Zugegeben, die Idee, nach Griechenland zu fahren, hatte eine kokette politische Note: ein bisschen Geld dorthin zu tragen, kein wirkliches Opfer natürlich, denn es ist ja ein herrliches Urlaubsland.

Kein Mensch will Tourist sein, Teil einer Industrie, bei der man nicht einmal weiß, ob man Konsument ist oder Produkt. Urlauber klingt schon besser, am liebsten aber sind wir Reisende, das hat etwas Beiläufiges, zugleich Entdeckerisches. Nur, wie viel will der, der reist, wirklich entdecken? Und vor allem, was?

Wir interessieren uns bis ins abgelegenste Detail für archäologische Themen, städtebauliche Fragen und geologische Gegebenheiten. Nur wenn das Land, das wir bereisen, allzu deutlich aus der Kulisse tritt, wenn die Menschen uns in ihrer Not gegenübertreten, muss man sich entscheiden zwischen Erfahrenwollen und Erholenmüssen. Manchmal aber bricht die Wirklichkeit auch mit solcher Wucht herein, dass es uns die kurzen Hosen auszieht.

Griechenland also. Zum Zeitpunkt der ersten Buchung war nicht die Rede davon, dem Land auf dem Höhepunkt der Krise ein bisschen Erholung abzupressen. Doch nun bin ich da, und die Krise ist auch meine Krise. Es handelt sich ja nicht allein um eine innergriechische Angelegenheit. Ohne viel Übertreibung könnte man sagen: Dies hier ist im Kern schon länger ein griechisch-deutscher Konflikt. Und ich bin hier nicht nur Urlauber oder Reisender, ich bin ein Vertreter der angeblichen deutschen Austeritätspolitik. Wie also reagieren die Einheimischen?

Kurze Schrecksekunde, als auf dem Katamaran-Trip rund um die Kykladeninsel Milos alle Gäste mit ihren jeweiligen Herkunftsländern vorgestellt werden. Amerikaner und Italiener bekommen Beifall. Die Deutschen – geht so. Ein griechisches Paar, das auch auf dem Schiff ist, erzählt später, wie sich die Krise auf sie auswirkt und warum sie mit Nein stimmen wollen bei Tsipras’ Referendum, bei dem Griechenlands Verhältnis zu Europa zur Abstimmung steht. Schwer zu verstehen: ein Immobilienhändler, der vier von fünf Angestellten entlassen musste und jetzt eine linksradikale Regierung unterstützt. Und wenn das Nein zum Ausstieg aus dem Euro führt?, frage ich. Dann gibt’s eben die Drachme, die Wirtschaft ist doch eh im Eimer.

Urlaubseindrücke von der Insel Milos II © Bernd Ulrich

Da sind wir gerade an einem einsamen Strand angekommen, das Wasser ist so türkisblau, als hätte es das griechische Fremdenverkehrsamt selbst gefärbt. Augenblicklich ertrinkt die Diskussion in Schönheit.

Am Abend legt der Katamaran im Hafen von Adamas auf Milos an. Der Immobilienhändler hat mich, den Deutschen, nichts gefragt. Wahrscheinlich haben die Griechen das Gefühl, von uns schon genug gesagt bekommen zu haben in den vergangenen fünf Jahren. Ich sage trotzdem was: "Überlegen Sie sich das noch mal mit dem Nein, wir wollen euch, wirklich." Ein bisschen peinlich ist mir das, musste aber sein.

Selbstverständlich wollen alle Mitarbeiter der griechischen Tourismusindustrie, vom Taxifahrer über den Kellner bis zum Vermieter, dass die Krise den Urlaubern nicht so sehr in die Quere kommt. Man spricht über das Wetter, das Meer und diese Sachen. Doch sobald es ums Geld geht, ist die Krise wieder da, denn Geld lässt sich aus den Kontakten zwischen Griechen und Touristen naturgemäß nicht heraushalten. Genau genommen, geht es um Cash.

Die Griechen wissen, dass wir wissen, dass sie bald nur noch sehr, sehr wenig Bargeld zur Verfügung haben könnten. Griechen dürfen nur noch 60 Euro pro Tag abheben, für Urlauber gibt es kein solches Limit. Die Frage Cash oder Kreditkarte wird für sie schnell zur Gewissensentscheidung. Trotz aufkeimendem Krisenabenteurertum möchte ich natürlich nicht ohne Bargeld dastehen, wenn es noch härter kommt. Dann sehe ich die langen Schlangen vor dem Bankautomaten und denke: Die brauchen das Geld dringender als ich. Als Tourist kommt man schon irgendwie durch.

Eindrücke aus Milos III: ein streikender Bankautomat © Bernd Ulrich

Am letzten Tag auf Milos, vor der Weiterfahrt nach Naxos, ein Abendessen mit den Vermietern der Mühle, in der meine Freundin und ich die vergangenen Tage wohnten. Die beiden sind knapp über sechzig und haben ein Leben voller Brüche hinter sich. Sie waren mal Minenbesitzer zum Beispiel, er hat vor vielen Jahren für Ciba Geigy, den Schweizer Pharmariesen, gearbeitet; und sie haben einen Sohn, der vor ein paar Jahren schwer an einer sehr seltenen Abart von Multipler Sklerose erkrankt ist, binnen weniger Stunden waren seine Beine gelähmt – und blieben es. Ihre Erfahrungen mit dem griechischen Gesundheitssystem haben aus zwei eingefleischten Anhängern der liberal-konservativen Nea Dimokratia flammende Syriza-Unterstützer gemacht.

Verzweiflung und Wut mögen schlechte Ratgeber sein, manchmal sind sie offenbar die einzigen. Erneut die Frage, ob ich etwas sagen soll, kann, darf, muss. Ich tue es wieder: Stimmt mit Ja am Sonntag, sonst besteht die Gefahr, dass es das war mit Griechenland und Europa, und bei uns habt ihr es besser als bei den Russen. Es ist spät geworden, die Bucht von Milos liegt schwarz glitzernd da, und es war einiger Wein im Spiel.

Am nächsten Morgen brechen wir auf und sagen, es seien noch einige Lebensmittel im Kühlschrank. Die Vermieterin meint mit einem Lächeln: Es ist Krise, da schmeißen wir bestimmt nichts weg. Ihr letztes Wort ist: Nai, Bernd, wir werden mit Ja stimmen.

Ist das hier noch Urlaub? Erhole ich mich? Keine Ahnung, äußerlich betrachtet sieht alles nach Urlaub aus, im Inneren spüre ich eine gewisse Spannung, lese begierig und ungesund oft die Nachrichten, und jetzt schreibe ich sogar für meine Zeitung. Nein, das ist kein Urlaub mehr, das ist schon das richtige Leben.