Aarau ist die Hauptstadt des Kantons Aargau, auf der Schweizkarte oben links. 1798 allerdings war Aarau die Hauptstadt der ganzen Schweiz, die erste Kapitale der Einen und Unteilbaren Helvetischen Republik. Freiheitstrunkene Schweizer hatten diesen Staat nach dem Vorbild und mithilfe der revolutionären Franzosen gegründet, eine Schwesterrepublik. Und wenn es auch manch morgartentreuer Eidgenosse bis heute nicht wahrhaben will: In den wenigen Jahren, da die Helvetik existierte, wurden die Grundlagen der modernen Schweiz geschaffen.

Politisches Zentrum ist Aarau nicht mehr, aber "Museumshauptstadt der Schweiz" will es werden, das jedenfalls lässt erfreulich selbstbewusst die Stadtpräsidentin verlauten. Und so öffnete zu Aaraus Kunst- und dem Naturmuseum Ende April als drittes Haus das historische Museum seine Tore. Halb in einem alten "Schlössli", halb in einem avantgardistischen Neubau logierend, lädt es nun zu seiner ersten großen Ausstellung: Demokratie! Von der Guillotine bis zum Like-Button. Zweifellos ist das der Geist des Ortes – gleich nebenan, im Palais zum Schlossgarten, tagte 1798 das helvetische Parlament (siehe unser Bild oben).

Doch genauso zweifellos ist das ein wunderbares Thema für jedes historische Haus; Kölns Stadtmuseum zum Beispiel ging vor Jahren dem Begriff der Freiheit in der eigenen Stadtgeschichte nach. Seltsamerweise wurde diese Anregung kaum aufgenommen. Statt sich an die Geschichte der modernen Demokratie zu wagen, zelebrieren viele Museen lieber Krönchen und Thrönchen – oder widmen sich, wie gerade in Stuttgart, hingebungsvoll der Geschichte der Unterwäsche.

Dabei zeigt die von Marc Griesshammer konzipierte Aarauer Schau, wie ideenreich sich das Thema entfalten lässt. Von den flammenden Worten der frühen Menschenrechtserklärungen bis zur Wahlroutine von heute: Immer geht es um Partizipation und Repräsentation, um teilnehmen und teilhaben. Und natürlich – hier das Guillotinenmesser aus Paris, dort der Pflasterstein in der Hand des enragierten Demonstranten – um die Gewalt, mit der die Herrschaft des Volkes (= Demokratie) erzwungen und zugleich schon wieder unterlaufen wurde.

Dazu setzt die Ausstellung auf den Bürger Besucher. Sie fragt ihn, wann er zum ersten Mal etwas selbst bestimmt habe. Und ob er sich noch erinnert: an den ersten Akt des politischen Widerstands in seinem Leben. Denn die Herrschaft aller setzt nun mal die Emanzipation des Einzelnen voraus – auch davon erzählt die lange Chronik der modernen Demokratie. Vitaler und aktueller kann eine Geschichtsausstellung kaum sein.

"Demokratie! Von der Guillotine bis zum Like-Button", Stadtmuseum Aarau, bis zum 31. Januar 2016; www.stadtmuseum.ch.