Jetzt, da die Griechen womöglich bald wieder draußen sein werden, fragt man sich, wie sie eigentlich in die Euro-Zone hineingekommen sind. Die übliche Antwort darauf ist bekannt: Die Griechen haben ihre Statistiken geschönt, und die Europäer, allen voran die rot-grüne Bundesregierung, haben das hingenommen. In der Psychopathologie des Schönens und Schummelns gab es in der Gründungsphase des Euro viele Mitspieler. Und nicht nur die Deutschen haben die Augen vor den wahren Zahlen aus Athen geschlossen.

Warum wollte man die Griechen um jeden Preis dabeihaben? Weil Europa minus Athen ödeste Brüsseler Langeweile ergibt? Das ist zu vermuten. Europa minus Athen, dachte man, ist ein reines Finanzprodukt. Und an dieser Stelle kamen die alten Griechen ins Spiel und das schöne Bild von Europa auf dem Stier, mit dem inzwischen Hunderte von Zeitungsartikeln über das wahre, das geistige Europa illustriert wurden. Also nahm man das halb bankrotte Land wegen seiner Vorfahren und des sagenhaften Rufs, den diese in der ganzen Welt genießen, in die Euro-Zone auf: als Schleife auf den Brüsseler Finanzpaketen. Die Werte, die Griechenland im Staatshaushalt fehlten, hatte es zum Ausgleich im Götterhimmel. Man kann nicht alles auf einmal haben, Götter und Geld. Man muss sich entscheiden. Und die Griechen hatten eben die Götter.

Rückblickend muss man sagen: Auch in dieser Frage wurden die Statistiken geschönt. Diesmal allerdings nicht von den Griechen, sondern von ihren deutschen Bewunderern in Tübingen und Weimar. Es waren deutsche Dichter und Philologen, die über dem Anblick griechischer Kunstwerke den Verstand verloren und die alten Griechen zu Halbgöttern der edlen Einfalt und stillen Größe erklärten. Das alte Griechenland ist eine deutsche Erfindung, der Traum davon, dass das Leben im Schatten der Platanen ganz anders sein kann, weniger hässlich, weniger geldgierig, weniger anstrengend als man selbst und die kreischenden CDU-Politiker in der Talkshow von Günther Jauch.

Nachdem die unglücklichen Deutschen das griechische Glück in den Tiefen der Vergangenheit gefunden hatten, wurden sie nicht müde, es mit unfassbarer Gründlichkeit zu preisen: Das griechische, manchmal auch mittelmeerisch genannte Denken ist seit zweihundert Jahren fester Bestandteil einer hoch entwickelten Festtags- und Kongressrhetorik. An die "geistigen Gehalte" des Mittelmeerraums versuchte Alexandre Kojève mit seiner Idee vom "lateinischen Imperium" anzuknüpfen, für Albert Camus war das griechische "Sonnendenken" die einzige Medizin gegen die westliche Fortschrittsideologie, Oswald Spengler erklärte den bukolischen Griechen zum Gegenspieler des "weltstädtischen Gehirnmenschen", und deutsche Studienräte wiederholten millionenfach die schöne Geschichte vom griechischen Erbe als utopischem Korrektiv zur kalten abendländischen Vernunft. Mit dem echten Griechenland, in das weder Goethe noch Hölderlin je einen Fuß gesetzt haben und dessen Analphabetenrate auf dem Höhepunkt des deutschen Philhellenismus bei 98 Prozent lag, hatte das alles überhaupt nichts zu tun. Doch ist die Erzählung so schön, dass die Griechen sie am Ende selber glaubten.

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert (obwohl ein österreichischer Professor namens Jakob Philipp Fallmerayer schon vor zweihundert Jahren herausgefunden hat, dass die Hellenen im Mittelalter ausgestorben und die heutigen Griechen Abkömmlinge albanischer und slawischer Einwanderer sind). Ganz offensichtlich halten sich die Griechen noch immer für das, was die Deutschen aus ihnen gemacht haben: ein auserwähltes Volk, das sich keiner schnöden Zweckgemeinschaft beugen muss und dem eine Sonderrolle zusteht – als edler und kostspieliger Tischschmuck auf der europäischen Rechentafel. Noch immer wollen die Griechen der Traum sein, den Europa an herrlichen Sommernachmittagen von sich selbst träumt, wenn im gleißenden Licht das elende Gelddenken in den glühenden Landschaften des Mittelmeers verdampft. Am Ende ist es gar nicht so falsch, wenn die Deutschen für ihre schönen Erfindungen bezahlen müssen.