Was kostet ein Buch? Kommt drauf an. Wenn man Literaturkritiker ist oder bei Hugendubel klaut, bekommt man es umsonst. Sonst kostet es ein paar Euro. Danach muss man aber auch noch Zeit, Mühe und Geduld investieren, um das Buch wirklich zu lesen, all die Kapitel, Buchstaben, Sätze. Wenn dann alles gut geht – und auch nur dann –, bekommt man etwas zurück: einen neuen Gedanken, ein unbekanntes Gefühl oder wenigstens zwei, drei Aperçus, mit denen man auf der nächsten Party attraktive Umherstehende beeindrucken kann.

Wie man den wahren Preis für so ein seltsames Produkt festlegen soll, ist eigentlich nie so richtig klar gewesen. Seit Bücher elektronisch angeboten werden, ist es noch unklarer. Eine neue Idee, wie man E-Books bepreisen könnte, hat sich jetzt zum Beispiel Amazon ausgedacht. Das so ungemein sympathische Versandhaus bietet schon seit einiger Zeit eine E-Book-Flatrate an, bei der Kunden gegen ein festes Monatsentgeld so viel lesen können, wie sie wollen. Die Einnahmen wurden auf die Autoren bisher nach einem simplen Muster verteilt: Je nachdem wie oft ein Buch heruntergeladen wird, gibt es mehr Geld oder weniger. Doch für Autoren aus dem hauseigenen Amazon-Selbstverlag gilt seit diesem Monat eine neue Regel: Nicht mehr pro heruntergeladenem Buch wird gezahlt, sondern pro tatsächlich vom Leser am E-Book-Reader gelesener Seite. Der Reader meldet an Amazon, wie viele Seiten der Nutzer schon ordentlich durchgearbeitet, wie viel Mühe und Not er hineingesteckt hat. Amazon überweist dann an den Autor.

Gefällt natürlich nicht allen, das neue System – das sei ein "kontrollierender Eingriff in den intimen Dialog des Lesers mit dem Buch", beklagt sich etwa die Vorsitzende des Verbandes der deutschen Schriftsteller in der Gewerkschaft ver.di, eine Amtsbezeichnung, so lang, dass sie allein schon ein paar Euro bei Amazon einbringen würde.

Aber ob man nun eine Seite weiterliest oder lieber aus dem Fenster guckt, das hat mit Intimität doch eigentlich wenig zu tun. Tatsächlich intime Kennzahlen wären ganz andere: Der Autor wird pro zitiertem Satz bezahlt, der den Leser später auf der Party auch wirklich mit dem Schwarm ins Gespräch bringt. Oder pro kurzer Verschnaufpause, in der man den Daumen zwischen die Seiten legt und die Augen umherwandern lassen muss, weil man die letzte Seite noch ein wenig genießen will oder sich ausruhen muss von all den Eindrücken, bevor man weiterliest. Pro kleiner Kullerträne, die auf die Seiten fließt. Pro Schmunzeln, das man selbst bei der Lektüre in der S-Bahn nicht unterdrücken kann. Pro Figur, in die man sich unsterblich verliebt. Das alles könnte so ein E-Book-Reader doch bestimmt auch messen. Amazon, bitte mach es möglich!