Oft ist es ja so beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt: Viele Texte flackern nur wie blasse Schatten in Platons Höhlengleichnis am Zuschauer vorbei – kaum hat man den zweiten Absatz gehört, beschleicht einen dieses Und täglich grüßt das Murmeltier- Gefühl: Hat man diesen Text nicht schon 50 Mal gehört, am selben Ort, in früheren Jahren? Der Puls des Zuschauers schlägt dann erst wieder höher, wenn die Jury das Wort ergreift und durch Esprit und süffisanten Schmäh für Lebendigkeit sorgt. Diese Art von sekundärer Kompensation primären Ennuis war in diesem Jahr nicht nötig. Die Jury (mit den drei Neuzugängen Sandra Kegel, Klaus Kastberger und Stefan Gmünder) ist nämlich ihrer Hauptaufgabe, gute Texte einzuladen, so sehr gerecht geworden, dass es sich in diesem Jahr mehr lohnt, über die Texte zu reden, als über die Jury-Performance. Die Jury war okay, als Hebamme, die den vollen Anspielungshorizont der Texte mit menschenfreundlicher Zugewandtheit ans Licht der Welt brachte, hatte sie ganze Arbeit geleistet. Hingegen fehlte es ihr oft in entscheidenden Situationen an jener Prägnanz, die im Einzelfall auch die Schwächen und Begrenztheiten der Texte herauszuarbeiten vermag. Das rächte sich am Ende, bei der Preisvergabe. Denn ohne graduelle Einzelfallbewertung ist es eben schwierig, zu einer angemessenen Hierarchisierung aller Texte zu kommen.

Es gab mehr preiswürdige Texte als Preise – und das ist eine gute Nachricht. Viele Autoren hatten schon einen gut eingeführten Namen. Es war aber auch ein interessanter Jahrgang, weil er eine Generation von Autoren versammelte, die von Kindesbeinen an zu Medienprofis sozialisiert worden sind und nun ihre Texte mit einem extrem scharfen Gespür für die mediale Kommunikationssituation dieser Literatur-Castingshow platzierten. Das zeigte sich nicht nur an den sehr Sprechakt-bewussten Texten, sondern auch an den kurzen Vorfilmen, durch die die Autoren vorgestellt werden.

In der Vergangenheit war das meistens peinigend für den Zuschauer und demütigend für den Autor, wenn wieder einmal ein 3sat-Praktikant das Dilemma, dass Texte und Fernsehbilder nicht blutsverwandt sind, dadurch zu lösen versuchte, dass er den Autor aufforderte, einige poetologische Poesiealbumsweisheiten mit verhuscht-nachdenklicher Stimme vor symbolischer Naturtopografie aufzusagen ("Schreiben ist auch immer eine Suchbewegung" – und dabei fährt die Kamera durch einen Birkenwald). Dieses Mal hatten viele Autoren ihr Videoporträt selbst in die Hand genommen – das Ergebnis waren teilweise sehr geglückte Kurzfilme, die auf hintersinnige Weise so eine Art gut ausgeleuchtete Einflugschneise bildeten für die Texte, die dann folgten. Am glänzendsten gelang das Valerie Fritsch, die eine Art Peter-Greenaway-Reenactment inszenierte, das sie durchaus für entsprechende Regiearbeiten empfiehlt ...

Beginnen wir mit einer Bitterkeit: Der Text, der den Bachmann-Preis am heftigsten verdient hätte, ging am Ende, obwohl sich nach der Lesung alle Juroren zu ihm bekannt hatten, leer aus. Ob man das jetzt als Skandal empfindet oder ob es einfach nur sehr, sehr schade ist, hängt vom persönlichen Temperament ab, wir aber sagen: Oh, Schimmi! von Teresa Präauer ist ein perfekter Text – originell, verspielt, witzig und ganz schön ausgebufft. Wer so schreiben kann, wird seinen Weg auch ohne Bachmann-Preis gehen.

Oh, Schimmi! ist der monadische Tunnelblick eines Stalkers, der sich die Welt macht, wie sie ihm gefällt. Weil seine Ninni nichts von ihm wissen will und ihn in die Wüste schickt mit den Worten "Verschwinde. Bevor du dich zum Affen machst", geht Schimmi in einen Kostümverleih und kehrt sodann im Affenkostüm zurück. Unter dem Schutzmantel des Affenkostüms, an der Grenze von Mensch und Tier, von Schläue und Trieb, gelingt es Schimmi, jedes Nein von Ninni in ein Ja umzudeuten. "Dumm sind die Menschen", sagt sich Schimmi, "sie sehen es nicht, wenn sie einer wirklich liebt. Ich werde es Ninni zeigen."

