roter Gardist seine 19 M täglich; dafür lassen sich denn auch die gegenwärtigen "ehrlichen Vertreter des Proletariats" die bourgeoisen Safes der Banken öffnen. Aber ich nehme die Einfälle (und Einbrüche) der namenlosen Führer vorweg; ich bin noch bei der "alten" Regierung, beim Zentralrat. Am Sonntag mittag staunte ganz München. Eben noch hatten sich die Regimenter einzeln und namentlich hinter den Zentralrat gestellt, höchst idealistisch, da sie ja noch keine 19, sondern selbst als eingeschriebene rote Gardisten "nur" 14 M erhielten – und nun hieß es in einem Anschlag, der lakonisch-mystisch "Die Garnison München" unterzeichnet war, der Zentralrat sei gesprengt worden, die Garnison "berate" ihre Stellungnahme zur Regierung Hoffmann (des gewählten sozialdemokratischen bayerischen Ministerpräsidenten, Anm. d. Red.), Lebensmittelzüge stünden für München bereit. Allgemeines Staunen. Was vorgefallen war, wußte keiner, aber jeder konnte doch merken, daß die "Macht" der Regierung, des so beliebten Zentralrates, irgendwo geborsten war. Welche Folgerungen zieht der Münchener Bürger aus so etwas? – Wer wird in München an einem heiligen Sonntag Folgerungen ziehen? Das wäre preußische Geschäftigkeit! Aber am Abend, als hier draußen am Siegestor noch alles friedlich spazierenging, begann ein Knattern in der Innenstadt. Erst Gewehrschüsse, dann immer längere Streifen Maschinengewehr, dann ein kräftiges Ineinander beider Musiken, gemischt mit einigen Handgranaten, dann, nach etwa einer Stunde, drei mächtig dröhnende Erschütterungen und gleich darauf, was der Franzose unweigerlich un silence tragique nennen würde, was aber der Münchener nur als ein willkommenes Aufhören der nächtlichen Ruhestörung begrüßte. Wir schliefen dann auch köstlich und erwachten am Montag unter dem Schutze Leviens, der, ohne mit seinem Namen hervorzutreten, tatsächlich als Führer der hiesigen Spartakisten München nunmehr beherrscht. "Proletarier! Soldaten! Kämpfer! Sieg! Sieg! Sieg! der Bahnhof gestürmt! ... der erste Tag glorreichen Kampfes des Münchner klassenbewußten Proletariats!" So jubelt ein kommunistisches Flugblatt in ellenlanger Geschwollenheit. Es war aber wahrhaftig kein glorreicher Kampf gewesen. Die sich gegen die Münchener russische Republik auflehnten, waren ein kleines Häufchen republikanische Schutztruppe unter dem rühmlichst verhaßten Bahnhofskommandanten Aschenbrenner gewesen. Wahrscheinlich hatten sie in kindlich sonnigem Optimismus auf Unterstützung aus den besonneneren Kreisen gezählt. Sie blieben allein, sie erlagen der Überzahl und ihren Minenwerfern. Und nun war natürlich die Stunde Leviens gekommen. Die Kommunisten hatten den Bahnhof gestürmt, das edle russisch-bayrische Staatswesen gerettet: so stießen sie denn die schlaffe zentralrätliche Regierung beiseite und errichteten die ersehnte völlige Diktatur des Proletariats. In dem erwähnten Zeitungsersatzblatt vom 16. April steht auch eine dickgedruckte Erklärung Landauers (des Beauftragten für Volksaufklärung der Münchner Räterepublik, Anm. d. Red.): "Die Umgestaltung erkenne ich an und begrüße ich. Der alte Zentralrat existiert nicht mehr, dem Aktionsausschuß stelle ich meine Kraft, wo immer man mich brauchen kann, zur Verfügung." Aber noch kann man diese Kraft nicht brauchen, denn sie ist gemäßigt.

