Liebe Franzosen,

Hollande – ein langweiliger Beamtentyp. Sarkozy – ein furchtbarer Schaumschläger. Le Pen – die drohende Katastrophe. Stimmt alles! Wie also soll man euch Franzosen die naive Bewunderung für die aus eurer Sicht ach so effiziente deutsche Kanzlerin nehmen?

Jedes Land hat seine guten und weniger guten Politiker, damit kommen wir im Gespräch nicht sehr weit. Also macht man euch am besten erst mal ein Kompliment, das euren derzeit so verklärten Blick auf uns verstellt: Man ist besser arm in Frankreich als in Deutschland. Immerhin. Das macht der aufgeblähte französische Sozialstaat.

Damit aber lässt sich euch Franzosen auch sagen, was die deutschen Politiker besser können: ihr Land reformieren. Ob Schröder oder Merkel, Hartz IV oder Rentenreform – die deutsche Politik hat seit der Jahrtausendwende Wesentliches bewegt. Siehe auch die Reaktion auf Pisa, die bei uns viel schneller kam als links vom Rhein. Egal ob man als Deutscher heute für oder gegen diese oder jene Reform ist, niemand ist geneigt, der Politik komplette Gestaltungsunfähigkeit zu unterstellen. Auch deshalb hat die alte These von der Politikverdrossenheit in Deutschland derzeit keine Konjunktur.

Hat sie aber in Frankreich! Und das in einem Maße, wie wir Deutschen es uns bei den an sich so politisch denkenden Franzosen oft nicht vorstellen können. Just deshalb reüssiert Le Pen, für die es bei uns kein Äquivalent gibt. Bisher jedenfalls.

Als Erklärung hilft im Gespräch mit euch Franzosen letztlich nur die deutsche Geschichte weiter. Denn ihr versteht nur sehr allmählich, wie schwer heute die großen historischen Erfolge eurer Nation, angefangen 1789, auf Frankreichs Politik lasten und jede Reform so viel schwerer machen als bei uns: Wir mussten uns 1945 neu erfinden, müssen nicht bei jeder Reform, die ans Eingemachte geht, an die Gesetze eines Napoleon ran – Franzosen aber müssen just das, besser heute als morgen. Man möchte euch gerne dazu ermuntern, ohne wieder einmal alles besser zu wissen.

Nur so weit geht die französische Liebe zu Merkel dann doch nicht: Vernünftig, pragmatisch – ja, das sei die Kanzlerin, sagen die Franzosen. Was sie aber aus Höflichkeit nicht sagen: Für die französische Politik bedarf es mehr, nämlich Visionen, Charme und Begeisterungskraft. Ein bisschen wie 1789.

Aber dieser historisch einst so befreiende Anspruch, man spürt es in jedem deutsch-französischen Gespräch, ist heute ein gefährliches Spiel: Er droht Le Pen, die noch am ehesten eine Vision hat, einen Sympathievorsprung vor Merkel zu geben.

von Georg Blume

Liebe Inder,

Deutschland hat die politische Kultur eines glücklichen Landes. Nicht dass die Deutschen immer glücklich wären; das sind sie so wenig wie andere Leute. Aber zu ihrem Glück kann die Politik nicht mehr viel zusätzlich beitragen. Sie hat schon fast alles geleistet, was Politik zu leisten vermag – sämtliche Kinder in die Schule geschickt, Straßen ohne Schlaglöcher gebaut, die Angestellten im Einwohnermeldeamt zur Bürgerfreundlichkeit erzogen. Die deutsche Politik muss keine Hungrigen mehr speisen und keine Arbeitssklaven mehr befreien, jedenfalls nicht in Deutschland. Das ist der große Unterschied zu Indien, wo für den Staat unendlich viel zu tun bleibt.

Wenn es gut läuft, dann macht diese weitgehende Staatsperfektion die deutsche Politik kühl und ruhig. Sie muss sich nicht aufplustern und mit pathetischem Gerede von der Nation ihr Versagen im Alltag verschleiern. Wenn es schlecht läuft, füllt sich der Hohlraum, in dem die Sorgen fehlen, mit Scheinproblemen. Dann wird auf Podiumsdiskussionen darüber geredet, ob ein geplantes Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten besser unterbleiben sollte, weil es die Einfuhr von Chlorhühnchen ermöglichen könnte, vor denen sich der Deutsche fürchtet.

Wem es gut geht, der möchte am liebsten, dass alles so bleibt, wie es ist. Die deutsche politische Grundstimmung ist daher konservativ, obwohl das Land modern ist – das Gegenteil von Indien, das keineswegs schon modern ist, aber ungeduldig auf die Zukunft wartet. Premierminister Narendra Modi hat im vergangenen Jahr einen triumphalen Wahlsieg errungen, indem er den Leuten ein besseres Leben versprach. In Deutschland dagegen muss ein Politiker die Zuversicht wecken, dass er den Bestand erhalten kann, die Lage im Griff hat und unangenehme Überraschungen verhindern wird. Dass die Euro-Krise beherrschbar bleibt. Dass der Streit mit Putins Russland kein neuer Kalter Krieg wird und erst recht nichts Schlimmeres. Dass das Land auch in zehn oder zwanzig Jahren noch davon reich sein kann, der Welt teure Autos zu verkaufen. Alles defensiv. Aber vielleicht am Ende keine weniger kühne Hoffnung als ein Fortschrittsversprechen für mehrere Hundert Millionen Inder.

von Jan Ross