Wer die Dimensionen des Dramas, das gerade in China aufgeführt wird, verstehen will, der muss das Geschehen nur einmal auf deutsche Verhältnisse übertragen. Genauer: auf den Deutschen Aktienindex. Stellen Sie sich vor, das wichtigste Börsenbarometer hierzulande wäre von 9.700 Punkten – dem Stand vor einem Jahr – auf 24.400 Punkte hochgeschnellt und dann seit Mitte Juni auf 17.600 Punkte abgestürzt. Klingt das abstrus? In der Tat. Und doch hat die Börse Shanghai genau das erlebt. Dort legte der Aktienmarkt in weniger als einem Jahr auf mehr als das Doppelte zu, nur um zuletzt binnen drei Wochen fast 30 Prozent zu verlieren. Ist das noch die nötige Korrektur oder schon der Auftakt eines allumfassenden Börsencrashs, der die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt mit sich reißen könnte?

Viele Akteure an den internationalen Finanzmärkten verfolgen die Entwicklung in China derzeit mit größerer Sorge als die Entwicklung in Griechenland. Sollte das Wirtschaftswachstum und damit die Nachfrage in China deutlich nachlassen, bekämen zum Beispiel deutsche Autobauer dies schnell zu spüren. Im Moment spricht allerdings einiges dafür, dass der ökonomische Schaden der Börsenturbulenzen geringer sein könnte als befürchtet. Der politische Schaden hingegen droht größer auszufallen als gedacht, denn die Regierung in Peking agiert bisher ohne Fortune.

Über Jahre bewegte sich die Börse in Shanghai in einem überschaubaren Korridor. Mal ging es hoch, mal runter. Im vergangenen Jahr dann begann der Staat, Geschäfte an der Börse zu fördern. Es wurde leichter, Aktien mit geliehenem Geld zu kaufen. Die Medien propagierten den Erwerb von Wertpapieren. Viele Chinesen griffen zu und trieben den Markt damit in teils groteske Höhen, in Shanghai wie auch an der Börse von Shenzhen, wo insbesondere Technologiefirmen notiert sind (ZEIT Nr. 23/15). Am 12. Juni erreichte der Aktienindex Shanghai Composite seinen aktuellen Spitzenwert.

Seither geht es rasant bergab. Internationale Beobachter, die beim Stichwort Börsencrash automatisch an 1929 und die darauffolgende Große Depression denken, sollten aber eines beachten: Das chinesische Finanzsystem unterscheidet sich von seinen Pendants im Westen. Die Unternehmen des Landes finanzieren sich sehr stark über Banken, die Abhängigkeit vom Kapitalmarkt ist geringer. Hinzu kommt, dass Aktien vor allem von Privatleuten gehalten werden, manche Schätzungen sprechen von 85 Prozent des Marktes. Das ist schlecht für die Privatleute, doch die Gefahr eines Übergreifens von Verlusten auf institutionelle Investoren scheint damit begrenzt. Und wie sehr Verluste von Privatleuten auf die Wirtschaft durchschlagen, ist nicht ausgemacht: Aktien machen oft nur einen kleinen Teil des Vermögens aus, zudem ist die Bedeutung des privaten Konsums für die Volkswirtschaft bis heute begrenzt.

Ob nun aus Sorge um die Wirtschaft oder aus Angst vor sozialen Unruhen: Der Staat hat sich entschieden, einzugreifen. Erst senkte die Zentralbank die Zinsen, dann beschloss die Regierung am Wochenende ein Bündel von Maßnahmen, das von der Gewährung neuer Finanzmittel über die Absage von Börsengängen bis zum Kauf von Aktien reichte. Derweil versuchen viele Firmen, den Handel ihrer Anteile stoppen zu lassen.

Das Problem: Anfang der Woche schienen die Maßnahmen zu verpuffen. Damit steckt der Staat, nun, da er eingegriffen hat, in einem Dilemma. Entweder geht er noch massiver vor – dann verlieren seine Pläne, die Marktkräfte walten zu lassen und das Finanzsystem zu öffnen, völlig an Glaubwürdigkeit. Oder er gibt auf und belässt es bei den bisherigen Versuchen – dann leidet sein Ruf, die Wirtschaft des Landes nach Gusto steuern zu können. Das würde die Skeptiker, die einen Rückgang des Wachstums auf unter sieben Prozent erwarten, bestärken. Was Chinas Führung auch tut: Sie verliert Vertrauen.