Denkmalschutz in Hamburg. Das ist eine traurige Komödie. Mal wird brachial entkernt, aber die Fassade penibel restauriert, mal mit dem Argument, im Inneren des Hauses sei ja schon alles entkernt und baulich verändert worden, auch die erhaltene Fassade noch lässig entsorgt. So opferte man für die blühend hässliche Europa-Passage zwischen Ballindamm und Mönckebergstraße das 1908 errichtete Europahaus und ein eindrucksvolles Gebäude von Rathausbaumeister Martin Haller – unnötig zu sagen, dass beide unter "Denkmalschutz" standen. Verloren, wie der dritte der drei großen Bahnhöfe der Stadt, der Bahnhof in Altona. Allem Protest zum Trotz wurde die herrliche fünfschiffige Eisenbahn-Kathedrale, bauhistorisch mindestens so wertvoll wie die Speicherstadtarchitektur, 1974 dem Erdboden gleichgemacht.

Doch es trifft auch die Moderne, und das mit großer Willkür. Während das stadtmörderisch deplatzierte alte Unilever-Hochhaus am Valentinskamp oder das halb verfallene Uni-Geomatikum am Schlump aufwendig geliftet werden, ist ein markanter City-Bau wie das Allianz-Haus am Großen Burstah zum Abbruch freigegeben. Hier, am Neuen Wall, wird ein Bürobau von Godber Nissen mit großem Aufwand "revitalisiert", dort, am Brodschrangen, seine Commerzbank zur Disposition gestellt. Die Denkmalswürde eines Hauses bemisst sich, wenig überraschend, nach Rendite pro Quadratmeter.

Natürlich ist nichts davon exklusiv hamburgisch. Così fan tutte: In allen Industrie- und Großstädten der Welt wird Altes weggerissen, Neues übergestülpt. Die Megacitys der Welt verzehren sich selbst. Man denke nur an China; die dortigen Stadthirten hüten längst auf verlorenem Posten. Selbst die meistgeliebte Metropole Europas, das prächtige Paris, ruht auf dem Schutt untergepflügter Straßen und Gassen. Dass jedoch eine so vergangenheitsstolze Stadt wie Hamburg zugleich so wenig auf ihre historische Gestalt, auf ihr Aussehen gibt, bleibt schon bemerkenswert.

Jetzt aber kommt, jetzt aber droht der Welterbe-Titel für die Speicherstadt und das Chilehaus. Und auch das übrige Kontorhausviertel dürfte sich miteinbezogen fühlen, in seiner kuriosen Mischung aus Backstein-Expressionismus, NS-Kitsch und Fünfziger-Jahre-Moderne – wie dem vierblöckigen City-Hof des vormaligen Nazigünstlings Rudolf Klophaus. In diesen Tagen entscheidet die Unesco. Falls sie Ja sagt, müsste die Stadt zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Denkmalschutz ernst nehmen. Dann wären selbst kleinste Eingriffe in die Bausubstanz hochheikel. Ein Konflikt wie in Köln um den Hochhausbau in Sichtweite des Doms, Unesco-Welterbe seit 1996, oder der erbitterte Streit um die Errichtung der Waldschlösschenbrücke im Welterbe Dresdner Elbetal zeigt, wie es gehen kann. Ist sich die schönste Stadt der Welt, incl. Handelskammer & Hafenwirtschaft, darüber im Klaren?

Was ist, wenn man unter der Speicherstadt plötzlich Öl findet? Ein bisschen Fracking, natürlich nur zu wissenschaftlichen Zwecken, sollte dann in Hamburg möglich sein! Oder wenn die "Jobmaschine" Airbus doch noch etwas Fläche braucht? Oder für Olympia der Platz knapp wird?

Und weiter: Hat Hamburg (also Handelskammer & Hafenwirtschaft) nicht schon genug Ärger mit dem Naturschutz? Sind die Ökos mit ihrem Gezeter wegen der Elbvertiefung nicht schlimm genug? Will man zur Pest jetzt auch noch die Cholera? Will man den braven, stets gehorsamen Denkmalschutz in der Stadt ermutigen, frech zu werden und am Ende, mit der Unesco im Rücken, zu diktieren, was abgerissen werden darf und was nicht?

Nein, das kann Hamburg nicht wünschen. Bis heute ist es den Verantwortlichen erfolgreich gelungen, die Kulturtanten und -onkel auszutricksen und die Unesco aus der Stadt herauszuhalten. Hamburg ist das einzige deutsche Bundesland, das mit keinem Bauwerk auf der Liste vertreten steht; selbst Bremen hat sein Rathaus und seinen Roland unter Unesco-Schutz gestellt. Die welterbefreie und Hansestadt Hamburg: Es wäre nur ehrlich, wenn das so bliebe.