DIE ZEIT: Herr Horch, warum liegt die Elbvertiefung im öffentlichen Interesse?

Frank Horch: In seiner über 800-jährigen Geschichte ist Hamburg zu dem Hafen für Deutschland geworden. Nicht nur wegen des Umschlags von Containern, sondern wegen der gesamten Standortentwicklung, mit sehr viel Expertise, mit Dienstleistern, Spediteuren und den Hinterlandverbindungen. Wenn man all diese Dinge zusammenrechnet, so ist das eben das übergeordnete öffentliche Interesse, das den Ausbau der Elbe erforderlich macht. Hamburg ist die Logistikdrehscheibe für Deutschland.

ZEIT: Was den Hamburger Hafen konkurrenzfähiger macht, ist aus Wilhelmshavener Perspektive nicht erfreulich.

Horch: Jeder sieht seine Interessen, das ist ein ganz natürlicher Wettbewerb.

ZEIT: Wenn Hamburg also sagt, öffentliches Interesse, meint es: Hamburger Interesse.

Horch: Deutsche Interessen!

ZEIT:Wilhelmshaven gehört auch zu Deutschland.

Horch: Aber die Leistungsfähigkeit ist dort doch nicht gegeben. Wir könnten sonst ja auch sagen: Brake ist der Hafen für Deutschland.

ZEIT: Für Hamburg wird es entscheidend sein, ob die geplante Elbvertiefung mit europäischen Umweltschutzvorschriften vereinbar ist. Das ist sie nach dem jüngsten EuGH-Urteil wohl nur, wenn Hamburg sich auf eine Ausnahme beruft. Deshalb ist jetzt das öffentliche Interesse so wichtig. Als der Europäische Gerichtshof letzte Woche erläutert hat, was eine ökologische Verschlechterung im Sinne des europäischen Rechts ist, haben Sie geantwortet, eine Verschlechterung liege auch vor, wenn jemand eine Zigarettenkippe ins Wasser werfe. Kann es sein, dass Sie das Umweltrecht nicht ganz ernst nehmen?

Horch: Nein, das Gegenteil ist richtig. Ich will nur deutlich machen, welche Richtlinie jetzt in jeder Hinsicht zu beachten ist. Verschlechterungen sind nicht zugelassen, Verbesserungen werden angestrebt.

ZEIT: Die europäische Wasserrahmenrichtlinie, auf die es nun ankommt, gibt es seit dem Jahr 2000. Wie kommt es, dass Hamburg erst kürzlich entdeckt hat, dass es für die Elbvertiefung möglicherweise eine Ausnahmegenehmigung braucht?

Horch: Das stimmt nicht. Von Beginn der Wirksamkeit der Wasserrahmenrichtlinie an gab es einen Mainstream in der Verwaltung und der Rechtswissenschaft, nach dem von einer ökologischen Verschlechterung erst dann die Rede sein kann, wenn das gesamte Gewässer in seiner Zustandsklasse verschlechtert wird. Diese Auffassung ist später in der Wissenschaft und in der EU-Bürokratie in Zweifel gezogen worden. Diese Unklarheit hat das Bundesverwaltungsgericht ja auch veranlasst, den Europäischen Gerichtshof zu fragen.

ZEIT: Hätte Hamburg sich die Rechtsauffassung früher zu eigen gemacht, die sich nun durchgesetzt hat, wäre dieses Verfahren längst abgeschlossen.

Horch: Wenn man will, kann man das so sehen. Aber ich möchte daran erinnern, dass das Bundesverwaltungsgericht in der mündlichen Verhandlung im Sommer 2014 die Teilnehmer hat wissen lassen, dass wahrscheinlich kein Projekt in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands derartig sorgfältig, umfangreich und detailgenau auf seine Umweltfolgen geprüft worden ist. Deswegen möchte ich den Vorwurf nicht stehen lassen, wir hätten uns leichtfertig und blauäugig auf irgendeine Theorie verlassen.

ZEIT: Auch in den Hamburger Behörden gibt es Experten, die das seit vielen Jahren anders sehen. Das Land stütze sich auf "eine ziemlich schräge Auslegung der Wasserrahmenrichtlinie", heißt es in einer internen Mail der Umweltbehörde aus dem Jahr 2007, die der ZEIT vorliegt.

Horch: In einem großen Gemeinwesen wie dem Stadtstaat Hamburg ist es nicht ungewöhnlich, dass selbst in den Verwaltungskreisen unterschiedliche Meinungen bestehen.