Am Rande Charlottenburgs liegt die Keithstraße so still und verwunschen da, dass selbst Botho Strauß es 17 Jahre in ihr aushielt. Doch an diesem Sommerabend erlebte sie einen Menschenauflauf, wie man ihn sonst nur von Neukölln und Kreuzberg kennt. Grund dafür war eine auf den ersten Blick sehr unscheinbare Präsentation auf Sperrholzbrettern in Wolfgang Tillmans’ neuer Galerie Between Bridges. Der Fotograf zeigte Modestrecken der britischen Underground-Magazine i-D, The Face und Arena, die vor einem Vierteljahrhundert entstanden sind. Fotografen wie Nick Knight, Craig McDean, Juergen Teller und Jean-Baptiste Mondino experimentierten damals mit Art-Direktoren und Stylisten um die Wette und entwickelten ein visuelles Vokabular, mit dem heute jeder leidlich begabte Desktop-Editor ganz selbstverständlich operiert. Im Zentrum der neuen Ästhetik standen der Informations-Overkill, die unbekümmerte Übereinanderprojektion von Fotos, Comics, Graffiti, All-over-Malerei und Typografie, das "Ausbluten" der Seiten, Unschärfe, flächige Tapetenoptik, eine mit Schwarz-Weiß-Fotos gemischte Popfarbenpalette, die Aufwertung des Ungekünstelten, der Straßenfotografie, des Privaten.

Damals bewegte diese stilistische Explosion Wolfgang Tillmans dazu, sein Studium in England fortzusetzen. Für sein Aufbruchsgefühl spielte das Ende des Kalten Krieges kaum eine Rolle, erinnerte er sich, umso größer war die Erleichterung darüber, dass die Achtziger zu Ende gingen. Die Postmoderne, in der es zu viel von allem gegeben hatte, wich etwas Neuem, das für ihn mit Ehrlichkeit zu tun hatte. Nicht ohne Grund ist Wolfgang Tillmans durch seine entwaffnend direkten Porträts aus der Schwulenszene bekannt geworden. Die von ihm ausgewählten Modestrecken widmen sich unterbelichteten Themen wie der Vermüllung der Meere, unorthodoxer Liebe und der Verlierer-Jugend, und doch sind sie tief in die Überflussästhetik der Postmoderne verstrickt.

Was sie historisch interessant macht, ist die Antizipation der Netzwelt und der Sozialen Medien. Nicht nur die flachen Hierarchien zwischen Leser und Macher läuten ein neues Zeitalter ein. Das Kaleidoskopische der Bildsprache, die spielkartenartige Verdoppelung und das Schweben der Motive im leeren Raum nehmen das digitale Surfen vorweg, erzählen von der Beschleunigung der Wahrnehmung und den zuckenden Rhythmen der Music-Channels. Hier kulminierte eine Sehnsucht, die mit Alexander Rodtschenko ihren Anfang nahm. Er fotografierte die neuen Sowjetmenschen und ihre Gebäude aus ungewohnten Perspektiven, am liebsten auf dem Boden liegend, sodass sie im Himmel zu wurzeln schienen. Als er und seine Malerkollegen 1925 die Pariser Art-déco-Ausstellung auf den Kopf stellten, war der junge Alexander Liberman, späterer künstlerischer Direktor der amerikanischen Condé-Nast-Publikationen, ein faszinierter Besucher. Der gebürtige Russe revolutionierte das Layout durch sein grafisches Auge, das jede Magazinseite wie ein schnell zu erfassendes Poster anging. Indem er die konstruktivistische Ästhetik auf jedweden Inhalt übertrug, ebnete er einem Netzspektakel den Weg, durch das der User furchtlos wie ein Kosmonaut navigiert, weil es noch die atemberaubendste Meldung auf eine Bildschirm-Parzelle herunterbricht. "Die Moderne wollte immer nur in eine Richtung", sagt Tillmans, "alles andere war verboten." Dass gerade ihre künstlerische Antithese zum Vorboten eines neuen unentrinnbaren Systems werden sollte, war Ende der Achtziger noch nicht absehbar: "Damals hatten wir keine Ahnung, dass es das Digitale geben würde."

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