Wenn alles, was vor dem griechischen Referendum gesagt wurde, auch anschließend noch gelten würde, wäre die Euro-Zone nun dabei, den Grexit zu organisieren. Erst einmal scheint das Gegenteil der Fall: Am Dienstagabend saßen die Regierungschefs in Brüssel zusammen, um neue Verhandlungen vorzubereiten; am Mittwoch (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) wollte Alexis Tsipras ein neues Hilfsprogramm beantragen. Auf die größtmögliche Konfrontation folgt – sehr europäisch – der neuerliche Versuch, doch noch eine gemeinsame Lösung zu finden.

Diese Lösung könnte sogar größer ausfallen, als sie vor dem Referendum geplant war. Von einem Hilfsprogramm für mehrere Jahre hat Angela Merkel gesprochen. Die griechische Regierung müsste sich zu mehr Reformen verpflichten als bislang geplant, im Gegenzug würde das Land mehr Geld bekommen. Und die Aussicht auf eine Erleichterung der Schulden. Ob es so kommt? Oder scheitert am Ende auch dieser Versuch? Es wäre dann tatsächlich wohl der letzte. Die Zeit ist knapp, und die Interessen der Akteure sind sehr unterschiedlich.

Angela Merkel, Bundeskanzlerin

Die Kanzlerin trägt jetzt Gefechtsmontur. Am Dienstag dieser Woche zeigte Bild ein großes Foto von Angela Merkel mit Pickelhaube – auf dass "die Eiserne Kanzlerin" bloß hart bleibe im Umgang mit Griechenland. Dazu passt eine Umfrage, die Bild in den Tagen davor veröffentlichte: 43 Prozent der Deutschen würden jetzt CDU/CSU wählen, so viele wie nie seit der letzten Bundestagswahl. Weil Merkel so hart gegenüber den Griechen war, sollte das heißen.

Am Dienstagabend in Brüssel trat die Kanzlerin dann, natürlich, doch ohne Pickelhaube auf. Durch das Referendum seien "die Spielräume geringer" und "unsere Erwartungen klarer geworden", sagte sie. Klar ist aber auch: So wie in der Vergangenheit kann es in den Verhandlungen mit Griechenland nicht weitergehen.

Ein Ende würde Klarheit schaffen. Für einen Grexit würde Merkel zu Hause viel Applaus bekommen. Unter Merkels eigenen Leuten in der Unionsfraktion schwindet ohnehin die Bereitschaft, überhaupt noch einmal über ein griechisches Hilfsprogramm abzustimmen. In der EU aber wäre Merkel – wäre Deutschland – schnell als Schuldige ausgemacht.

Schon allein deshalb wird sie weiter verhandeln, womöglich sogar den Griechen weiter entgegenkommen. Viel weiter als Finanzminister Wolfgang Schäuble, der intern seit Wochen auf den Grexit drängt. Den will Merkel eigentlich nicht, weil sie die politischen Folgen für die EU für unkalkulierbar hält. Und kommt er doch, will sie nicht als Schuldige ausgemacht werden können.

François Hollande, Staatspräsident

In den vergangenen Monaten sah es so aus, als sei er bloß mit von der Partie, wenn Angela Merkel weltpolitisch unterwegs war. Nun aber muss Frankreichs Präsident wohl derjenige sein, der den Griechen eine Hand hinhält, natürlich nicht ohne ermahnend die andere zu heben. Angela Merkel kommt für diesen Part kaum mehr infrage.

Eine solche neue Rollenverteilung käme François Hollande innenpolitisch zupass. Frankreich und auch das sozialistische Regierungslager selbst sind gespalten wie zur Zeit des französischen Referendums vor zehn Jahren, als sich eine knappe Mehrheit gegen den europäischen Verfassungsvertrag aussprach. Doch nur wenn Hollande seine Truppen zusammenhält, hat er in den Präsidentschaftswahlen 2017 eine Chance, wenn überhaupt.

