Nachmittags kommt Tante Sonja – Seite 1

"Hausaufgaben-Betreuer gesucht! Mindestalter: 18 Jahre." So simpel kann sich eine Stellenanzeige lesen. In diesem Fall wirbt eine Hamburger Grundschule in ihrem Schaukasten um Personal für die Stunden am Nachmittag. Für die Zeit, wenn die Lehrer schon zu Hause sind, die Schule aber irgendwie noch weitergeht. Ganztagsschule nennt sich dieses Modell in Deutschland. Eine groß angelegte Versuchsanordnung mit jeder Menge Personal. Fachliche Qualifikationen scheinen dabei nicht unbedingt gefordert. Es genügt, volljährig zu sein.

Der Aufbau von Ganztagsschulen gehört zu den ambitioniertesten bildungspolitischen Reformvorhaben im Land. Als vor mehr als zehn Jahren die damals noch rot-grüne Bundesregierung beschloss, die klassische deutsche Vormittagsschule an möglichst vielen Orten bis in den Nachmittag hinein zu verlängern, waren die Versprechungen groß. "Das Programm steht für mehr Chancengleichheit in der Bildung in ganz Deutschland", hieß es. Ganztagsschulen sollten die Abhängigkeit zwischen Schulerfolg und sozialer Herkunft entkoppeln und allen Kindern ähnliche Lernchancen ermöglichen – egal, ob ihre Eltern Akademiker sind oder Arbeiter, egal, ob der Nachwuchs zwischen Bücherregalen aufwächst oder vor dem Fernseher.

Doch wer sorgt überhaupt dafür, dass der verlängerte Schultag Bildungsnachteile ausgleicht, versteckte Begabungen fördert und den Spaß am Lernen weckt?

Vormittags sind es die Lehrer, wie an einer Schule üblich. Nachmittags aber übernehmen Erzieher die Verantwortung für mehr Chancengerechtigkeit – oder auch Ehrenamtliche, Honorar- und Teilzeitkräfte, mal mit, mal ohne Qualifikation. Das oben erwähnte Stellengesuch ist nicht der einzige Verweis darauf, dass der Personalfrage an den Ganztagsschulen meist kein besonders großer Stellenwert eingeräumt wird. In ähnlicher Wortwahl werden beispielsweise auch im Internet Betreuer für die Hausaufgaben gesucht. Eine Schule in Bayern wandte sich gleich an "Eltern und Großeltern", die sich vorstellen könnten, "diese wichtige Aufgabe" zu übernehmen.

Wer sich unter Eltern an verschiedenen Hamburger Grundschulen umhört, erfährt dann auch ziemlich genau, wer am Nachmittag mit den Kindern rechnet, schreibt, Vokabeln lernt. Ein Ex- Model ist dabei, ein Rentner, ein Techniker, die Frau des Hausmeisters, eine gelernte Hauswirtschaftlerin, eine Abiturientin, eine Lehramtsstudentin, eine Mutter, die den Kindern vorschlägt: "Nennt mich Tante Sonja!" Es sind Niedriglöhner in unsicheren, prekären Arbeitsverhältnissen, in der Mehrheit Frauen. In vielen Fällen arbeiten sie auf Honorarbasis, in 450-Euro-Jobs, oft nur für ein oder zwei Stunden am Tag. Mit 10 Euro verdienen sie nicht mehr als eine Putzfrau – und sind doch Teil eines großen politischen Programms.

Denn von der zusätzlichen Lernzeit am Nachmittag sollten vor allem die Kinder profitieren, die zu Hause wenig Hilfe bekommen. Wo jemand fehlt, der mal mit dem Kind das Lesen übt oder das Einmaleins abfragt. Idealerweise hätte auch das Personal am Nachmittag Ahnung vom Stoff, stünde im Austausch mit den Lehrern, hätte das Kind im Unterricht erlebt und wüsste genau, welche Hilfe es braucht. Realität aber ist: Der Kontakt zwischen Lehrern und Betreuern fehlt oft völlig. Hinzu kommen Gruppengrößen von mehr als 20 Kindern. Laut lesen üben? Wie soll das gehen, wenn andere rechnen wollen? Auch dass das Kind jetzt endlich die Matheaufgabe versteht, weil sie ihm in Ruhe erklärt wird, ist unwahrscheinlich. Denn dafür brauchte es viel Zeit für den einzelnen Schüler – und die gibt es in der Regel nicht.

