Das Tal ist ein Traum. Wie Versteinerungen hocken die Dörfer auf den Sonnenterrassen und im tief ausgeschnittenen Talgrund. Die Dächer alle mit grauen Granitplatten gedeckt. Wer in die Örtchen vordringt, entdeckt im Labyrinth enger Gässchen berückende Dorfplätze mit alten Palästen der traditionsreichen Familien von Salis oder Castelmur. Diese "gelungene Symbiose von Siedlung und Landschaft" hat den Schweizer Heimatschutz derart beeindruckt, dass er der Gemeinde Bergell Ende August den renommierten Wakkerpreis 2015 verleihen wird.

Doch die Auszeichnung freut nicht alle im Bündner Südtal. "Wofür bekommen wir diesen Preis?", wundert sich Gian Andrea Walther. "Dafür, dass hier wenig los ist?" Die alten Ortskerne, die der Heimatschutz rühme, seien "im Winter Geisterdörfer, in denen nur noch wenige Menschen wohnen", sagt der pensionierte Sekundarlehrer. Hinter den schönen Fassaden klaffe die Leere.

Spricht der frühere Präsident der Società Culturale, könnte man meinen: Die Wakker-Auszeichnung sei nichts als ein Trostpreis für eine leidende Randregion. Für die leeren Dorfkerne, die Abwanderung, die wirtschaftliche Stagnation.

"Nein", sagt Adrian Schmid, Geschäftsführer des Schweizer Heimatschutzes: "Wir verleihen keinen Preis für eine heile Welt, die gibt es nirgendwo." Der Wakkerpreis sei ein Lob und eine Ermunterung für eine Gemeinde, die ihre Identität und ihre Siedlungen bewahre – und daraus Neues erarbeite. "Wir können die Probleme des Bergells nicht lösen", sagt Schmid, "aber wir können sie ansprechen."

Zuletzt erhielten Lausanne-West, Köniz bei Bern und Aarau den Wakkerpreis. Alles urbane Boomzonen. Heuer aber rückt der Schweizer Heimatschutz nicht den Dichtestress in den Fokus, sondern sein Gegenteil: die Schwindsucht.

Die Vergabe an das ferne Südbündner Bergell an der italienischen Grenze, das viele Schweizer gar nicht kennen, versteht Geschäftsführer Schmid als Signal an die ganze Schweiz: Seht her, was es in diesem vielgestaltigen Land alles gibt! Und lernt, wie verschieden Behörden und Bürger mit ihren Problemen umgehen!

So erhält das Bergell den Wakkerpreis für etwas, was für das Tal Glück und Unglück zugleich ist: seine Beschaulichkeit.

In Maloja im Oberengadin, das ebenfalls zur Gemeinde Bergell gehört, sieht man, wie der Druck des vielen Geldes, das dort vorhanden ist, wirkt. Die Landschaft ist zersiedelt, von Ferienhäusern verstellt. Südlich davon, im eigentlichen Tal, scheint die Zeit etwas langsamer zu ticken. In der kurzen Sommersaison suchen hier Gäste ihre Ruhe. Im Winterhalbjahr aber sind sie weg. Und dann liegen einige der Dörfer während drei Monaten im Schatten. Die wenigen Bergeller Hotels, Restaurants und Läden müssen ihre Jahresrendite in einer halbierten Saison erwirtschaften. Keine Frage, das Tal könnte mehr Betriebsamkeit und mehr Besucher brauchen. Aber sie könnten zerstören, was das Bergell ausmacht. Also, was tun?

Besuch bei Anna Giacometti. Die Gemeindepräsidentin, verwandt mit der Künstlerdynastie Giacometti, die den Namen des Tals in die Welt hinausträgt, orchestriert den wirtschaftspolitischen Balanceakt der Talschaft. Von ihrem Büro im Gemeindehaus Promontogno aus erblickt man die spektakulären Bergeller Granitgipfel. Aber auch eine Großbaustelle: Der Bondasca-Bach wird gegen Hochwasser verbaut. Eine Betonmauer soll die Einfamilienhäuser schützen, die in den 1950er Jahren viel zu nah an den Bach gebaut wurden (ZEIT Nr. 36/14). Weiß Anna Giacometti also, wofür ihre Talgemeinde den Wakkerpreis genau bekommt? Sie überlegt und sagt dann: "Wir haben es vermutlich weniger schlecht gemacht als andere."

Das architektonische Erbe wird im Tal schon lange gepflegt. Die Bergeller sind stolz darauf. Die Dorfkerne des Bergells stehen gar unter dem Schutz der Eidgenossenschaft und figurieren im "Inventar schützenswerter Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung" (Isos). Was aber hat die Gemeinde selbst für preiswürdige Eigenleistungen erbracht? Anna Giacometti sagt: "Mit der Fusion zu einer großen Talgemeinde haben wir 2010 die wichtigste Hausaufgabe gemacht. Wir sind näher zusammengerückt." Nach dem Zusammenschluss erarbeiteten Gemeindepolitiker und Bevölkerung gemeinsam Entwicklungsstrategien für das ganze Tal. Es wurstelt nicht mehr jeder für sich. Und für Bauprojekte in den Dorfkernen gilt: Ohne Bauberater läuft gar nichts.

