Vor dem Abflug nach Brüssel trifft sich Alexis Tsipras noch einmal mit seinen Getreuen. Im Megaro Maximou, der klassizistischen Villa des Premiers am Nationalgarten, leuchten die hellen Lampenschirme. Seine Staatsminister Nikos Pappas und Alekos Flambouraris sitzen bei ihm. Die beiden Linken sind seine wichtigsten Berater. Sie gehören zum engsten politischen Familienkreis, der überschaubar klein ist. Diese verschworene Truppe soll Griechenland retten. Sie entwerfen die Verhandlungstaktik, mit der sie diesmal in Brüssel zu einem Hilfsprogramm kommen wollen. Alexis Tsipras fühlt sich durch den fulminanten Sieg im Volksentscheid vom Sonntag gestärkt. Das Land steht zwar vor dem Ruin, doch Tsipras hat so viel Macht wie nie zuvor. Die Opposition ist bedeutungslos, die Partei steht hinter ihm, und zu Beginn dieser Woche hat er auch die Europäer dort, wo er sie haben will: Eben noch hatten sie gegen ihn Wahlkampf gemacht, nun sind sie blamiert und warten auf seine neuen Vorschläge.

Wofür wird dieser Mann, der noch nie zuvor ein hohes Staatsamt innehatte, sein enormes politisches Kapital einsetzen? Will er Griechenland zu besseren Konditionen im Euro halten? Oder steuert er in Wahrheit doch den Grexit an?

Am Dienstag gibt er sich plötzlich verhandlungsbereit: "Ich werde unsere Pläne vorstellen und alle Vorschläge der politischen Führer anhören." Zuhören will er jetzt also.

Wenige Tage zuvor klang das noch ganz anders. Da wetterte er gegen die "Vorherrschaft konservativ-reaktionärer Kreise" in Europa, die griechische Banken "ersticken", das Volk "erpressen" und sich an der Regierung "rächen" wollten. Derselbe Mann, völlig verschiedene Töne. In Griechenland hat der politische Dialektiker mittlerweile jede Konkurrenz ausgeschaltet. In Europa war es bis Dienstagnacht noch völlig offen, wie weit er mit seinem Kurs aus Härte und Charme, Aufputschen und Verzögern kommt.

In der EU hielt sich lange die Vorstellung, Alexis Tsipras sei im Grunde ein gemäßigter Linker, wenn er nur nicht von dem narzisstischen Spieltheoretiker und jetzt abgetretenen Finanzminister Yanis Varoufakis beeinflusst würde. Sozialdemokratische Europäer hofften, Tsipras würde am Ende wie sie werden, wenn er sich nur von den radikalen Linken in seiner Syriza-Partei lossagen würde. Doch der Ministerpräsident schockierte sie immer wieder, wenn er genauso linkspathetisch und aggressiv redete wie seine Parteifreunde. Dann war er wieder nett und konziliant. Dieser Mann, der Griechenland am Rand des Abgrunds entlangführt, zeigt den Europäern viele Gesichter.

Die Griechen haben Alexis Tsipras in den letzten Tagen als Widerstandskämpfer kennengelernt. Über sechzig Prozent sind seinem Rat gefolgt, im Volksentscheid gegen das Gläubigerprogramm zu stimmen. Zwar lag das Programm gar nicht mehr auf dem Tisch, und dem Referendum fehlte damit eigentlich die Grundlage. Doch Tsipras ging es ohnehin längst um mehr: Er inszenierte die Abstimmung als Akt des Widerstands gegen einen imaginären äußeren Feind und die "Schuldknechtschaft" Griechenlands. Auf dem Syntagmaplatz ließ er sich von Zehntausenden feiern. "Wir haben eine Geschichte des Widerstands", rief er im weißen Hemd und hob beschwörend die Arme. Die euphorisierte Menge antwortete mit einem Zauberwort: "Ochi!"

Die Kraft dieses "Nein" beruht in Griechenland auf einem doppelten Mythos. Im Jahre 1940 hatte der griechische Diktator Metaxas mit "Nein" auf ein Ultimatum seines italienischen Amtskollegen Mussolini geantwortet, der ihn zwingen wollte, Griechenlands Grenzen für italienische Truppen zu öffnen. Im griechischen Bürgerkrieg und danach leistete die Linke Widerstand gegen Royalisten, Faschisten und Kapitalisten. Die linke Vorstellung von nationaler "Würde" hat viel mit diesem Widerstand zu tun. Tsipras selbst hat das im Januar demonstriert, als er, kaum gewählt, als erste Amtshandlung ein Denkmal für ermordete kommunistische Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg besuchte.

