DIE ZEIT: Was überhaupt bedeutet Sustainable Development Goals? Das wüssten vier von fünf Abgeordneten gar nicht. So frotzelte kürzlich ein Bundestagskollege von Ihnen, und das just bei einer Veranstaltung zu den geplanten nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen. Ist das nicht ein Armutszeugnis für die Entwicklungspolitik?

Gerd Müller: Es spornt mich an, allen Menschen diese Zukunftsthemen näherzubringen, und zwar in verständlicher Sprache. Deshalb bin ich dem Papst so dankbar für seine Enzyklika. Er spricht sehr konkret an, worum es jetzt geht: um eine neue weltweite Partnerschaft, um einen Ausgleich zwischen Arm und Reich, um den Erhalt der Schöpfung und um unsere Verantwortung für die Zukunft.

ZEIT: Ganz neu ist bei diesen SDGs ...

Müller: ... jetzt muss ich lächeln. Sie verwenden ihn auch, den Jargon.

ZEIT: Weil es schneller geht ... Also noch einmal: Die Nachhaltigkeitsziele markieren einen globalen Sinneswandel. Früher haben reiche Regierungen gezahlt, Entwicklung war etwas für arme Nehmerländer. Jetzt sollen sich alle Staaten verändern. Ist auch Deutschland plötzlich Entwicklungsland?

Müller: Wir reisen ja am Sonntag zur UN-Konferenz für Entwicklungsfinanzierung nach Addis Abeba. Dort ist Lucy, das erste menschliche Skelett, im Museum zu sehen. Äthiopien ist die Wiege der Menschheit. Insofern sind wir alle Afrikaner mit Migrationshintergrund. Aber es stimmt: Die Nachhaltigkeitsziele sollen jetzt für alle gelten, und das ist ganz neu. Sie sind universell und verbindlich. Das ist die Zielvorgabe für New York ...

ZEIT: ... wo die Nachhaltigkeitsziele im September verabschiedet werden sollen.

Müller: Wir einigen uns dort auf einen Weltzukunftsvertrag. Wenn heute hundert Menschen auf dem Planeten so viel besitzen wie die Hälfte der Menschheit und wenn ein Fünftel der Menschen vier Fünftel der Ressourcen verwendet, dann wird klar: Dieses Konsumieren und Wirtschaften trägt nicht in die Zukunft. Deshalb müssen wir neu lernen zu teilen.

ZEIT: 17 Ziele mit 169 Unterzielen stehen im Entwurf für diesen Vertrag. Sie richten sich auf Armutsbekämpfung, Bildung, Gesundheit, die Wasserversorgung, den Artenschutz et cetera. Viele Kritiker halten diesen Riesenkatalog für viel zu unkonkret.

Müller: Solche Vorgaben und Ziele sind extrem wichtig. Es geht darum, Fortschritte messbar zu machen. Zum Abkommen gehört ein weltweites Überprüfungssystem, um zu messen, wie gut jedes einzelne Land die Ziele erreicht. Wir ziehen ja in diesem Jahr zugleich Bilanz bei den auslaufenden Millenniumszielen – und da sieht man die Erfolge. Neun von zehn Kindern auf diesem Planeten gehen jetzt zumindest zur Grundschule. Es gibt große Erfolge bei der Halbierung der Kinder- und Müttersterblichkeit ...

ZEIT: Gerade bei der Müttersterblichkeit hinkt die Verwirklichung dem Anspruch deutlich hinterher!

Müller: Gewiss, es reicht noch nicht. Wir müssen uns jetzt neu verpflichten.

ZEIT: Welche Chancen wird eine Bäuerin in Äthiopien oder Indonesien haben, diese neuen Ansprüche auch geltend zu machen?

Müller: Entwicklung ohne eine starke Zivilgesellschaft führt nicht zum Ziel. Deshalb müssen wir diese weiter unterstützen. Ich will mich in Addis Abeba zudem für eine Stärkung der Menschenrechte einsetzen. Auch die Kanzlerin hat auf dem G-7-Gipfel dazu aufgerufen. Die Würde des Menschen ist unantastbar, und dazu gehört das Recht auf Nahrung, auf Gesundheit und Gleichberechtigung. Auf dem Papier gilt das in den meisten Staaten alles, doch es fehlt an der Umsetzung.

ZEIT: Gerade haben Menschenrechtsexperten der UN betont, diese Ziele seien nur so stark wie die Gruppen, die bei der Umsetzung nachhaken. Doch in immer mehr Ländern werde die Meinungsfreiheit beschränkt, die Arbeit von Organisationen und Aktivisten massiv beschnitten.

Müller: Zu der Good Governance, also der guten Regierungsführung, die wir überall fordern, gehört Teilhabe. Die kann man nicht von oben verordnen. Besonders wichtig ist Bildung, besonders für Frauen, denn durch sie entsteht eine demokratisierende Eigendynamik. Schließlich werden moderne Kommunikationsmittel in den Entwicklungsländern kaum vorstellbare Veränderungen bewirken. Drei von fünf Afrikanern besitzen ein Smartphone. Die Frage ist: Welche Informationen gelangen über diese Kanäle in die Dörfer? Werden sie zur staatlichen Indoktrination missbraucht oder zur gesundheitlichen und politischen Bildung genutzt?

ZEIT: In Addis Abeba wird sich zeigen, wie viel Geld für die Nachhaltigkeitsziele bereitsteht. Die reichen Regierungen zeigen wenig Engagement ...

Müller: Konsens in Europa ist es, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit bereitzustellen.

ZEIT: Die legendären 0,7 Prozent! Der jüngste Beschluss der EU-Minister schiebt sie wie seit Jahrzehnten auf – diesmal bis 2030.

Müller: Die 0,7 Prozent sind dennoch ein starkes Signal für andere Regionen. In Deutschland schaffen wir zwar "nur" 0,41 Prozent, aber die absoluten Zahlen haben sich während der Kanzlerschaft Angela Merkels verdoppelt. Das müssen wir fortführen. Außerdem wollen wir uns in Addis Abeba darauf festlegen, 0,2 Prozent für die am wenigsten entwickelten Länder einzusetzen.

ZEIT: Auch Deutschland fördert allen voran die vielversprechenden Entwicklungsländer. Schichten Sie mehr Geld zugunsten der Ärmsten um?

Müller: Das ist ein dynamischer Prozess. Wir verstärken etwa die strategische Zusammenarbeit mit China noch, denn ohne Peking können wir die Zukunftsfragen nicht lösen. Aber China braucht nicht mehr den Einsatz unserer direkten Fördermittel. Dieses Geld wird für die Ärmsten umgewidmet. In Addis wollen wir darüber hinaus die Privatwirtschaft intensiver in die Entwicklungsfinanzierung einbinden.