Ich stehe in einer langen Schlange vor einem Geldautomaten und stelle mich auf eine Stunde Wartezeit ein, bis ich an meine tägliche Geldration von sechzig Euro komme. Da kann man nur in Gedanken versinken, während man den Leuten und ihren Reaktionen zusieht.

In einem Punkt haben sich sowohl die Griechen als auch die Europäer getäuscht. Beide waren aus fast den gleichen Gründen für Alexis Tsipras und seine Partei Syriza. Die Griechen hatten die Nase voll von den beiden großen Regierungsparteien Pasok und Nea Dimokratia. Sie hatten ihre Lügen und und Halbwahrheiten satt.

Ich erinnere mich an ein Interview mit Kemal Derviş, der als Finanzminister die Wirtschaft der Türkei wieder auf die Beine gebracht hatte. Er sagte, auf einen Monat, den er in seinem Büro verbringe, kämen drei Monate, in denen er das Land bereise, um den Leuten zu erklären, warum die äußerst schmerzhaften Maßnahmen notwendig seien. Die griechischen Politiker verlassen ihren Schreibtisch nur für Fernsehauftritte.

Die Griechen waren auf die Krise schlecht vorbereitet, weil ihre Politiker ihnen wiederholt einredeten, dass sie in zwei Jahren vorbei sei. So traf sie jede neue Maßnahme wie ein Schlag aus heiterem Himmel. Dazu kam, dass die Regierungen die Bürger mit immer neuen Steuern belasteten, weil sie jeder Reform im Staatsapparat aus dem Weg gingen, um ihre Klientel zu schützen.

Die Griechen stimmten also für Syriza, weil sie sie für eine junge Partei hielten, die nicht in den Staatsapparat verstrickt ist. Sie hätten es besser wissen müssen. Denn als die Pasok-Regierung zurücktrat, liefen alle Gewerkschafter des öffentlichen Dienstes und alle Bonzen des Staatsapparats, die Pasok-Mitglieder gewesen waren, zu Syriza über. So bekam die Partei ihr eigenes Klientelsystem, das sie noch heute konsequent bedient. Bis vor einer Woche wurden Posten des Staatsapparates neu besetzt – alle mit Leuten von Syriza.

Die gleiche Hoffnung herrschte in der Euro-Zone. Deren Finanzminister und Staatschefs hatten die Schnauze voll von den früheren Regierungen, die tricksten und gemeinsame Entscheidungen, wenn überhaupt, dann nur teilweise umsetzten. Sie sahen eine junge Partei vor sich, die zum ersten Mal die Regierungsgeschäfte übernommen hatte, und hofften, dass sie mit Alexis Tsipras und seiner Mannschaft besser zusammenarbeiten würden. Das erwies sich als Wunschtraum, als der neue Finanzminister Yanis Varoufakis die europäische Bühne betrat. Da erkannten die Finanzminister der übrigen Länder, was auf sie zukam.

Die Politiker der EU hätten sagen sollen: Kein Geld ohne Reformen

Ich beobachte die Leute in der Schlange. Die meisten sind im Rentenalter. Sie warten geduldig, ohne Empörung und ohne einen Kommentar abzugeben. Manche sind am Ende ihrer Kräfte und lehnen sich an die Wand. Da kommt ein Passant und will mit seinem Handy eine Aufnahme machen. Ein älterer Herr schreit ihn an: "Was soll das? Glauben Sie, dass wir Lust haben, fotografiert zu werden?" Die anderen stimmen ihm zu. "Das wäre doch die Höhe", murmelt eine Dame, "wenn wir auch noch zu Schauobjekten würden."

Ich versuche zu erraten, wer von ihnen Syriza gewählt haben könnte, in dem Glauben, die Partei würde sein Geld vor Europa schützen. Jetzt stehen sie Schlange um sechzig Euro täglich und bangen um ihre Renten. Es gibt eine lange Diskussion über die Fehler, die Europa in Griechenland gemacht hat. Die meisten verweisen auf die Sparpolitik. Sie sei zu hart und ohne Perspektive gewesen. Es gehe um ein Sparen ohne Wachstum, und das habe verheerende Folgen.

Ich habe die gesamte Krisenzeit in Griechenland miterlebt und sie in vier Romanen thematisiert. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der größte Fehler woanders liegt. Sowohl IWF, EZB und Europarat als auch die Finanzminister der Euro-Zone haben vom ersten Tag an nicht hartnäckig auf der Umsetzung der Reformen bestanden. Sie hätten schlicht sagen sollen: kein Geld ohne Reformen. Stattdessen haben sie akzeptiert, dass die griechischen Regierungen den Bürgern immer neue Steuern aufgebürdet haben. Die Griechen waren bald erschöpft, während die Regierungsklientel unangetastet blieb.

Ich lebe in einem Land mit knapp 30 Prozent Arbeitslosigkeit, davon fast 99 Prozent im Privatsektor. Und alle Parteien schauen weg, auch Syriza, die radikal linke Partei, weil ihre Leute im Staatsapparat arbeiten und nicht im Privatsektor. Diese Politik hat den Mittelstand in Griechenland ruiniert. Die griechische Wirtschaft wird von kleinen und mittleren Unternehmen getragen. Wir haben keinen Konzern wie Siemens oder Fiat. Die kleinen und mittleren Unternehmen sind jetzt am Boden.

Am Ruin des Mittelstands ist die Euro-Zone mitschuldig. Ich könnte den Beitritt Griechenlands in die damalige Europäische Wirtschaftsgemeinschaft mit dem Gedicht Wahrnehmung von Bertolt Brecht erklären. Dort stehen die Verse: "Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns, vor uns liegen die Mühen der Ebenen". Mit dem Beitritt in die EWG verließen die Griechen die Mühen der Gebirge, die sie im Lauf ihrer jüngeren Geschichte stöhnend durchlitten hatten, und gingen in die Mühen der Ebenen. Jetzt laufen wir Gefahr, zu den Mühen der Gebirge zurückzukehren.