Widerstand übte der junge Alexis schon als Schüler. Sein Vater war Bauunternehmer, dennoch trat Tsipras der kommunistischen Jugend bei. Mit sechzehn führte der Junge aus bürgerlichem Haus einen Aufstand gegen die Bildungsreform an. Als die meisten Schulen Griechenlands bestreikt wurden, diskutierte der langhaarige 16-Jährige öffentlich mit dem Sprecher des Bildungsministeriums und präsentierte dem Minister lange Forderungskataloge. Der musste später sogar zurücktreten. Sein politischer Instinkt erwachte in diesen Kämpfen, Tsipras wurde von den Schülern als Star gefeiert. So wie in dieser Woche wieder, nach dem Referendum.

Mit dem Sieg in der Volksabstimmung hat Tsipras die EU-Partner brüskiert, aber seine Partei hinter sich gebracht. Immer wieder hatte es in den fünf Monaten seiner Amtszeit Kritik von links außen gegeben. Syriza war bei Regierungsantritt eine heterogene Sammelbewegung aus vielen linksradikalen Kleingruppen, von denen Griechenland mehr hat als jedes andere europäische Land. Verehrer von Lenin, Trotzki, Luxemburg, Gramsci, Mao und Laclau trafen dort auf eher traditionelle Sozialdemokraten und Sozialisten. Einen solchen Haufen zusammenzuhalten, daraus eine halbwegs stabile, regierungsfähige Partei zu machen, ist Tsipras’ wichtigste innenpolitische Aufgabe. Dank seines Triumphes beim Referendum genießt Tsipras nun fast so etwas wie Heldenstatus in der Syriza, er ist völlig unangefochten, er kann die verschiedenen Flügel ausbalancieren, allen eine Stimme geben. Denn nur mit allen zusammen – und mit der rechtspopulistischen Anel – hat er eine Mehrheit im Parlament, nur mit allen gemeinsam ist er der Sechzig-Prozent- ochi- Tsipras. In seiner Linkskoalition sind Radikale wie Realos wichtig. Er hält zu allen, die treu zu ihm stehen.

Das ist der praktische Grund dafür, dass die Brüsseler Hoffnung, der 40-Jährige werde sich von den Linksradikalen lossagen und wie ein Stück Zucker in der wohltemperierten Mélange des europäischen Sozialdemokratismus auflösen, immer wieder getrogen hat.

Aber vielleicht liegt das nicht nur an den Zwängen der Parteitaktik. Denn Tsipras redet nicht nur wie ein Linker, er ist einer. Sein zweiter Sohn heißt Ernesto, nach Che Guevara, seine Frau Peristera Batziana hat er in den linken Schulaufständen kennengelernt, die zu seinem politischen Erweckungserlebnis wurden. Alexis, ein hochintelligenter Schüler, schaffte die Aufnahme in die griechische Eliteschule Polytechneio, die legendäre Technische Universität und Alma Mater vieler griechischer Linker. Er hat dieselben Bücher der lateinamerikanischen Sozialisten aufgesogen wie seine Parteikollegen. Deutlich positionierte er sich in einem Streit mit dem Parteireformer Fotis Kouvelis vor sieben Jahren. Es ging dabei nicht zuletzt um die Frage, ob Syriza sich von der Europa-skeptischen maoistisch-trotzkistischen Linken trennen sollte. Kouvelis plädierte dafür und musste am Ende gehen, Tsipras hielt die Linken in der Partei. Aber anders als die meisten von ihnen tritt er nicht als hitziger Ideologe auf, sondern verfolgt eher pragmatisch seine Ziele. Tsipras kann beides: die ekstatischen Massen zum Widerstand aufrufen und den Salon bedienen.

Er lächelt über das ganze Gesicht, bis hinauf zum Haaransatz, wenn man ihn trifft. Höflich grüßt er, schaut dem Gast beim Handgeben in die Augen, macht unaufdringliche kleine Scherze – ganz bürgerliche Schule. Er nimmt auch schon mal auf einem Sessel Platz, der niedriger ist als der seines Gesprächspartners. Allüren sind ihm fremd. Er trägt zwar bei offiziellen Treffen keine Krawatte, aber macht wiederum aus dem Informellen keinen Kult. Er muss nicht dauernd reden. Er hört aufmerksam und geduldig zu, auch bei ausführlicheren Fragen eines Journalisten, lässt sich Zeit zum Nachdenken, ehe er antwortet. Dann sprudelt es nicht aus ihm heraus. Langsam redet er und mit Überlegung. Früher, in der Hitze der Studentenaufstände, haben sie ihn deshalb Buddha genannt.

In Europa ist das lange Zeit gut angekommen. Tsipras hat in Brüssel die Hoffnung genährt, er sei am Ende doch nur ein etwas radikalerer Salonsozi, ein pragmatischer Regierungschef, der keine pathetischen Vorträge hält, sondern sich bestens auf die Brüsseler Mechanik des Kompromisses konzentrieren kann. So beschreibt ihn ein Syriza-Mann, der ihn dort beobachtet hat.