Der Internationale Währungsfonds war vielleicht wirklich mal so marktradikal wie sein Ruf und stürzte Völker in Armut, damit die Banken ihr Geld zurückerhielten. Doch so ist der Fonds längst nicht mehr. Horst Köhler war, bevor er Bundespräsident wurde, dort von 2000 bis 2004 der Direktor. Spätestens damals läuterte sich die Institution, übte laute Selbstkritik und gab zu, dass jedes Land, jeder Kontinent anders sei und man deshalb nicht allen Not leidenden Staaten die gleiche Zwangsjacke anziehen dürfe.

Dieser Währungsfonds, geläutert und guten Willens, stößt 2010 auf Griechenland in der Krise – und liegt von Anfang an falsch: Ein Hilfspaket über zwei Jahre müsste doch reichen, oder? Keineswegs, bald kam das zweite Paket. Dann folgte 2012 ein Schuldenschnitt um gut 100 Milliarden Euro. All das reichte nicht. Schon 2013 gestand der Fonds, man habe "Fehler begangen", die Konjunktur und die Zahlungskraft Griechenlands überschätzt. Vergangene Woche revidierte sich die Institution aus Washington nun abermals. Athen brauche weitere 50 Milliarden, und die heutigen Schulden könne das Land niemals tragen.

Warum also sind die weltbesten Experten für angeschlagene Staaten an Athen gescheitert?

Sie glaubten wohl, sie hätten es mit einem funktionierenden Land zu tun, einem Euro-Mitglied, das vereinbarte Reformen in Gesetze gießt und verwirklicht. Sie dachten, es sei im griechischen Interesse, dass die Reichen ihre Steuern zahlen und der Staat sich Freiraum verschafft, indem er für gutes Geld seine Energiefirmen oder Häfen privatisiert.

Sie haben falsch gedacht, und als sich 2014 endlich etwas Wachstum einstellte, wählten die Griechen eine extreme Links-rechts-Koalition an die Macht. Nun wurden Maßnahmen nicht mehr insgeheim verschleppt, sondern öffentlich gestoppt. Das macht die Regierung von Alexis Tsipras aber keineswegs zur Ausnahme im System, sondern nur zu seinem Extrem.

Egal, wer in Athen regiert, auf dem Weg von Brüssel über die griechischen Institutionen bis zum Bürger bleibt von Vereinbarungen wenig übrig. Es wurde zwangsgespart, ja, und zwar vor allem auf dem Rücken von Arbeitslosen und Arbeitnehmern in der Privatwirtschaft, aber einem Umbau für mehr Leistungsfähigkeit steht ein riesiges Interessenkartell aus Parteien und Staatsbediensteten, aus Reichen und privilegierten Inselbürgern entgegen.

Manche Prognosen sind selbsterfüllend, die vom Währungsfonds für Athen aber sind das Gegenteil: selbstzerstörend. Die Experten sagen vorher, dass die Konjunktur sich bessert – und lassen dadurch den Reformeifer erlahmen. Das griechische Problem liegt aber viel tiefer, als dass einzelne Maßnahmen verweigert werden. Und es erschöpft sich ganz und gar nicht in einer marktfeindlichen Partei an der Regierung. Wie wenig das im deutschen Parlament verstanden wird, zeigten die Reaktionen auf das Nein-Votum der Griechen vom Wochenende.

Ein Beispiel: Einem Vize-Fraktionschef der CDU, Ralph Brinkhaus, reicht es nicht, dass der griechische Finanzminister zurücktritt. Der Volkswirt und Finanzexperte will jetzt vielmehr wissen: "Welche Reformen kann die griechische Regierung kurzfristig in Gesetzesform bringen?" Doch genau solche Über-Nacht-Paragrafen helfen im griechischen Fall wenig. Griechenland braucht ein neues Fundament und keine neuen Ziersäulen.

Viel spricht dafür, dass dem Land am besten geholfen wäre mit dem Austritt aus der Währungsunion. Dann würde die Währung abwerten, die Kaufkraft im Lande fiele auf das Niveau seiner Leistungskraft, der große Schuldenschnitt käme automatisch, und der Druck zum Umbau wäre enorm. Mit einem Satz, die wirtschaftliche Realität hielte Einzug in Athen. Genau das will die große griechische Koalition aus denen, die schon bitterarm geworden sind, und denen, die auf keine Pfründen verzichten wollen, aber vermeiden.

Die andere Option sind jedoch nicht etwa ein paar schnell verabschiedete Reförmchen. Die andere Option kann nur der groß angelegte Umbau sein. Dann müssen immer noch manche Rentenzahlungen verringert werden, und der Staat muss für viele Bedienstete einen Weg in die Privatwirtschaft finden. Vor allem aber müssen sich die Einrichtungen ändern. Der Staat braucht eine moderne Kostenrechnung, damit jedermann erkennen kann, wo Geld verschwendet wird. Er muss die Eigentumsrechte von Bürgern und Unternehmen sichern und braucht ein Steuersystem, das – samt Fahndern und Richtern – die Ansprüche des Staates bei allen Bürgern durchsetzt.

Das geht nur mit einer veränderten Mentalität in der Gesellschaft, weshalb es eine Generationenaufgabe ist. Und jetzt kommt das Paradoxon: Damit die griechische Verwandlung gelingen kann, müsste Athen genau das tun, was es so vehement ablehnt. Es müsste Europa hineinlassen und Souveränität abgeben, um auf Dauer wieder Souveränität im eigenen Land zu erlangen. Der griechische Umbau müsste also zu einem europäischen Projekt werden, nicht unbedingt mit deutschen Finanzbeamten und Juristen als Helfern, aber doch mit niederländischen oder französischen. In diesem Fall weiß Europa ausnahmsweise wirklich einmal besser, wie’s geht.

Das also ist der eigentliche Test für die Frage, ob Griechenland es ernst meint: Will das Land sich wirklich helfen lassen? Will es ein Vorreiter für mehr Europa werden? Wenn nicht, dann sollte Europa zum Wohle aller dieses neue Wort lernen: NEIN.

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