Wie eine Regierung in Zeiten schwerer Schuldenkrisen handelt, ist nicht nur eine Frage ökonomischer Glaubenssätze. Ob der Staat sich zurückzieht oder nicht, wo und wie drakonisch er spart und ob die Wähler das gutheißen, darin drückt sich auch das Selbstverständnis einer Gesellschaft aus.

Nach der Finanzkrise vor acht Jahren und der darauffolgenden schweren Rezession haben die Briten einen eindeutigen Weg beschritten: Sie wollen sparen, um fast jeden Preis. Im Mai hat die Mehrheit der Briten die Konservativen wiedergewählt. Die Tories stehen für einen Sparkurs, der die Verantwortung des Staates in absehbarer Zeit auf ein Minimum reduzieren soll.

Was das für das soziale Gefüge des Landes bedeutet, für die Alten und Bedürftigen, für Menschen also, die besonders stark auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, ist im Detail noch kaum absehbar. Was der Sparkurs mit den unabhängigen Medien in Großbritannien macht, das lässt sich dagegen schon heute beobachten: bei der British Broadcasting Corporation, der BBC.

Die jüngsten Pläne von Kulturminister John Whittingdale zur Zukunft der BBC deuten darauf hin, dass die Regierung ihre Verantwortung für unabhängigen Journalismus im Rahmen einer starken öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt abgeben will. Zumindest teilweise.

Die BBC gehört zu Großbritannien wie das Königshaus und die verregneten Sommer. Zum Großteil finanziert sie sich durch Rundfunkgebühren, die ihr einen Jahresetat von durchschnittlich sechs Milliarden Pfund bescheren. Einen Teil dieses Geldes investierte die BBC in neue Technologien. Seit zwei Jahrzehnten treibt die Rundfunkanstalt den digitalen Wandel im eigenen Haus voran, und zwar besser als jeder andere öffentlich-rechtliche Sender. "In den Bereichen Internetfernsehen und bei der Entwicklung mobiler Nutzungsplattformen für Tablet und Smartphone ist die BBC absolute Weltspitze", sagt der Oxforder Medienwissenschaftler John Lloyd.

Genau diese Internetaktivitäten des Senders will die Regierung nun einschränken. In einem BBC-Interview ärgerte sich Finanzminister George Osborne darüber, dass die Webseite der BBC "voller Kochrezepte und Lifestyle-Inhalte" sei. Tags darauf verpflichtete er den Sender zu Einsparungen von 600 Millionen Pfund. Ein immenser Schnitt, der den ohnehin angeschlagenen Sender gerade jetzt besonders heftig trifft. Erst vergangene Woche hatte der BBC-Generaldirektor Tony Hall eine E-Mail an seine Mitarbeiter schicken müssen, in der er über das 150 Millionen Pfund große Finanzloch aufklärte, das durch den unerwarteten Rückgang der Gebühreneinnahmen entstanden ist. 1.000 Stellen werden deshalb gestrichen. Durch die Sparauflagen der Regierung dürften nun noch einmal zahlreiche Arbeitsplätze wegfallen. Vor allem in jenem Bereich, den die BBC eigentlich weiter ausbauen müsste: in der Onlinesparte. "Der Journalismus in den Radioprogrammen und den Nachrichtenkanälen wird weitgehend unangetastet bleiben", erklärt ein BBC-Manager und Veteran des Senders im vertraulichen Gespräch. Auch die Filmproduktion und die Unterhaltungsprogramme seien relativ sicher, denn mit Serien wie Sherlock oder der Autoshow Top Gear hat der Sender weltweit viel Geld verdient. Stattdessen wird wohl in den Onlineredaktionen gekürzt, wo überwiegend jüngere Kollegen mit weniger komfortablen Verträgen sitzen. Kollegen, die man leichter feuern kann.

Dabei müsste die BBC angesichts der radikalen Veränderungen unserer Lebenswelt durch das Internet gerade hier besonders präsent sein. Und wo sollte die britische Regierung die Arbeit unabhängiger Journalisten schützen, wenn nicht im Netz, wo sich immer mehr Menschen mit Nachrichten versorgen?

Anders als die deutschen Medien, die sich nach 1945 auch als Stützen des neuen demokratischen Systems verstanden, gehorchen die Medien in Großbritannien von jeher den Kräften des Marktes. Das Resultat ist ein Überangebot von Meinungsmache auf Kosten einer weitgehend wertfreien Berichterstattung, wie der öffentlich-rechtliche Auftrag sie verlangt. Deshalb gibt es die BBC. Wer ihre Rolle als unabhängige Stimme im Internet schwächt, schwächt langfristig auch die demokratischen Grundwerte einer liberalen Gesellschaftsordnung.