DIE ZEIT: Herr Offe, was ist am Wochenende in Athen geschehen?

Claus Offe: Das Referendum markiert eine Zäsur. Eine derartige Konfrontation innerhalb der EU hat es noch nicht gegeben. Es wird sich zeigen, ob es bloß Theaterdonner war oder ein Anstoß zu ernsthaften Reformen. Das Spiel ist damit nicht entschieden; es wird gerade erst angepfiffen. Die EU muss sich neu sortieren, die ersten Äußerungen aus Brüssel waren allerdings wirr, ratlos, unvorsichtig.

ZEIT: Die Formulierung des Referendums war rätselhaft. Wogegen protestierten die griechischen Wähler genau?

Offe: Stimmt, den Referendumstext konnte kaum jemand verstehen. Dennoch war der Protest eindeutig: Es war ein Aufbegehren gegen die paternalistische Bevormundung durch die Europäische Union zulasten der Griechen. Diese Bevormundung besitzt in ihrer Rhetorik eine geradezu strafrechtliche Komponente: Wir bestrafen euch, weil ihr euch schuldhaft verhalten habt. Es sollte ein Exempel statuiert werden zum Zwecke der Generalprävention: Wehe dem, der das nachmacht! Es hat nicht geholfen. Die Griechen wollen in ihrer Lage nicht auch noch behandelt werden wie ein Hund, der Männchen machen soll. Dagegen richtete sich der Volkszorn.

ZEIT: Herr Schäuble wird Ihnen sagen, Griechenland müsse sich an die Regeln halten.

Offe: Klar, nichts geht ohne Regeln. Aber was ist, wenn die Befolgung von Regeln dem ökonomischen Freitod gleichkommt? Den Niedergang des Lebensniveaus in Griechenland, die Suppenküchenatmosphäre und den Notstand im Gesundheitswesen, das können wir uns hier kaum vorstellen. Arbeitslose Familien leben allein von der Rente ihrer Eltern – das ist ihr einziges Einkommen. Es geht nicht um das absolute Lebensniveau, sondern um die Erfahrung eines steilen Absturzes in wenigen Jahren, das Minus im Sozialprodukt von 25 Prozent. Unter solchen Bedingungen wird man sich schwerlich an Regeln halten wollen, die die Lage festschreiben oder gar schlimmer machen. Der Appell an "Kompromissbereitschaft" klingt da töricht oder zynisch. Regeln gelten nur in der Regel, aber nicht in Ausnahmesituationen wie der gegenwärtigen griechischen.

ZEIT: Damit stehen Sie ziemlich allein da.

Offe: Keineswegs. Der IWF hat schon 2013 festgestellt, dass die Sparpolitik der EU Gift ist für die wirtschaftliche Wiederbelebung Griechenlands. Diese Sparpolitik hat durch ihre absehbaren Effekte den Regelbruch geradezu ermutigt.

ZEIT: In anderen Ländern trägt die Einhaltung der Regeln angeblich Früchte.

Offe: Griechenland war in einer besonders ungünstigen Lage, bedingt durch sein ruiniertes Staatswesen, die Politik der Vorgängerregierungen, auch seine wirtschaftsgeografische Lage.

ZEIT: Hat sich Tsipras’ Taktik ausgezahlt?

Offe: Seine Strategie war extrem riskant. Wenn die Institutionen feindselig reagieren oder sich rächen wollen, kann es gewaltig schiefgehen. Resultat wäre der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone mit einer raschen Verarmung des Landes und einer Beschädigung der EU.

ZEIT: Für den SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel hat Griechenland mit dem Referendum die letzten Brücken eingerissen und geht nun den Weg des Verzichts.

Offe: Das ist für einen deutschen Vizekanzler eine erstaunlich unbedachte Äußerung.

ZEIT: Glaubt man einem Ökonomen wie Hans-Werner Sinn, dann ist ein Grexit zwar schmerzhaft, aber der einzige Weg.

Offe: Schon recht. Operation gelungen, Patient so gut wie tot. Für ein so importabhängiges Land wie Griechenland wäre es furchtbar.

ZEIT: Angenommen, es geht schief. Könnte das Militär auf dumme Gedanken kommen?

Offe: Ein Obristenregime wie 1967, mitten in Europa? Wer will das schon ausschließen bei dem rechten Verteidigungsminister, der offenbar um seinen schönen Rüstungsetat bangt.