Können Sie sich eine Politikredaktion vorstellen, die ein Statement der AfD als eigene Analyse abdruckt? Oder ein Wirtschaftsressort, das ungeprüft eine Pressemeldung von McDonald’s ins Blatt hebt? Absurd! Wenn es jedoch um wissenschaftliche Themen geht, scheint diese Vorstellung leider gar nicht so fern. Denn Wissenschaft ist kompliziert, und in vielen Redaktionen fehlt entsprechender Sachverstand. Da übernimmt man gerne mal eine spannende Meldung aus der Forschung – auch wenn diese von der PR-Abteilung einer Firma oder Uni verfasst ist.

Dann liest man etwa, dass Espresso gesund ist, der Durchbruch in der Krebsforschung gelungen sei oder dass in den USA die Demokraten mehr Pornografie konsumieren als die Republikaner. Unerwähnt bleibt, dass die Espressostudie von einem großen Kaffeehersteller finanziert ist, dass Krebsforschung an Mäusen nichts über Menschen aussagt oder die Sexstudie von einem Pornoanbieter stammt. Statt um Aufklärung geht es den Urhebern solcher Storys ja einfach um: Aufsehen.

"Die Bullshit-Daten-Woge nimmt überhand", klagte kürzlich der Softwareexperte Scott Harris von der New York Times. Insbesondere online schwelle die Flut an Halbwahrheiten und Falschmeldungen an, die von einschlägigen Stellen platziert seien, um Firmen, Meinungen oder Produkten zu öffentlicher Aufmerksamkeit zu verhelfen.

Umso wichtiger wären kritische Köpfe, die den Bullshit von der Nachricht zu trennen wissen, die selbst dann skeptisch bleiben, wenn eine Studie in einem angesehenen Fachjournal veröffentlicht wurde. Denn auch die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft bröckelt, zahlreiche Fälschungsfälle haben die Szene erschüttert, irritierend häufig müssen publizierte Studien zurückgezogen werden – die Fachzeitschrift Science sah sich in dieser Woche genötigt, neue guidelines zur Qualitätssicherung zu formulieren.

Ebenso wichtig wie neue Richtlinien wäre aber die Stärkung von wissenschaftlichem Sachverstand in den Publikumsmedien. Dort geschieht allerdings das Gegenteil: Bei den Sparbemühungen gerät besonders die Wissenschaft unter die Räder. So geschieht es gerade in Stuttgart, wo zwei Tageszeitungen zusammengelegt werden – und das traditionsreiche Wissenschaftsressort der Stuttgarter Zeitung vor dem Aus steht. Auch beim WDR bedroht der Rotstift Sendungen wie Nano, W wie Wissen oder Leonardo. In einem offenen Brief warnen 90 freie Mitarbeiter den WDR-Intendanten Tom Buhrow. Ihr Tenor: Bei schrumpfenden Sendezeiten und Honoraren bleibt die inhaltliche Seriosität auf der Strecke.

Dabei hängt die Relevanz eines Mediums doch davon ab, im Strudel der grassierenden Desinformation als Insel der Glaubwürdigkeit wahrgenommen zu werden. Wer diese Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzt, macht sich überflüssig.