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Was für ein rührendes, ärgerliches, imposantes Ding ist doch dieses Europa. Wer zurzeit in Athen ist oder auf einer der zauberhaften Inseln, der sieht die Griechen unter den Platanen streiten, erwischt sie in deprimierten Momenten oder erlebt, wie sie ein Trotz-alledem-Lächeln probieren. Am liebsten würde man hingehen und sagen: Guten Tag, ich bin Deutscher, wir kriegen das schon hin.

Rührend und historisch beispiellos ist aber auch die kühle Fürsorge, mit der sich achtzehn andere Staaten der EU seit fünf Jahren immer wieder und seit fünf Monaten unentwegt mit dem Schicksal der elf Millionen Griechen befassen. Zunächst sicher fehlerhaft, aber dann hat Europa Griechisch gelernt, im Intensivkurs. Auch die deutsche Regierung kümmert sich in diesem Sommer weit mehr um Griechenland als um Deutschland, die Kanzlerin, die zu Beginn der Krise wohl einige Vorurteile hegte, ist nun so tief in die griechische Materie eingearbeitet, dass sie in Athen jederzeit mitregieren könnte. Enger, intensiver, ja solidarischer kann Europa kaum sein.

Gleichzeitig ist Europa zum Kotzen, weil es sich mit derart morbider Lust herunterredet, anstatt das Respektable und Anständige an sich selbst zu sehen, dass einem die Galle übergeht. Unablässig ist jetzt von links bis rechts, vom Economist bis zum Neuen Deutschland die Rede vom "Versagen", von "Scheitern", viele sehen den Anfang vom Ende der EU gekommen. Erst Griechenland, dann die Briten, dann siegt Le Pen, dann nimmt Putin Mariupol, dann, dann, dann. Absonderlich, wie sich da viele in der Apokalypse aalen, und immer so, als sei das europäische Volk, über das da geredet wird, gar nicht anwesend, als könnte es nicht lernen: also beispielsweise gerade deshalb die Briten drinzuhalten, weil die Griechen herausfallen könnten. Gerade nicht Le Pen zu wählen, weil die mit Putin fraternisiert.

Dem depressiven Diskurs fügt sich der ideologische an. Anstatt Griechenland als den Sonderfall zu behandeln, der es ist, wird es als beispielhafter Exerzierplatz für linke oder rechte Wirtschaftspolitik, für Austerität gegen Keynesianismus missbraucht. Alle, die zu Hause nicht durchdringen – weder mit purem Neoliberalismus noch mit einer Politik des Gelddruckens und Schuldenmachens –, versuchen als ideologische Kolonialisten die griechischen Inseln zu erobern. Schlimmer noch, einige glaubten sogar, mit Griechenland den Hebel gefunden zu haben, mit dem sich die Wirtschaftspolitik im gesamten Euro-Raum in eine andere Richtung kippen lässt. Auch der zurückgetretene Finanzminister Yanis Varoufakis gehört zu diesen Menschen, die nicht für Griechenland, sondern mit Griechenland Politik machen wollten.

Am Ende war die Diskussion von Ideologie vergiftet und von Untergangsängsten verpestet.

Um zu ermessen, wie absurd dieses destruktive Selbstbild ist, sei ein Blick auf das andere Extrem erlaubt: Die USA haben in den letzten anderthalb Jahrzehnten im Mittleren Osten ein unfassbares Chaos angerichtet, sie haben dort tausend Fehler gemacht und stehen nun vor einem Abgrund, an dem gemessen unsere Griechenlandkrise eine Halloween-Party ist. Und? Gehen sie in Sack und Asche? Sprechen sie vom eigenen historischen Versagen? Erwecken sie den Eindruck, ihre welthistorische Mission sei gescheitert? Kaum. Die Republikaner bezichtigen die Demokraten und umgekehrt, ansonsten heißt es: auf zu neuen Taten – ernüchtert, aber keineswegs zerknirscht. Man mag das unsympathisch finden, politisch aber ist es außerordentlich gesund.

Der EU ist es in den vergangenen fünf Jahren gelungen, eine von den USA ausgehende Finanz- und Schuldenkrise leidlich in den Griff zu bekommen, nur bei einem einzigen, kleinen EU-Land ist das noch nicht geglückt. Und? Ist hier irgendjemand stolz? Nimmt das einer als Beweis für das – grosso modo – Funktionieren der EU-Institutionen oder die Improvisationskunst der nationalen Regierungen? Keineswegs. Die EU und ihre Völker haben keinerlei Sensorium und keine Worte für die Stärke der Union – es sei denn, sie bewegt sich brav in den vorgegebenen und berechneten institutionellen und rechtlichen Bahnen.