Die Studienstiftung des deutschen Volkes ist eine wunderbare Institution. Einem Studenten kann nichts Besseres geschehen, als Studienstiftler zu werden. Als solcher erhält er nicht nur das legendäre Büchergeld, sondern auch eine Grundsicherung des Lebensunterhalts, die von jeder entwürdigenden Kellnerei erlöst. Studienstiftler tragen ihren Kopf frei und hoch; unter anderem weil es nicht leicht ist, einer zu werden. Die besondere Begabung muss von Schule, Hochschule und/oder in einem kniffligen Test festgestellt werden. Vorurteil: Alle Studienstiftler kennen oder erkennen einander. Die Wahrheit: Es stimmt. Aber das Elitebewusstsein schlägt sich im Allgemeinen auch in einer besonderen Leistung nieder.

Unter Studienstiftlern finden sich Schriftsteller wie Hans Magnus Enzensberger und Sten Nadolny, Politiker wie Georg Milbradt (zeitweilig sächsischer Ministerpräsident), Wissenschaftler wie Gesine Schwan (zeitweilig Kandidatin für das Bundespräsidentenamt) oder Juristen wie Horst Mahler (zeitweilig linksradikal, jetzt rechtsradikal). Angenommen, ein Student wollte es ihnen heute nachtun – was käme auf ihn in dem kniffligen Test zu? Zum Beispiel müsste er aus einer unübersichtlichen Wolke von Begriffen (Kälte, Regen, Wind und so weiter) die vier herausfinden, die für eine Analogie taugen, in diesem Falle: Schirm verhält sich zu Regen wie Pelz zu Kälte.

Brisanter wäre natürlich (aber in dem echten Test ist nichts brisant), wenn man die Wolke politisch durchmischen würde, etwa mit Personen und Institutionen wie Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Horst Mahler, Frauke Petry, Bernd Lucke, AfD, RAF. Was wäre dann die Auflösung? Bernd Lucke verhält sich zur AfD wie Horst Mahler zur RAF? Insofern beide ihre Stammorganisation verlassen haben? Nun, hochbegabte Studenten würden natürlich die Fangfrage sofort erkennen. Die Auflösung besteht in keiner Analogie, sondern in einer Gemeinsamkeit: Alle angeführten Personen waren Studienstiftler und haben sich gesellschaftlich engagiert.

Bevor sich jetzt einer empört und die Stipendiatenauslese auf Abwegen sieht, sei an das Grußwort der Bundesbildungsministerin zum 90. Geburtstag der Stiftung erinnert: "Neben der Leistungsbereitschaft ist das gesellschaftliche Engagement ein wesentliches Förderkriterium." Man kann natürlich streiten, ob politischer Mord oder die Förderung von Fremdenhass wünschenswerte Formen des Engagements sind. Aber wer weiß schon, wohin sich junge Menschen entwickeln? Die Studienstiftung des deutschen Volkes ist zunächst einmal weltanschaulich neutral; mehr wollten wir zu ihrem 90. Geburtstag nicht sagen.