Immer öfter müssen fiktionale Frauen herhalten, um zu erklären, was die echten eigentlich wollen. Im frühen 21. Jahrhundert wurde Lena Dunham in ihrer Rolle in Girls auserkoren, das Wesen der jungen Frau zu ergründen, wie schon zuvor Emma Bovary oder Carrie Bradshaw. Nun gibt es wieder zwei Kandidatinnen, die die neue Weiblichkeit repräsentieren sollen. Dazu haben sie aber wenig Lust. Lieber rauchen sie einen Joint. Die Serie Broad City ist eher eine Persiflage der Figur der jungen Frau, die durch westliche Großstädte irrt.

Abbi Jacobson und Ilana Glazer spielen die Hauptrollen in Broad City und haben auch das Drehbuch dazu geschrieben. Es ist das Porträt einer Freundschaft. Ilana ist laut und chaotisch, meist äußerst unangemessen gekleidet und leidet offensichtlich an einer Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Sie versucht schon mal, Gras mit geklauten Büroutensilien zu zahlen. Abbi ist die ruhigere, organisiertere der beiden. Ein Post-it erinnert sie an den Einsatz ihres Vibrators: Dienstag, 19 Uhr. Sie putzt in einem Fitnesscenter und träumt vergeblich davon, zur Trainerin aufzusteigen. Sie ist verknallt in ihren Nachbarn, aber noch viel mehr liebt sie die Haushaltswarenkette "Bed, Bath & Beyond".

Der New Yorker kürte das Duo bereits zu "Id Girls" – wobei das "It" von "It-Girls" durch "Id" ersetzt wurde, dem englischen Wort für das freudianische Es. Wie sie das Unterbewusstsein der Weltweiblichkeit symbolisieren? Schlicht durch ihre entfesselten libidinösen Energien. Denn Abbi und Ilana sind keine vollendeten Wesen, sie sind laut und unflätig, die eine zu sehr, die andere zu wenig dünn – und es ist ihnen vollkommen egal. Ihnen fehlt nicht nur jedes Bedürfnis, den Ansprüchen der Gesellschaft an junge Frauen gerecht zu werden, diese Ansprüche werden schlicht nicht thematisiert. Schlechter Job? Geld braucht man halt. Perfekter Körper? Reich mal die Pizza rüber. Perfekte Beziehung? Nebensache – zum Leidwesen von Ilanas ewiger Affäre Lincoln, der in Umkehrung der Gendererwartungen "Warum passiert das immer mir?" seufzt. Und zwar als Ilana, während sie miteinander schlafen, anfängt, mit Abbi zu skypen.

Ihr begeistertes Publikum, das vor Lachen Tränen in den Augen hat, erkennt sich im Leben der beiden New Yorkerinnen wieder. Das liegt auch am fast dokumentarischen Stil, in dem die Serie gehalten ist. Die zwei murmeln ihren Text in ramschigen Wohnungen voller zu oft wieder zusammengebauter Ikeamöbel und tragen, was sie gerade so angehabt haben, als sie aufs Set kamen. Zur Ausstattung gehören auch die typischen finanziellen Ängste der Millennials, die die Schauspielerinnen aus eigener Erfahrung kennen. Nach dem Studium zogen beide nach New York, wo sie sich im Stand-up-Comedy-Club von Amy Poehler (Parks and Recreation) kennenlernten.

2009 begannen sie, eine Webserie aufzunehmen, die 2011 überraschend von Comedy Central gekauft wurde. Bis dahin arbeiteten sie, um ihr Leben zu finanzieren, bei einer Coupon-Website, die die Vorlage wurde für Ilanas fiktiven Arbeitsplatz bei "Deals Deals Deals", dem typischen Arbeitsort eines Millennials. Sinnfreie Arbeit, die mit einer großen Portion geheucheltem Enthusiasmus verbrämt wird ("Seid ihr auch so begeistert von den Rabatten, die wir für unsere Kunden besorgen, wie ich?"). Doch Ilana lebt vor: Man muss da ja nicht hingehen. Und wenn, kann man auch ein Nickerchen auf der Toilette halten. Oder gleich vier unbezahlte Praktikanten anstellen, die die ganze Arbeit für einen machen. Selbst schuld, wer sich dem Leistungsprinzip beugt.

So etwas treibt ihre brave Sitznachbarin Nicole zur Weißglut, die wutentbrannt Memos auf ihr Telefon spricht: "Tag 331. So laut gerülpst, dass sie sich selbst aufgeweckt hat! Tag 332. Zwei Stunden lang Münzen gezählt!" Diese Memos hört sie sich zu Hause immer wieder an. Mit dem Wiederholungszwang bestraft sie sich selbst dafür, auf das Leistungsprinzip hereingefallen zu sein. Der Neid auf Ilanas Freiheit wird als Aggressionstrieb nach innen gelenkt.

Dabei wusste schon Freud: Je mehr man auf sein Über-Ich hört, desto größer wird das schlechte Gewissen – ein Teufelskreis. Dass man daraus ausbrechen kann, zeigen Ilana und Abbi, indem sie dem Über-Ich den Stinkefinger zeigen. Während die Figuren von Sex and the City oder Bridesmaids durch ihre Beziehungen zu Männern definiert werden, steht hier die Beziehung zwischen zwei Frauen im Vordergrund. Männer verharren in der Popkultur seit geraumer Zeit in ewiger Pubertät und verweigern sich dem Realitätsprinzip – hier tun das zwei Frauen, aber ohne dabei kindisch zu wirken. Allerdings: Ihr Geschlecht spielt ohnehin keine Rolle. Wie Ilana sagt, werden wir, "statistisch gesehen, bald in einer Welt leben, in der jeder karamellfarben und irgendwie queer ist." Rasse, Geschlecht, Sexualität? Alles egal, wichtiger ist, wie man zum richtigen Frozen Yogurt kommt, wo es so viele Geschmacksrichtungen gibt.

Diese Mädchen frönen den kompromisslosen Ansprüchen ihrer primären Lebensinstinkte. Dem legt nur die Umwelt Steine in den Weg. Die anderen sind doch selbst schuld, wenn sie die Repression in ihr Über-Ich integrieren, geht doch auch ohne Neurose. Eben nicht, mahnt Sigmund Freud mit erhobenem Zeigefinger, das Glück müsse der Disziplin der Arbeit und dem Recht untergeordnet werden, sonst breche die ganze Zivilisation zusammen. Kultur sei schließlich nichts weiter als die erzwungene Ablenkung auf nützliche Tätigkeiten, gibt er mit rauchender Zigarre im miesepetrig verzogenen Mund zu bedenken. "Langweilig!", rufen Abbi und Illana und tragen ihre befreiten Sexualitäten durch die New Yorker Subway, wo sie einem chassidischen Juden einen Klaps auf den Hintern geben. Herbert Marcuse hätte wohl mehr Freude an ihnen gehabt als der olle Sigmund.

"Broad City" Sonntags, 23 Uhr auf Comedy Central

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio