Was kommt raus, wenn eine albanische Diva, eine Dragqueen und ein Typ von der Leergutannahme gemeinsam zur Schule gehen? Kein Witz. Sondern ein ganzes Comedy-Programm.

Donnerstag, kurz nach Feierabend, einige Tage nach Ausbruch der Hitzewelle. Viele fliehen in Richtung Elbstrand, Stadtpark, irgendwohin ins Freie. Doch Keda, die Diva, Jamina, die Dragqueen, und Florian, der neulich noch in der Pfandrückgabe eines Supermarkts jobbte, denken gar nicht daran, Abkühlung zu suchen. Sie wollen ins Scheinwerferlicht. Deshalb bleiben sie heute Abend drinnen: in einem schmucklosen, stickigen Raum in Altona, dem Klassenzimmer der Schule für Comedy.

Seit drei Monaten kommen Keda, Jamina und Florian zweimal die Woche hierher, immer dienstags und donnerstags, um in einem Abendkurs zu Stand-up-Comedians ausgebildet zu werden. 245 Euro kostet sie das pro Monat.

"Schauspieler gehen zur Schauspielschule, Sänger nehmen Gesangsunterricht, für Comedians gab es das noch nicht", sagt Cem-Ali Gültekin. Er arbeitet als Außenreporter für die Satiresendung extra 3 und ist einer der Gründer der Schule für Comedy. "Es gibt so viele schlechte Comedians", sagt die Schauspielerin Charlotte Wolff, die hier unterrichtet. Und ihr Bühnen- und Lehramtskollege Ralf Schulze ergänzt: "Wir vermitteln: Comedy ist Arbeit. Das ist nicht dasselbe wie auf der Party stehen und lustig sein."

Anfangs hatten ihre Schüler nicht mehr als ein paar Ideen. Dann folgten wochenlange Schreib- und Schauspielübungen. Am Ende wird jeder von ihnen ein siebenminütiges Programm präsentieren – in einem Club an der Reeperbahn, vor zahlendem Publikum.

Jetzt also: Generalprobe. Vor improvisierten Stuhlreihen steht ein Mikrofon in dem ansonsten kahlen Raum mit weißer Raufasertapete. "Freiwillige?", fragt Comedy-Lehrer Ralf Schulze. "Sträääääber", ruft Keda mit dickem Akzent, als Florian aufspringt und zum Mikro läuft, als wolle er an die Tafel, zum Vorrechnen. Jamina kichert. Die Stimmung ist fast wie in einer echten Schule. Mit einem Unterschied: Hier will jeder der Klassenclown sein. Und die Lehrer ermutigen das.

"Ich freue mich, heute Abend hier zu sein", sagt Florian, als er das Mikrofon erreicht. "Denn das bedeutet eins: Ich bin nicht bei der Arbeit." Es ist die erste Pointe seines Programms, in dem er von seinem Job in der Leergutannahme erzählt. Alle zwanzig Sekunden muss eine neue Pointe kommen, so lehrt es die Schule für Comedy. Florian erzählt von seiner Aufgabe ("Dividendenausschüttung für Kleinanleger"), dem finsteren Kabuff hinter den Leergutautomaten ("Im Vergleich dazu ist der Keller von Natascha Kampusch ein Luxusresort") und seinem Kollegen Stinki. ("Kennt ihr diesen säuerlichen Biergeruch, der aus den Pfandautomaten kommt? Das ist Stinki.")

Wenn alles so läuft wie geplant, sollten die Leute im Publikum jetzt brüllen vor Lachen. Tatsächlich passiert: nichts. Mal ein Kiekser, mal ein Glucksen, ansonsten Stille. Die anderen Kursteilnehmer sind ein undankbares Publikum. Sie sind nicht zum Spaß hier, sondern um Fehler zu analysieren und zu lernen. Und: Sie haben jede dieser Pointen schon etliche Male gehört.

"Ich war schon immer einer, der gern Sprüche reißt", erzählte Florian vor Unterrichtsbeginn. "Mein Vater sagte: 'Hier, Comedy-Schule, das ist was für dich.'"

Manche seiner Mitschüler haben Bühnenerfahrung, wie die Dragqueen Jamina, die ihr Programm ergänzen will. Andere erhoffen sich Vorteile fürs Büro: Wer sieben Minuten lang vor einem Comedy-Publikum bestehen kann, so die Logik, der wird auch die nächste Firmenpräsentation meistern. Die meisten hier sind einfach Fans von Comedy und Kabarett, schwärmen von Jerry Seinfeld oder Volker Pispers und wollen selbst mal auf die Bühne.

Aber Stand-up-Comedy ist riskant. Die Humorschüler erzählen Geschichten aus ihrem eigenen Leben, stellen ihre persönlichen Defekte aus und spielen mit dem Feuer. Darf man das: Witze über Pfandsammler machen? Über Natascha Kampuschs Kellergefängnis? Über Chefs und Kollegen? Florian arbeite schon länger nicht mehr in der Leergutannahme, sagt er. Aber seine Kollegen benutzt er weiter für Pointen. "Neulich kam einer, sah mich schreiben und sagte 'Komm, zeig mal'", erzählt Florian. "Ich sagte: 'Nee, ist noch nicht fertig.' In echt war das natürlich über den."

Nach Florians Performance kommt das Feedback. Der Reihe nach kommentieren die Comedy-Trainer: Wie waren Bühnenpräsenz, Timing, Lautstärke? Wenn die drei Lehrer sprechen, ist der Spaß vorbei – bis der nächste Schüler drankommt.

Später wird die Dragqueen ihre Nummer spielen ("So gut wie heute ging es uns Schwulen noch nie. Außer vielleicht in der Antike. Oder im katholischen Ferienlager"), dann die albanische Diva. ("Deutsche Frauen tragen Handtaschen. Albanische Frauen? Kalaschnikow.") Und dann Kritik, freundlich, aber streng. Dann herrscht Stille im Klassenzimmer. Denn das sind die Prämissen der Schule für Comedy, die jeder hier akzeptiert: Entertainment ist Handwerk. Lustigsein braucht Disziplin. Leichte Kost ist harte Arbeit. Wirklich kein Witz.

Die Absolventen der Schule für Comedy präsentieren ihr Programm am Donnerstag, 9. Juli, 20 Uhr in Olivias Show Club, Große Freiheit 27. Der nächste Kurs soll im Herbst beginnen.