Der Mitarbeiter einer Großbank sollte eine Überweisung von 1,4 Millionen Dollar weiterleiten, doch plötzlich wurde er stutzig: Ähnelte der Name des Kontoinhabers nicht dem eines verurteilten Kriminellen? Seine Erinnerung täuschte ihn nicht. Ermittlungen der Bank und der staatlichen Behörden ergaben, dass der Kriminelle – kaum aus dem Gefängnis entlassen – schon wieder Finanzbetrug und Geldwäsche organisierte. Der Mann wurde am Flughafen verhaftet. Mehr als 20 Millionen Dollar wurden auf Konten seiner Briefkastenfirmen eingefroren.

Beschrieben wird dieser Fall in einem Bericht der Egmont-Gruppe, des internationalen Zusammenschlusses von 150 Ermittlungsbehörden aus aller Welt, die gemeinsam grenzüberschreitende Finanzkriminalität bekämpfen. Der Bericht nennt keine Details, wo und wann sich der Fall zugetragen hat, doch er könnte sich gut in der Londoner City ereignet haben. Mit seinen zahlreichen in- und ausländischen Banken, mit seinen engen Kontakten zu anderen Börsenplätzen sowie zu vielen Offshore-Zentren der Welt, mit seinen Anwälten, Computerspezialisten, Wirtschaftsprüfern, Vermögensverwaltern und Immobilienmaklern eignet sich der führende europäische Finanzstandort nicht nur gut für Geschäfte, sondern auch für Geldwäsche. Großbritannien ist häufiger in Fälle von Finanzkriminalität verwickelt als viele andere Länder.

Das kratzt am Ruf der City und stellt sogar eine "strategische Gefahr für Großbritannien" dar, warnt die National Crime Agency (NCA). Der Chef dieser noch recht jungen Ermittlungsbehörde, Keith Bristow, hat klargemacht: "Mit großer Wahrscheinlichkeit werden jedes Jahr Hunderte von Milliarden Dollar kriminellen Vermögens über das britische Bankensystem geschleust und gewaschen." So kann es nicht weitergehen – zumal der Druck seitens der Europäischen Union steigt. Im Juni hat Brüssel die vierte Richtlinie* zur Bekämpfung von Geldwäsche verabschiedet.

Es war die britische Innenministerin Theresa May, die 2013 die NCA ins Leben gerufen und damit die zuvor über mehrere Behörden verteilten Kämpfer gegen Organisierte Kriminalität aller Art unter einem Dach gebündelt hat. Stolz verkündete sie Anfang dieses Jahres, dass die NCA dabei geholfen habe, mehr als 3.000 Personen festzunehmen, 415 Kriminelle zu verurteilen, 210 Tonnen Drogen und 700 Waffen zu beschlagnahmen sowie Gelder in Höhe von umgerechnet gut 30 Millionen Dollar zu retten. Doch, Moment: Warum nicht mehr? Wenn doch im Jahr Hunderte von Milliarden Dollar über Großbritannien gewaschen werden?

Die kurze Antwort ist: Die Ermittler kämpfen gegen Windmühlen. Die Entwicklung des Internets, die globalen Kapitaltransfers, anonyme Rechtsformen, digitale Währungen und mangelnde Aufsicht in vielen Schwellenländern machen es den Kriminellen immer leichter.

Die lange Antwort ist komplexer und hat auch damit zu tun, dass die staatlichen Mittel für die Bekämpfung der Geldwäsche abgenommen haben.

Die meisten Banken haben ihre Lektion inzwischen gelernt. Noch 2012 stellte die Londoner Bankenaufsicht unsägliche Mängel der Branche beim Kampf gegen Geldwäsche fest. Selbst die Edelbank Coutts, die die Queen zu ihren Klienten zählte, wurde bestraft, weil die Bank es systematisch unterlassen hatte, die genaue Identität ihrer Kunden – unter ihnen einige dubiose Potentaten mit verdächtigen Vermögen – zu überprüfen. Als dann die Großbank HSBC wegen fragwürdiger Dienste für Drogenhändler 1,9 Milliarden Dollar an amerikanische Behörden zahlen musste, war ein Wendepunkt erreicht. Zwar wurde die Bank dieses Jahr nochmals wegen des Vorwurfs der Beihilfe zur Steuervermeidung in der Schweiz in die Mangel genommen, doch die Vorwürfe bezogen sich auf Fälle aus der Vergangenheit, und das Verfahren der Schweizer Behörden endete auch bald. Inzwischen gibt es wohl nur noch dumme Banker, die bei Geldwäsche nicht sofort einlenken. So wurde im Frühjahr die Bank of Beirut von der Aufsicht bestraft, weil zwei Mitarbeiter die Behörde wiederholt hinters Licht geführt hatten.

Von solchen Fällen abgesehen, haben viele Banken in den Kampf gegen Geldwäsche investiert. Sie haben im vergangenen Jahr 2000 neue Fachkräfte auf dem Arbeitsgebiet eingestellt und ihre Software vielfach angepasst. Diese meldet den Behörden nun jede noch so kleine Merkwürdigkeit, die aus dem täglichen Strom der Finanzüberweisungen als verdächtig herausgepickt wird. Jeden Monat feuern die Banken mehr als 25.000 dieser "Suspicious Activity Reports", kurz SARs, an die Ermittlungsbehörden ab. In der gesamten Finanzbranche sind es mehr als 350.000 Meldungen im Jahr.