Vom großen Ideal ist wenig geblieben.

Der Langzeitstudie Steg (Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen) zufolge klagen je nach Schulform 30 bis 45 Prozent der Schulleiter über fehlende Ressourcen und Schwierigkeiten, geeignetes Personal zu finden. "Es gibt in den wenigsten Bundesländern verbindliche Vorgaben, wer den Ganztag wie gestalten soll", sagt Natalie Fischer, Bildungsforscherin an der Universität Kassel und Mitautorin der Studie.

Die bundesdeutsche Ganztagsschullandschaft gleicht einem Flickenteppich. Standards gibt es keine. Einzelne sehr gute Schulen mit durchdachter Pädagogik sind die Leuchttürme im Meer des Mittelmaßes. Die meisten Ganztagsschulen sind Halbtagsschulen mit angeklebter Nachmittagsbetreuung.

In Hamburg soll jedes Kind von der Ganztagsschule profitieren. Unabhängig von der Berufstätigkeit der Eltern. Jeder bekommt einen Platz. Die Stadt hat sich damit hervorgetan, den Ausbau der offenen Ganztagsschulen in kürzester Zeit vorangetrieben zu haben. Die Chance auf eine neue Art von Unterricht, der mit verändertem Rhythmus von Lernen, Erholung, künstlerischen und sportlichen Angeboten bis in den Nachmittag reicht, hat sie trotzdem vertan. Der Großteil der Lehrer geht mittags nach Hause, danach übernehmen freie Träger mit den von ihnen eingestellten Erziehern und Hausaufgabenbetreuern den Nachmittag. Ein wirkliches Miteinander entsteht so nicht, Zeit für Absprachen, den Austausch über einzelne Kinder gibt es viel zu wenig. "Wenn Lehrer und Erzieher zusammenarbeiten wollen, müssen sie das in ihrer Freizeit tun. Bezahlt wird das nicht", sagt Stefan Clotz. Er ist Unternehmensberater und coacht Lehrer und Erzieher, die an Ganztagsschulen arbeiten.

Das System Ganztagsschule krankt an allen Enden

"Viele Erzieher stellen fest, dass sie von Lehrern nicht auf gleicher Augenhöhe wahrgenommen, oft nicht mal gegrüßt werden", sagt Clotz, "das war keine Liebesheirat, die da auf dem Schulhof stattgefunden hat." Was den Erziehern fehlt, sind Anerkennung und Geld. Auf einer 20-Stunden-Stelle verdienen sie oft nicht mehr als 1.200 bis 1.500 Euro brutto im Monat. Um die Erzieher besser in den Schultag einzubinden, müssten ihre Stellen aufgestockt werden, sagt Clotz. Aber das Geld werde gespart, auch weil die Betreuung für Eltern weitgehend kostenfrei bleiben soll.

Die Politik hat ihr Versprechen vergessen

Der Ganztag als Billiglösung verfehlt aber seine Wirkung. "Kinder lernen dort bisher nicht mehr oder besser als an Halbtagsschulen", sagt der Dortmunder Schulforscher Wilfried Bos, der für den Aktionsrat Bildung vor einiger Zeit ein Gutachten zum ganztägigen Lernen an Grundschulen verfasste. Der Schulerfolg bleibe weiter vom Elternhaus abhängig. "Das liegt daran, dass das Potenzial von Ganztagsschulen nicht genügend genutzt wird, um Kinder individuell zu fördern", sagt Bos. "Wenn ein Rentner die Hausaufgaben kontrolliert und eine frühere Bäckereifachverkäuferin danach mit den Schülern bastelt, wirkt sich das nicht auf das Leistungsniveau der Kinder aus."

