Zwei Jahre lang hat die Republik darüber gegrübelt, ob mit der AfD der Rechtspopulismus hierzulande hoffähig werden könnte. Das ist fürs Erste vorbei. Die Partei hat sich am vergangenen Wochenende auf so hässliche Weise kenntlich gemacht, dass sie sich davon nicht wieder erholen wird. Hinter der mühsam aufgerichteten Fassade eines bürgerlich-liberalen Konservatismus ist die radikalisierte Wutpartei, die in der AfD seit jeher steckte, offen zutage getreten. Ihr großmäuliger Anspruch, die "Alternative für Deutschland" zu sein, ist in der Essener Gruga-Halle in einer Atmosphäre enthemmter Pöbelei zerstoben.

Für das politische System und den gesellschaftlichen Mainstream, die von der AfD stets als verkommenes Kartell denunziert wurden, ist das ein Glücksfall. Angesichts der jüngsten Exzesse wirken die "Altparteien" mit ihrem Hang zum Konsens, ihren langwierigen Debatten und ihrem umständlichen Pragmatismus wie Garanten politischer Rationalität. Dagegen präsentiert sich die AfD jetzt so, wie ihre Kritiker sie schon immer gesehen haben: als aggressive, irrationale Protestpartei. Neu ist allerdings, dass sich diesem Verdikt plötzlich auch diejenigen anschließen, die bis vor wenigen Tagen die liberal-bürgerliche Lebenslüge der AfD mühselig am Leben hielten: die Luckes, Henkels, Starbattys und Adams. Auf einmal will man sich doch auf die Lehren besinnen, welche die überwiegende Mehrheit der Deutschen aus der eigenen Vergangenheit gezogen hat.

Dass sich die Bundesrepublik gegen die Etablierung einer rechtspopulistischen Partei bislang immun gezeigt hat, resultierte aus einer doppelten Erfahrung: dem Nationalsozialismus und der bundesdeutschen Demokratie. Was auch nur entfernt an Radikalisierung und menschenverachtende Politik erinnert, davor schreckt die deutsche Gesellschaft zurück. Doch es ist nicht das Tabu allein, das es dem Rechtspopulismus hierzulande so schwer macht. Auch die positive Erfahrung einer Demokratie, deren Erfolg im breiten Bewusstsein auf Konsens statt Konfrontation, auf Nüchternheit statt Emotionalisierung, auf Pragmatismus statt Ideologie beruht, wirkt wie ein Gegengift. Der entfesselte Populismus, wie er sich in Essen gezeigt hat, verstößt sowohl gegen das Tabu wie gegen das politische Erfolgsgeheimnis der Bundesrepublik.

Über die wütenden Attacken, denen Bernd Lucke zum Opfer fiel, zeigt sich der ehemalige Parteichef nun selbst konsterniert. Doch noch in dem Schrecken über die Partei, die er gegründet hat und die ihn nun verhöhnt und davonjagt, steckt ein Gutteil Verlogenheit. Empathie zeigt der geschasste Anführer erst jetzt, in Form von Selbstmitleid. Dabei hat er die vergifteten Emotionen selbst geduldet, ja genährt. Zu glauben, man könne Wut und Herablassung in der Politik schüren – gegen die Mächtigen oder die Fremden – und sie zugleich bedarfsgerecht steuern, ist nicht nur schäbig, sondern auch naiv. Wer Politik mit dem Ressentiment betreibt, läuft Gefahr, selbst ins Visier zu geraten.

Die Emotionalisierung der Politik, die populistische Parteien betreiben, ist nicht nur für ihre Gegner brisant, sondern auch für sie selbst. Denn der Populismus bestärkt den Frust seiner Anhänger, ohne ihm tatsächlich Abhilfe verschaffen zu können. Das Maulheldentum gegen die Etablierten kann die Macht des verhassten Systems nicht brechen, und die Wut auf Flüchtlinge darf zwar immerzu formuliert, aber niemals ausagiert werden. Deshalb sind populistische Parteien von Beginn an nicht nur die Quellen, sondern zugleich der Austragungsort für Frust, Wut und Hass. Daher die unsinnigen, aufgeladenen, endlosen Kämpfe, die in der AfD toben, seit es sie gibt. Das macht diese Parteien so unberechenbar. Und so gefährlich für die Dompteure an der Spitze.

Die Dynamik der Emotionen und die Verschärfung der Inhalte gehen Hand in Hand. Dass Lucke ernstlich glauben konnte, man könne die Basis mit ein bisschen Radikalismus anfüttern und sie, wenn nötig, wieder ausbremsen, hat ihn am Ende den Kopf gekostet. Der Rechtspopulismus ist eine Form politischer Drogenabhängigkeit. Die Dosis muss ständig erhöht werden, um die angefixte Basis halbwegs bei Laune zu halten.

Mit den korrekt formulierten Programmsätzen, die der normalen Öffentlichkeit beweisen sollten, dass es sich bei der Partei um eine ernst zu nehmende Alternative handele, ist beim AfD-Publikum schon lange nichts mehr zu gewinnen. Die Masse johlt auf den Veranstaltungen vor allem dann, wenn aggressive und autoritäre Rezepte propagiert werden, und wittert jeden Versuch, die Parteipropaganda für das breitere Publikum zu frisieren. Eine Weile lang durften die AfD-Führer noch das "kanadische Modell" gesteuerter Einwanderung lobend erwähnen, bevor sie ihre Tiraden gegen Asylmissbrauch und integrationsunwillige Flüchtlinge vorbrachten. Doch gejubelt wird inzwischen nur noch, wenn das "australische Modell" ins Spiel gebracht wird: Grenzen dicht! Die AfD-Führung hat sich auf die rechten Parolen eingelassen, nun muss sie immer wieder nachlegen. Wer das nicht will, wird geschasst. Oder kann gehen.

Dieser Prozess betrifft nicht nur die Führungsetage. Auch an der Basis verlassen die Moderaten, die bislang noch an der Schimäre eines liberalen Populismus festhielten, die AfD. Die Partei, die zurückbleibt, ist radikaler und homogener. Frauke Petry steht schon nicht mehr an der Spitze jener AfD, an der Lucke scheiterte.

Die neue Vorsitzende hat nun alle Hände voll zu tun, den katastrophalen Eindruck zu verwischen, den die Partei in Essen erzeugt hat. Petry, die von einer enthemmten Partei inthronisiert wurde, muss sich jetzt besonders vernünftig präsentieren und jede ihrer Äußerungen so trimmen, dass sie nicht für weiteres öffentliches Aufsehen sorgt. Doch jeder passable Talkshow-Auftritt, mit dem sie ihre politische Zurechnungsfähigkeit unter Beweis stellen will, wird in den eigenen Reihen Irritationen auslösen. Bislang war Petry die Galionsfigur der Parteirechten. Aber gewählt wurde sie auch schon von denen, die noch weiter rechts stehen. Die fordern jetzt ihren Tribut. "NPD im Schafspelz" hat Hans-Olaf Henkel die AfD nach dem Lucke-Sturz tituliert.

Bisher lebte sie von der Erwartung, eine bürgerlich ausstaffierte, professoral inszenierte Protestpartei werde die rechten Themen in die Mitte der deutschen Gesellschaft tragen und dort Akzeptanz finden – ähnlich wie es in den meisten anderen europäischen Ländern schon lange geschieht. Deshalb ist es nun für die Partei umso fataler, dass die Strohmänner ihrer Bürgerlichkeit aus der Partei verschwinden. Davon wird sich die AfD nicht mehr erholen.

Für die etablierte Politik ist das kein Grund zur Selbstzufriedenheit. Der populistische Höhenflug der AfD mag zu Ende gehen, doch die Probleme, auf denen der Populismus wächst, verschwinden ja nicht. Es sind die Probleme, die von der etablierten Politik nicht im strengen Sinn gelöst, sondern nur bearbeitet werden können. Die Zuwanderung hört nicht mehr auf, Europa entwickelt sich im Modus ständiger Überforderung, und die Lebensperspektiven der Bürger werden unkalkulierbarer und für viele auch beängstigender.

Das bleibt der Stoff, aus dem rechte Parteien gemacht werden. Ihr Potenzial liegt Umfragen zufolge bei 20 Prozent. Eine Alternative zur AfD, die erneut versuchen wird, dieses Potenzial zu mobilisieren, ist jederzeit möglich. Und dass sich auch die Populisten der Zukunft selbst erledigen werden, ist nicht garantiert.