Sieben zu eins! Sete a um! Die große Niederlage im Stadion Mineirão von Belo Horizonte ist für Brasilianer wohl das dauerhafteste Erbstück der WM geblieben. Der "Mineiraço" gegen die Deutschen war ein Weckruf für den brasilianischen Fußball, der Nationaltrainer wurde ausgewechselt, das Land debattiert über neue Strategien und die Förderung der Spielerjugend – wobei der gerade abgeschlossene Copa América gezeigt hat, wie viel da noch zu tun ist. Sieben zu eins: Der Ausdruck ist als geflügeltes Wort in den brasilianischen Sprachschatz eingegangen, als Universalbezeichnung für peinliche Niederlagen aller Art und als Pointe für Witze. "Präsidentin Dilma Rousseff hat bei der Parlamentsabstimmung heute ihr 7 : 1 einstecken müssen", liest man in der Presse. Oder: "Bei der Buchprüfung des brasilianischen Fußballbundes wurden gestern noch zwei weitere deutsche Tore entdeckt."

Eines jedoch ist nicht passiert: Brasilien ist nach der WM nicht in kollektives Selbstzweifeln versunken. Das geschah 1950, nach der Niederlage aller Niederlagen im WM-Finale gegen Uruguay. Der "Maracanaço" von dazumal führte dazu, dass Brasilianer alles, aber auch wirklich alles infrage stellten: ob man nach solch einem Versagen wirklich noch ein "Land der Zukunft" sei, eine stolze Nation aus Einwanderern unterschiedlicher Rassen und Kulturen.

Davon ist diesmal nichts zu spüren. Die WM hat Brasilien unterm Strich eher mehr Selbstbewusstsein gegeben. Die Organisation – gewagt in letzter Minute abgeschlossen und improvisiert – funktionierte: die Stadien, die Verkehrsverbindungen, die Hotels, die öffentliche Sicherheit. Das Land zeigte erst in einer Demonstrationswelle, dass es berechtigten Vorbehalten gegen die Fifa und die eigenen Politiker Ausdruck zu verleihen weiß – und präsentierte sich zum Turnierbeginn dann doch als guter Gastgeber und sportlicher Verlierer.

Das ambitionierte Unternehmen, WM-Spiele selbst noch an entlegenen Spielorten wie im Sumpfgebiet von Pantanal stattfinden zu lassen, führte die ganze Vielfalt dieses Landes vor, das erst kürzlich zur Supermacht wurde und noch vielen Menschen unbekannt ist. Und obwohl im Jahr der Weltmeisterschaft in Brasilien eine tiefe Konjunkturflaute begann, zweifelt niemand daran, dass das Land als eine wirtschaftliche und geopolitische Großmacht auf der Karte bleibt. Bei den Olympischen Sommerspielen 2016 wird man wieder mehr davon sehen.

Was leider auch geblieben ist: eine Reihe sozialer Schieflagen, die die WM besonders vor Augen geführt hat – und zwar für die Besucher aus aller Welt wie auch für viele Brasilianer selbst. Die gemäßigt linke Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff und ihrem Vorgänger Lula da Silva hat es zwar geschafft, 30 bis 40 Millionen Arme in eine bescheidene untere Mittelschicht zu katapultieren – aber trotzdem bleibt der Graben zwischen Arm und Reich gewaltig. Rings um die WM wurde deutlich, wie sehr das auch an hässlichen, egoistischen Einstellungen der wohlhabenderen Schichten liegt.

Brutal liefen die Räumungen in manchen Armutsvierteln ab, die im Vorfeld der WM Parkplätzen, WM-Gebäuden oder schlicht aus ästhetischen Gründen weichen mussten. Bulldozer zerstörten das Zuhause von Tausenden armer Familien, in vielen Fällen ohne angemessene Entschädigungen und Angebote für eine Umsiedlung, örtliche Proteste wurden niedergeknüppelt. Das alles hat die politisch tonangebende Mittelschicht in Brasilien nicht sehr interessiert – die ging zwar zum Protestieren auf die Straße, aber vor allem für ihre eigenen Belange, sehr selten für die der Armen. Im Gegenteil: In den Medien der Mittelschicht, in den Zeitungen und im Mainstream-Fernsehen, wurde manche Vertreibung sogar begrüßt, die obdachlosen Armen stellte man als "Invasoren" und "Chaoten" dar. Favelas an wichtigen Verkehrswegen Rio de Janeiros und nahe den Touristengebieten wurden vor der WM in einem ambitionierten Programm der "Pazifizierung" von Sicherheitskräften besetzt – die patrouillieren dort noch heute und werden vor den Olympischen Spielen sicher nicht verschwinden. Der Bau von Schulen, Gesundheitszentren und Sozialeinrichtungen für die Armen kam und kommt hingegen nur schleppend voran.

Statt der Hoffnung auf eine größere Anzahl sozialer Einrichtungen ist Brasilien von der WM noch etwas anderes geblieben: "weiße Elefanten". So werden die Stadien und ihre Zuwege genannt, die zu den teuersten der Welt gehören, die aber kein Mensch nutzt. Das architektonisch eindrucksvolle Mané Garrincha in der Hauptstadt Brasília zum Beispiel soll nach dem Wembley-Stadion das zweitteuerste der Welt sein. Doch die Zahl der Spiele dort liegt seit der WM im unteren zweistelligen Bereich, Brasília ist eine Stadt der Wochenendheimflieger, es gibt keine Tradition von Stadionbesuchen am Samstag oder Sonntag. Die brandneuen Riesenstadien in den Städten Cuiabá und Manaus stehen so häufig leer, dass Clubs aus dem Rest des Landes eingeflogen werden, um für Fernsehübertragungen dort zu spielen. Die Hoffnung, dass Konzerte, Massengebete von TV-Priestern und sonstige Megaevents in der Zwischenzeit die Ränge beleben könnten, hat sich nicht erfüllt. In Manaus findet zwar jährlich ein spektakulärer Cup von rund 1.000 örtlichen Amateurmannschaften statt, doch die dortigen Veranstalter mögen die neue Fifa-Arena nicht, sie bleiben lieber in ihrem alten, kleineren Stadion.

Rund zehn Milliarden Dollar hat Brasilien für die Fußball-WM insgesamt ausgegeben – so zumindest lautet die anerkannteste grobe Schätzung. Den Betrag kann der Wirtschaftsriese locker wegstecken. Bloß: Dass die WM der Wirtschaft Brasiliens einen Schub verpassen würde, dass die vielen Stadien eine Investition in die Zukunft der Städte und des ganzen Landes seien – das waren Sprüche. So etwas hörte man bloß vor der WM. Inzwischen redet niemand mehr davon.