Ein Ziel immerhin habe die Ganztagsschule erreicht, sagt Bos. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. "Aber eine bessere Förderung von Kindern aus sozial schwierigen Verhältnissen gibt es nicht durchgehend." Und dieses Ziel stehe auf der politischen Agenda auch längst nicht mehr im Vordergrund.

Die Politik hat ihr einstiges Versprechen vergessen. Obwohl sich an der Ungerechtigkeit des deutschen Schulsystems kaum etwas verändert hat. Grundschüler aus sozial benachteiligten Familien hinken Kindern aus höheren sozialen Schichten allein beim Lesen rund ein Schuljahr hinterher.

Wilfried Bos hat außerdem festgestellt, dass gerade mal ein Drittel der offenen Ganztagsschulen ein Konzept für die Verzahnung von Unterricht und außerunterrichtlichen Angeboten bereit halte. Hamburg zum Beispiel wertet seine Ganztagsschule durch ein umfangreiches, zum Teil kostenpflichtiges Kursprogramm von privaten Anbietern auf. So kommen Turnen, Thai Chi, Tennis und Töpfern an die Schule. Für zahlungskräftige Eltern eine willkommene Gelegenheit, ihre Kinder individuell zu fördern. Alle anderen, die das Geld für die Kurse nicht aufbringen können, haben Pech gehabt. Von Chancengleichheit keine Spur.

Das System Ganztagsschule krankt an allen Enden – und es macht krank. In Berlin geben 13 Prozent der Erzieher an, jeden Tag emotional ausgelaugt zu sein, 16 Prozent fühlen sich durch ihre tägliche Arbeit "ausgebrannt". Die Zahlen stammen aus einer aktuellen Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), für die 1.400 Erzieher an Berliner Ganztagsgrundschulen befragt wurden. Dabei haben diese noch vergleichsweise gute Bedingungen. Die Mehrheit der dortigen Erzieher hat Vollzeitstellen und begleitet die Kinder zum Teil auch mit im Unterricht. Das aber wiederum führt dazu, dass Erzieherinnen oft als Vertretungslehrer eingesetzt werden, obwohl sie gar nicht unterrichten dürfen. Viele geben in der Studie an, sich nur als "Notnagel", "Kinderaufpasserinnen" oder "Spieltanten" wahrgenommen zu fühlen. Und was 98 Prozent der befragten Erzieher laut Studie als besonders belastend empfinden: dem einzelnen Kind nicht gerecht werden zu können.

Der Betreuungsschlüssel von 1 : 22 im offenen Ganztag existiere nur noch auf dem Papier, sagt Doreen Siebernik, Landesvorsitzende der Berliner GEW. Der hohe Stressfaktor führe zunehmend dazu, dass Erzieherinnen ausstiegen und nach fünf bis sechs Jahren ganz aufhörten. Und weil es auch in Berlin wie in vielen anderen Gegenden Deutschlands kaum noch Erzieher auf dem Arbeitsmarkt gibt, werden auch hier immer öfter Quereinsteiger eingestellt, die parallel zu ihrer Arbeit mit den Kindern die Ausbildung als Erzieher nachholen. "Einige haben vorher noch nie mit Kindern zu tun gehabt", sagt Siebernik.

Dass man mehr Chancengleichheit nicht mit Menschen erreicht, die schlecht ausgebildet, überlastet und miserabel bezahlt sind, darüber sind sich alle einig. Ein System des Mittelmaßes als Erfolg zu feiern ist eine Zumutung für alle Kinder, die auf der Ganztagsschule viele Stunden ihres Lebens verbringen. Sie können zu Recht erwarten, dass die Politik endlich verbindliche Standards festlegt und ihre Erzieher und Betreuer deutlich besserstellt. Alles andere bleibt ungerecht.