Ihm stehen schwere Zeiten bevor. Im Herbst wird die Nationalversammlung das Budget beraten, und in seiner Partei liebäugeln viele damit, den Privathaushalten und Lokalverwaltungen mehr Steuergeld als bisher zufließen zu lassen. Und sollte bis dahin die griechische Angelegenheit etwas weniger Wellen schlagen, könnten Frankreichs eigene Reformmüdigkeit und haushaltspolitische Inkonsequenz auch wieder zum Thema der Euro-Zone werden.

Schon einmal, 2012, hat Hollande versucht, die europäischen Spielregeln neu zu definieren, als er mit Südeuropäern oder wahlweise deutschen Sozialdemokraten die deutsche Kanzlerin einzukreisen suchte. Das ist damals schiefgegangen, und er wird das Risiko eines neuerlichen Scheiterns meiden. Weshalb Hollande jetzt "wie auf Eiern geht" – ein treffender französischer Ausdruck.

Mario Draghi, EZB-Chef

Er würde sich am liebsten aus allem heraushalten, aber es gelingt ihm nicht. Als Präsident einer unabhängigen und demokratisch nur begrenzt legitimierten Notenbank, der Europäischen Zentralbank (EZB), ist Mario Draghi eigentlich nicht zuständig für die hochpolitische Frage, wie es mit Griechenland weitergeht. Er will, dass die Staatschefs entscheiden und die finanziellen Konsequenzen ihrer Entscheidung tragen. Deshalb versucht er zu verhindern, dass durch sein Handeln Fakten geschaffen werden, auch wenn er dabei die geltenden Regeln arg dehnen muss. Die Notkredite für die griechischen Banken etwa hat er nach dem Abbruch der Verhandlungen zwar gedrosselt, aber nicht gestrichen – und wenn es doch einen politischen Deal geben sollte, wird er sie erhöhen.

Gibt es keinen Deal, würde es am Ende doch Draghi sein, der den Stecker zieht, weil die EZB nun einmal den Währungsraum mit Geld versorgt. Und noch aus einem zweiten Grund ist Draghi eine der zentralen Figuren. Er muss kein Parlament konsultieren, wenn er frisches Geld benötigt. Er kann es einfach drucken. Das unterscheidet ihn von den übrigen Akteuren in diesem Drama. Deshalb ist es für alle anderen verführerisch, die Kosten einer Rettungsaktion auf die EZB abzuwälzen – und damit zu verschleiern.

Christine Lagarde, IWF-Direktorin

In den USA gilt sie als Büttel der Deutschen, in Deutschland als Agentin der Amerikaner (oder mindestens als wankelmütige Französin): Christine Lagarde hat als Chefin des Internationalen Währungsfonds eine der undankbarsten Rollen. Der IWF hat sich auf Drängen Angela Merkels an der Griechenlandrettung beteiligt. Der Fonds gilt als besonders erfahren im Umgang mit Krisenländern, weil er sich seit mehr als einem halben Jahrhundert um die besonders schweren Fälle kümmert.

Im IWF aber geben die Amerikaner fiskalpolitisch den Ton an, und die drängen seit Langem darauf, den Griechen einen Teil ihrer Schulden zu erlassen. In der vergangenen Woche hat der Währungsfonds eine Untersuchung vorgelegt, aus der hervorgeht, dass Griechenland ohne einen Schuldenschnitt wirtschaftlich nicht mehr auf die Beine kommt. Seitdem hat Merkel ein Problem: Sie hat sich gegen den Schuldenerlass ausgesprochen, weil die Europäer die Kosten tragen müssten (und aus Sorge, es werde dann gar keine Reformen mehr geben). Nun muss sie erklären, warum gerade der von ihr gepriesene IWF genau diesen Schuldenschnitt empfiehlt.

Für Lagarde kommt dieser Konflikt reichlich ungelegen. Sie strebt eine zweite Amtszeit an und braucht dafür die Unterstützung aus Berlin. Und aus Washington.