Und so verschafft er sich Zugang zu Ninnis Wohnung: "Man wird mir vorhalten können, ich hätte dabei die Tür eingetreten, aber ich meine, es war ein Auftritt, den King Kong nicht anders als ›zugewandt‹ beschrieben hätte." Und wenn Ninni, "du Schönheit des White Trash", im Bademantel mit Tigermuster vor ihm steht, ruft Schimmi, dieser unverbesserliche Hymniker, wonniglich aus: "Wie schaumgeboren!" Der Psychopath – die letzte Steigerungsstufe des Liebenden, der alles verklärt, selbst die eigene Gewalt.

Wie gesagt, wir finden, dass Teresa Präauer den Bachmann-Preis verdient hätte. Das heißt aber nicht, dass wir uns mit der faktischen Gewinnerin nicht freuen würden: Nora Gomringer hat mit Recherche auch einen ziemlich guten Act hingelegt. Sie lässt ihre Protagonistin den Selbstmord eines Jugendlichen recherchieren – und tut dies auf eine Weise, die sowohl ein moralisches Drama entfaltet als auch die selbstreferenziellen Effekte medialer Wirklichkeitsdarstellung im ausgefuchsten Registerwechsel verschiedenster Redeweisen vorführt. Dabei hatte Gomringer kurzerhand die Schriftstellerin Nora Bossong zu ihrer recherchierenden Protagonistin mit Tonbandgerät gemacht, und der Effekt dieses Realnamens im flirrenden Spiel der fiktiven Zeichen war tatsächlich hilarious, neuronenstimulierend.

Der zweite Preis ging an Valerie Fritsch, ebenfalls der Publikumspreis. Ihr Text über den Phantomschmerz einer Beinamputation ist in einem sehr poetischen Stil gehalten, das ist sprachlich ambitioniert, aber vielleicht war die Geschichte doch zu sehr verkapselt in ihren engen Weltausschnitt, um diesen zweiten Platz wirklich zu rechtfertigen.

Dana Grigorcea gewann den dritten Preis. Die Autorin wuchs in Rumänien auf, lebt jetzt in der Schweiz. Ihr Text Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit begeisterte Publikum und Jury gleichermaßen. Es ist ein hinreißendes Rumänien-Porträt, das in der Erregung des rumänischen Volkes kulminiert, das sich nach Freiheit und Veränderung sehnt und seine ganze Erlösungsbereitschaft auf einen Auftritt Michael Jacksons im Haus des Volkes in Bukarest projiziert, der die ekstatische Menge dann mit den legendär-desillusionierenden Worten grüßt: "Hello, Budapest, I love you!"

Leer ging in diesem starken Jahrgang auch Monique Schwitters aus, obwohl ihre Erzählung Esche ziemlich gekonnt ist. Ein Gemeinschaftsgrab unter einer Esche wird da gesucht, das den lebenslangen Reigen unseres Liebeslebens im Zeichen der Patchworkfamilien in eine allumfassende Ordnung der Totenruhe überführen soll.

Kommen wir zum Schluss noch zu Ronja von Rönne. Die 23-Jährige ist ja ein Phänomen. Seit sie Anfang dieses Jahres zum ersten Mal mit journalistischen Texten in der Welt am Sonntag auftauchte, gelingt es ihr mit jedem Artikel, ganz Deutschland zum Fauchen zu bringen. Das macht ihr erst mal keiner nach. So ging auch ihrem Auftritt in Klagenfurt schon eine aufgeregte Vorberichterstattung voraus. Um sie entsteht immer eine Freund-Feind-Stimmung, in der man entweder für oder gegen Ronja von Rönne sein muss. Tertium non datur. Offensichtlich wollte die Jury nicht in diese Falle treten. Nach einem ersten ablehnenden Kommentar von Meike Feßmann schwiegen die Kritiker, als fänden sie es unter ihrer Würde, sich an diesem Medienspektakel zu beteiligen. Das war ein Versäumnis, denn es hätte sich gelohnt, die Stärken wie die Schwächen dieses Textes, der sich eben weder für ein volles Bekenntnis noch für grundsätzliche Ablehnung eignet, herauszuarbeiten. Es ist ein Text voller Posen, manche davon sind nervig kokett. Er ist auf Provokation hin kalkuliert, und diese Seite macht ihn schwach. Er arbeitet teilweise mit ziemlich abgehangenen décadence- und Überdruss-Motiven, die feuilletonistisch schon vor 15 Jahren durchgearbeitet worden sind (die verzweifelte Sehnsucht nach einem Leben ohne Ironie-Vorbehalt), und doch bricht dann dieses ganze Posen-Arrangement plötzlich in sich zusammen, und die Erzählerin verfällt von ihrer Haltung arroganter Weltverachtung in eine infantile All-Liebe. Welche affektive Kraft der Text dabei ausstrahlt, das war, wenn auch nicht preiswürdig, so doch durchaus ein nachhaltiges Texterlebnis.

Sagen wir es so: Alle diese Frauen (die Männer waren dieses Jahr schlechter als die Jungs in Mathe in der Schule) werden unser literarisches Leben die nächsten Jahre begleiten und bereichern.

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