Pierre und Julie, für immer. So steht es da, Filzstift auf gehärtetem Stahl, am Geländer der Michaelisbrücke. Diesen raren Luxus genießen die Gäste des Rialto: Sie können vom Tisch aus, quasi zwischen Haupt- und Sonnenuntergang, ein Liebesschloss anbringen, und das in angemessen romantischem Ambiente.

Auf die Fleetinsel geht man gern mit Gästen, um ihnen ein entspanntes Klein-Hamburg zu zeigen. Es ist ja alles da auf dem Streifen zwischen Elbe und Alster: Kontorhäuser und Kanäle, Bausünden in Klinker oder Beton, hübsche kleine Läden, Hafenkräne am Horizont, außerdem so viele Tische draußen, dass irgendwo immer noch Platz ist. Das Rialto trägt seinen Namen wahrscheinlich, damit Lokalpatrioten die Sache mit dem "mehr Brücken als Venedig" sagen können; es ist jedenfalls kein Italiener.

Gekocht wird international, oder, ungenauer gesagt: jenseits von Raum und Zeit. Das Speiseangebot verrät nichts über den Standort, die Saison, die aktuellen Trends. Das ist meist ein schlechtes Zeichen, aber hier steckt Ehrgeiz dahinter. Etwa bei der "Zitrone", wie die Kellnerin das Zitronengrassüppchen nennt. Es versucht gar nicht, sehr thailändisch zu sein. Mehr Sahne als Kokosmilch, würde man raten. Dafür entsteht ein schönes Wechselspiel zwischen der knackigen Schärfe und den ganz anders knackigen Wasserkastanienwürfeln.

Ein Glas Wein dazu wäre schön, bloß welcher? Auf der Karte stehen viele, die gut sind. "Keine Ahnung", sagt die Kellnerin. Wein sei so gar nicht ihr Ding, trotz etlicher Versuche. War das dieselbe, die eben am Nachbartisch erzählt hat, dass sie seit zehn Jahren Vegetarierin ist? Oder die, die in der Dämmerung weihevoll Tischkerzen anzündet ("Wissen Sie, wie man in fünf Sekunden Romantik zaubert?")? Man kommt leicht durcheinander, denn alle vier sind identisch gecastet: jung und hübsch, mit Zöpfchen im langen schwarzen Haar und luftigen schwarzen Klamotten.

Die verquatschte Unpersönlichkeit hat durchaus ihren Charme. Sie gibt den Sommerabenden hier etwas Flüchtiges, das gerade genug irritiert, um nicht zu langweilen. Das Gleiche gilt für die Küche. Spezialität des Hauses ist passenderweise das Allerweltsgericht Wiener Schnitzel. Und das machen sie hier wirklich gut, wenn man es denn extrem dünn und mit anpappender Panade mag. Den eigentlichen Geschmack liefert allerdings nicht das Fleisch, sondern der Kartoffelsalat darunter, angereichert mit Kürbiskernen, ungeschälten Gurkenstiften und reichlich grobem Senf. Wiener würden sich wundern, aber was soll’s.

Noch immer strömen Menschen über die Michaelisbrücke. Ein zerzauster Mann mit Spiegelbrille und fest umklammertem Coffee to go. Zwei Michael-Stipe-Typen in giftgrünen Trainingsjacken. Ein Liegeradfahrer. Ein Knautschsakkoträger mit Weltliteratur unterm Arm. Manche setzen sich auf ein Gläschen ins Rialto.

Natürlich erzählt man seinen Gästen, das hier sei typisch Hamburg. In Wahrheit fühlt man sich Welten entfernt vom Neuen Wall, vom Rathausmarkt, auf einer entrückten Urlaubsinsel. Und käme ein Liebesschlossverkäufer, nicht auszudenken, was man dann täte.

Rialto, Michaelisbrücke 3, Altstadt. Tel. 36 43 42, www.rialto-hamburg.de. Geöffnet täglich 12–23 Uhr. Hauptgerichte um 20 €.