Hat Anna Giacometti sich über den Wakkerpreis gefreut? "Klar", sagt sie. Schließlich gibt es in ihrem Tal nicht häufig solche Erfolgsmeldungen zu feiern: Die Bevölkerung stagniert bei rund 1500 Menschen. Pro Jahr kamen in den letzten Jahren etwa 12 Kinder zur Welt. In den 1950er und 1960er Jahren, als das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) seine Kraftwerksanlagen in Betrieb nahm, waren es mehr als doppelt so viele. Ja, dank des EWZ und seiner Wasserzinsen kommt das Bergell gut über die Runden. Aber seitdem die Kraftwerkbauer aus dem Unterland ins Tal kamen, sind kaum mehr größere Investitionen hierhergeflossen. Die Zahl der Jobs verharrt bei 700, die Hälfte davon erledigen Grenzgänger.

Da kommt der Wakkerpreis wie gerufen. Zumal Mitte Januar, als der Heimatschutz seine Wahl bekannt gab, gleichzeitig die Nationalbank den Franken-Mindestkurs aufhob. "Der Preis hat den Währungsschock etwas gelindert", sagt Giacometti. Sie hofft auf architekturbegeisterte Wakker-Touristen. Aber wie sagt Heimatschutz-Präsident Schmid: Die Probleme des Tals vermag keine Trophäe zu lösen.

Da sind zum Beispiel die leeren Dorfkerne. Fast 50 Prozent der Gebäude im Tal werden nur wenige Wochen im Jahr bewohnt. Viele davon sind zu Ferien- und Wochenendwohnungen geworden, weil die Einheimischen abwanderten. Die Häuser aber bleiben im Familienbesitz und kommen nur selten auf den Markt. Sie zu renovieren und an neue Energiestandards anzupassen käme nämlich teurer als ein Neubau. Junge Familien können sich das kaum leisten und wollen sowieso kein enges Haus mit steilen Treppen, sondern Raum, Licht, einen Garten. Touristen aber, die sich im Bergell eine Dependance einrichten möchten, scheitern am neuen Zweitwohnungsgesetz. Hat eine Gemeinde mehr als 20 Prozent Ferienwohnungen, gilt dort ein Baustopp. Das gilt auch für die kluge Umnutzung leer stehender Häuser und Ställe. Etwas, wofür der Heimatschutz das Bergell explizit lobt. Wobei, sagt Anna Giacometti, nach dem ersten Schock sehe man doch noch einen Ausweg: Das nun bereinigte Bundesgesetz erlaube nämlich in "ortsbildprägenden oder geschützten Bauten" weiterhin neue Wohnungen ohne Nutzungsbeschränkungen. Solange sie sich innerhalb der Bauzone befinden.

Ein besonders raffiniertes Beispiel steht im Dorf Stampa. Dort hat der Berner Architekt André Born einen alten Stall so umgenutzt, dass man ihm das von außen gar nicht ansieht. In die alte Mauer- und Holzstruktur hat er – wie in eine Schachtel – drei Wohnkuben hineingestellt. Ohne damit den Geist des Hauses zu verjagen. Born hat schon mehrere alte Häuser im Tal subtil erneuert, immer zusammen mit Bergeller Handwerkern: "Durch den Wakkerpreis", sagt er, "sind die Behörden nun gefordert, sich nicht nur bei alten, sondern auch bei neuen Bauten für innovative Lösungen einzusetzen."

Alte Ställe umbauen. Für Armando Ruinelli hat das etwas Museales. Der Bergeller Architekt mit dem markanten, kahlen Schädel ist heilfroh, dass der Wakkerpreis an das ganze Tal ging – und nicht nur an sein Dorf Soglio. Den Vorzeigeort auf einer Sonnenterrasse bewundern heute gar asiatische Touristen – wie eine Heidi-Kulisse. In seinem modernen Atelieranbau sagt Ruinelli: "Der Wakkerpreis ergibt erst Sinn, wenn man ihn als Aufforderung versteht, über die Zukunft nachzudenken." Der Architekt macht einen überraschenden Vorschlag: Wie wäre es, die engen Dorfkerne zu "entdichten", indem man zerfallende Ställe durch Gärten oder gestaltete Hinterhöfe ersetzt – und so Platz für neues Leben in den Dorfkernen schafft? Ruinelli könnte sich vorstellen, eine Sommerakademie im Dorf zu organisieren, in der man Soglios "Entdichtung" konkretisieren würde. Der Architekt weiß aber, dass er damit an einem Tabu rührt. Die Ställe in den Ortskernen sind unantastbar.

Nur: Was passiert mit dem Bergell, wenn schließlich nichts passiert?

Es brauche ein Umdenken in den Köpfen, sagt Gian Andrea Walther, der pensionierte Sekundarlehrer. "Unser Tal hat sich seit dem Ende der touristischen Hochblüte im Ersten Weltkrieg abgeschlossen. Es muss sich wieder als Teil eines europäischen Großraums zwischen Mailand und St. Moritz fühlen." Und er erzählt die Geschichte des Basler Ciba-Geigy-Laboranten Walter Hunkeler, der 1979 in einem Haus-Labor in Soglio eine Rheumasalbe aus Ziegenbutteröl entwickelte. Es war der Beginn der Soglio-Kosmetik und Gesundheitsprodukte, ein Kleinbetrieb, der heute im Tal, wo jeder Arbeitsplatz zählt, sieben Leute beschäftigt.

Und Anna Giacometti sagt im Gemeindehaus in Promontogno: Ja, es gebe drängende Probleme. Aber Drängendes belebe. Und das Bergell habe einen großen Vorteil: "Ein Durchgangstal kann gar nicht aussterben." Irgendjemand ist immer hier. In diesem Wakkerpreis-Sommer sind es vielleicht ein paar mehr.