Anfangs fühlte sie sich willkommen in Hamburg, sagt Nadifa. Aus Somalia hatte sie sich ohne ihre Eltern durch halb Afrika geschlagen. Von der libyschen Küste aus war sie mit einem Schlepperboot übers Mittelmeer nach Italien gefahren, von dort mit dem Zug weiter in den Norden Deutschlands. Dort fand sie Sicherheit, endlich. Dann fragten die Leute von der Stadt nach ihrem Alter. 17 Jahre, sagte Nadifa.

Sie glaubten ihr nicht.

Nadifa ist eine höfliche junge Frau, die darum bittet, nicht ihren echten Namen zu nennen. Ihr rundliches Gesicht hat sie in ein Kopftuch gehüllt. In gutem Schulenglisch entschuldigt sie sich, wenn sie während des Gesprächs kurz eine SMS tippen muss. Ihr Wassereis schenkt sie Hassan, einem Jungen aus Syrien. "Beim Reden zu essen ist unhöflich." Nadifa sitzt auf einem Stein, hinter ihr das Backsteingebäude der Kinder- und Jugendnothilfe an der Feuerbergstraße in Alsterdorf. Hier wohnt die junge Somalierin seit einigen Wochen, hier wartet sie darauf, dass endlich alle Prüfungen ihres Asylantrags geschafft sind.

Die Sache mit dem Alter, sagt Nadifa, habe sie erst nicht verstanden. Mache das einen Unterschied, 17, 18 oder 19? Und warum sollte sie lügen? Seit sie ihr Alter gesagt habe, seien die Leute von der Stadt nicht mehr freundlich, sondern misstrauisch.

Nadifa wurde ängstlich, da sagte ihr eine Betreuerin: Die wollen dir nur helfen. Mach mit, das ist besser für dich. Also fuhr Nadifa ins Krankenhaus und unterzog sich dem Test.

In Deutschland werden junge Flüchtlinge wie Nadifa durchgecheckt wie ein Gebrauchtwagen, bei dem der Käufer Zweifel am Baujahr hat. Ihr Körper wird auf Haare untersucht, darauf, ob es Zeichen gibt, dass die Pubertät schon abgeschlossen ist. Auch eine Genitaluntersuchung gehört dazu. Sind die Ärzte unsicher, werden die Kieferknochen geröntgt und Handskelett und Schlüsselbein mit computertomografischen Untersuchungen durchleuchtet. Die Behörden wollen wissen: Ist das ein Mädchen oder eine Frau, ein Junge oder ein Mann? Vom Alter hängt eine Menge ab: Minderjährige genießen besonderen Schutz. Sie werden besser betreut als Erwachsene und vor allem nicht in das europäische Land abgeschoben, das sie zuerst betreten haben.

Glauben die Behörden Nadifa nicht, dass sie 17 ist, muss sie zurück nach Italien, in ein Land, von dem sie befürchtet, es könne sie zurück nach Somalia schicken.

Im Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) untersuchte ein Arzt Nadifas Gesicht und schaute sich ihre Zähne an. Dann löste ihn eine Frau ab. Bitte das T-Shirt ausziehen, sagte die Ärztin und sah sich Nadifas Brüste an. Schließlich sollte sie ihre Unterhose ausziehen.

Jahrelang interessierte sich kaum jemand dafür, dass sich in Hamburg junge Flüchtlinge vor Männern und Frauen in weißen Kitteln entkleiden müssen. Seit einigen Tagen jedoch ist das Thema in den Schlagzeilen. Schwanzvergleich bestimmt das Alter, titelte die taz. In den Sozialen Netzwerken regten sich Hunderte Bürger über die Praxis auf.