Eines muß man der neuen Regierung bewundernd zugestehen: sie gibt der Stadt ein überaus kriegerisches Gepräge, sie versteht es, die Bevölkerung zu "beeindrucken", ja sie versteht es, der fast schon langweilig gewordenen Gleichförmigkeit des seit Monaten in vielen deutschen Städten bekannten Revolutionsbildes mit neuen kräftigen Farben auf die etwas betrunken schwankenden Beine zu helfen. Daß gestreikt wird, bedarf als selbstverständlich keiner Erwähnung. Aber wir haben auch Maueranschläge, daß die Bürger "bei Todesstrafe" ihre Waffen binnen 12 Stunden abliefern müssen. Und wir haben in immer vermehrter Anzahl bewaffnetes Zivil; klassenbewußtes, die Flinte auf dem Rücken – gelegentlich sogar weibliches. Und das Militär! Infanteristen und Matrosen marschieren zusammen, richtiger: spazieren durcheinander. Das Gewehr, Lauf nach unten, hängt lose kokett am Riemen; um den Hals, bis zum Gürtel herab, hängen baumelnd feldgraue Schals, in denen Patronenrahmen stecken, im Gürtel trägt man drei, vier langgestielte Handgranaten, um den Arm breite rote Binden. Es sieht mehr wildwestlich als münchnerisch aus – und doch auch wieder münchnerisch: Texas nach Gulbranssonschen Entwürfen. Um drei Uhr nachmittags erstattet die Regierung dem Volke unmittelbaren Bericht. Auf dem Balkon des Wittelsbachschen Palais, des festungsartigen englischen roten Schloßbaus, steht ebendort, wo Anfang August 1914 König Ludwig stand und zu den jubelnden Freiwilligen unter den hohen Bäumen des Vorplatzes sprach, von seinem Stabe umgeben, der Berliner Kommunist Werner und predigt seinen Getreuen, die nun den Platz der Freiwilligen von 1914 einnehmen, "Kameraden, Genossen! Ihr dürft Vertrauen zu unserer Sache haben: im Kriegsministerium arbeitet für euch Kamerad Levien, und Kamerad Toller hat sich den gefährlichsten Posten ausgebeten: er steht an der Front!" Die "Front", die den weißen Garden trotzt und gestern – denn schon haben wir auch richtige Kriegsberichte – einen großen Sieg erfochten haben soll – wird in der Dachauer Richtung vermutet, und ein besonderes Münchener Heerlager füllt den abgesperrten Hofgarten, und dort ist auch das Hauptquartier, im Armeemuseum nämlich, wo der Stadtkommandant Egelhofer sitzt. Von ihm sagt man (was ich nicht nachprüfen kann, aber für sehr wahrscheinlich halte), daß er seine Vorstudien bei den Kieler Matrosen (während ihres Aufstands Anfang November 1918, Anm. d. Red.) gemacht habe. Auf die Emotion eigentlicher Gefechtstätigkeit haben wir, da die Front so weit vorgeschoben ist, seit letzten Sonntag verzichten müssen, denn das bißchen Knallen ängstlicher oder stillvergnügter Posten gehört zum üblichen Stadtgeräusch wie einst in nicht streiklosen Zeiten der Lärm der elektrischen Bahnen; aber auch dafür hat die findige Regierung originalen Ersatz gefunden. Sie läßt nämlich die Kirchenglocken Sturm läuten, sobald sich außerhalb der Stadt etwas regt. Das war vorgestern abend der Fall; da brach man auch Theatervorstellungen mitten im Akt ab. Und gestern wiederholte sich das Sturmläuten sehr romantisch um Mitternacht; man war versucht, in der Überraschung "Prost Neujahr!" zu rufen. Auch bei Tage fehlt das Kriegsspiel nicht und begnügt sich keineswegs mit den abgeklapperten rotfahnigen Militärspazierfahrten. Der Flieger der Bamberger Regierung (des dorthin geflohenen Ministerpräsidenten Hoffmann, Anm. d. Red.) erscheint, zieht tiefe Kreise, und schon umknattert ihn Infanteriefeuer, da er der Türkenkaserne nahe gekommen; die Leiber dort drin hatten sich erst neutral verhalten wollen – aber wer kann bei 19 M Löhnung neutral bleiben? Doch die neue Regierung ist nicht nur kriegerisch; sie sorgt auch für Volksernährung und -bildung. Daß sie die Banksafes öffnet, erwähnte ich schon; sie öffnet auch die Speisekammern der Hôtels, Pensionate u. der bürgerlichen Bevölkerung. Patrouillen suchen überall nach Lebensmitteln, da vor allem die Ernährung der "arbeitenden" Klassen sicherzustellen ist.