And the winner is ... Griechenland. Auf den ersten Blick ist dieses Fazit der bestimmt nicht letzten Krise absurd. Athen ist doch schon pleite, seitdem es die fälligen 1,55 Milliarden Dollar nicht an den Weltwährungsfonds zurückzahlen konnte. Die Banken bleiben zu, nur stockend rinnt das Bargeld aus den Automaten. Und Europas Mächtige – Angela Merkel mit François Hollande im Schlepptau – geben sich eiskalt, nachdem das Griechenvolk der EU am Sonntag den hochgereckten Mittelfinger gezeigt hat. Erst einmal keine weiteren Gespräche, heißt es.

"Grexit", "Kollaps", "Notlage" wallen durch die hiesige Presse, allen voran die Bild-Zeitung mit der Parole "Kein drittes Hilfsprogramm für Athen!", Der Berliner sagt hier: "Det wolln wa mal sehn." Strategen reden nüchterner von der "Stärke der Schwachen". Kinder beherrschen diese Kunst perfekt. "Hau mich doch", trotzen sie im Bus der Mutter. Und die traut sich nicht, weil sie sich selber noch schärfer bestrafen würde, indem sie Protest und Abscheu auf sich zieht.

Auch im Miteinander der Staaten funktioniert das Prinzip "Schwäche ist Macht". Der Bündnisführer, der mindere Mitglieder züchtigen will, riskiert die Selbstbestrafung, weil er die gesamte Allianz schwächen und sich selber schädigen würde. Beispiel: Gerade mal ein Jahr hat Obama sein Waffenembargo gegen das ägyptische Putschregime durchgehalten, dann lieferte er wieder F-16-Jets an Kairo.

Aufs Feinste beherrscht der griechische Premier Alexis Tsipras diese Kunst. Seit seiner Wahl trotzt und trumpft er, lässt er die Euro-Gruppe und die "Eiserne Kanzlerin" (Bild) zappeln und greinen. "Schmeißt mich doch raus, schneidet mir doch die Luft ab", signalisiert er stumm, "ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt."

Wem wäre denn mit Grexit-plus-Default geholfen? Den Griechen nicht, der EU noch weniger. Wie Argentinien, das im Jahr 2002 aus der Quasi-Währungsunion mit dem Dollar ausbrach und den Peso auf ein Viertel abwertete, würde das höchst verschuldete Land den Zugang zu den Kapitalmärkten verlieren und noch tiefer in die Verarmung stürzen.

Soll es doch? Gemäß dem vertrauten Spruch aus Voltaires Candide, wonach es gelegentlich nützlich sei, jemanden zu exekutieren, pour encourager les autres – um die anderen zu ermuntern, auf dem Pfad der Tugend zu bleiben. In diesem Fall jene Länder, die sich wie Portugal und Spanien am Riemen gerissen und ihre Finanzen in Ordnung gebracht haben.

Grexit-Fans vergessen, dass Hellas auch dann noch immer Mitglied der EU und somit Wohlfahrtsempfänger bliebe. Zwar gäbe es keine Stütze aus den Euro-Rettungsfonds mehr, auch keine EZB-Liquiditätshilfe für die todkranken Banken. Aber EU-Milliarden würden weiter fließen. Da wären der Struktur- und Kohäsionsfonds, dazu kämen Milliarden aus dem Zahlungsbilanz-Topf, der für Not leidende EU-Staaten bereitsteht.

Ein Grexit und eine Staatspleite würden aber die Lage verschlimmern, weil die Märkte keinen Cent mehr gäben. Der Nutzen einer Abwertung wäre demgegenüber begrenzt. Ein Beispiel: 40 Prozent der griechischen Exporte sind Erdölprodukte. Bloß muss das Land jedes einzelne Fass importieren. Der kräftig verteuerte Einkauf würde den Exportvorteil zunichtemachen.

Erhebend ist solche Analyse nicht, legt sie doch nahe, dass Europa um fast jeden Preis ein Land retten müsse, das es nicht verdient, weil es seit Jahren auf Kosten der anderen lebt, selbst auf die der baltischen Kleinstaaten. Die Griechen für ihre Hybris zu bestrafen wäre gewiss Seelenbalsam für Merkel und Kollegen, die von Tsipras und seinem Ex-Finanzminister monatelang belogen und ausmanövriert worden sind. Doch sind gerechtfertigte Gefühle nicht "zielführend", wie es auf Neudeutsch heißt.

Warum, das hat der Weltwährungsfonds (IWF) am 26. Juni unter dem Titel Preliminary Draft Debt Sustainability Analysis erklärt. Alltagssprachlich ausgedrückt, lautete die Einschätzung: "Athen kann nicht zahlen und wird es jahrzehntelang nicht können."

Dabei hatte die Kanzlerin den IWF unbedingt in den Verhandlungen mit Athen dabeihaben wollen: Neben EU-Kommission und EZB sollte der Washingtoner IWF ein Gegengewicht zu den gnädigeren Europäern bilden. Zwar gibt der Bericht des Währungsfonds der deutschen Kanzlerin en passant recht: Ja, die Griechen müssen sparen und reformieren; hätten sie ihre Pflicht brav erfüllt, wären sie heute auf einem guten Weg.

Aber dann breitet der IWF auf 23 Seiten die rüde Wahrheit aus: Erstens braucht Athen in den nächsten drei Jahren 60 Milliarden Euro an Finanzhilfe. Zweitens müssten seine Schulden "umstrukturiert", sprich: die Laufzeiten von 20 auf 40 Jahre verlängert werden. Drittens: Bessert sich der Patient nicht, steht ein "Haircut" (ein Schuldenschnitt) von 53 Milliarden Euro an.

Für Tsipras klingt das wie Weihnachten im Juli. Es wird nicht genauso kommen, wie der IWF es prophezeit. Aber die Stärke der Schwachen wird ihre Wirkung entfalten. Denn wenn erst das Bankensystem und dann die Wirtschaft kollabiert, werden Merkel und Kollegen die Verantwortung dafür tragen wollen, als Meuchler Griechenlands dazustehen? Europa wird viel, Athen wenig geben müssen.

Eine so kaltäugige Analyse muss allerdings auch die Horrorseite der Medaille beleuchten. Gewinnen die Tsipristen, wird Euro-Land verlieren. Warum sollten nun die Reformwilligen in Iberien, die reformmüden Franzosen und Italiener weiter Opfer bringen, wenn die Griechen mit ihrer selbstsüchtigen Strategie davonkommen?

Seit 45 Jahren sinkt das EU-Durchschnittswachstum sachte, sachte um einen halben Prozentpunkt pro Dekade. Der EU-Anteil am globalen Wirtschaftsprodukt ist um neun Punkte gefallen. Das müssen Merkel und die Troika wissen, wenn sie das Handgemenge mit Athen wieder aufnehmen. Die alten Griechen haben Europa vor den Persern gerettet. Rettet Europa die neuen Griechen nicht vor sich selbst, indem es mit der unumgänglichen Hilfe Disziplin und Erneuerung durchsetzt, wird der leise Niedergang voranschleichen.

Die winzige griechische Wirtschaft zu alimentieren könnte Europa sich leisten, nicht aber die Folgekosten für alle anderen im Verbund der 28 Mitgliedsstaaten.