Schwangere müssen 40 Nummern anrufen, bis sie eine Hebamme finden

Während draußen Schwangere Schlange stehen, bleiben drinnen die ersten Kreißsäle leer, weil Hebammen fehlen. Denn ohne sie geht bei einer Geburt nichts. Laut Hebammengesetz muss eine Hebamme anwesend sein, ein Arzt darf nur im Notfall ein Kind allein entbinden. Die Uniklinik in Großhadern etwa sucht verzweifelt Geburtshelferinnen. Auf vier freie Stellen hat sich nach Auskunft der Leitenden Hebamme bislang nur eine beworben. Laut dem Gesundheitsreferat ist in den Münchner Kliniken jede siebte Hebammenstelle unbesetzt.

Wer schwanger ist, hat Anspruch auf eine Hebamme. Das Problem ist nur: Man findet oft keine. In München berichten Frauen, wie sie bis zu 40 Nummern durchtelefoniert haben, bis sie eine Hebamme für die Zeit nach der Geburt gefunden hatten. Eine Schwangere sagt, sie habe nach 80 Anrufen entnervt aufgegeben, einen Ratgeber gekauft und sich selbst auf die Zeit im Wochenbett vorbereitet. Der Bayerische Hebammen Landesverband warnt vor einer "Versorgungskatastrophe".

Wie viele Hebammen in Deutschland genau fehlen, dazu gibt es keine offiziellen Zahlen. Es gibt aber eine Internetseite des Berufsverbands DHV, auf der sich Schwangere mit ihrer Postleitzahl eintragen können, wenn sie keine Hebamme gefunden haben. Diese Landkarte der Unterversorgung ist nicht repräsentativ, sie lässt aber Vermutungen zu, wo die Not besonders groß ist. Die meisten Einträge gibt es in Ballungszentren wie Frankfurt, München oder Bremen. Laut DHV fehlen Hebammen aber auch auf dem Land: in der Uckermark oder im Bayerischen Wald.

"Die Lage verschärft sich noch, weil Hebammen heute dringender gebraucht werden als früher", sagt Katharina Jeschke vom DHV. Früher seien Frauen nach der Geburt zwei Wochen im Krankenhaus geblieben, heute würden sie schon nach drei Tagen entlassen. "Daheim wartet dann häufig keine Mutter oder Schwiegermutter auf sie, die ihre Erfahrung mit Säuglingen weitergeben könnte", sagt Jeschke. Junge Mütter lebten heute oftmals Hunderte von Kilometern von ihren Familien entfernt. Nach der Geburt seien sie auf sich allein gestellt. "Da ist die Hebamme gleichzeitig Seelsorgerin und Paartherapeutin", sagt Jeschke.

Während die Anforderungen an den Beruf wachsen, verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen. Beides zusammen lässt immer mehr Hebammen mit ihrem Beruf hadern. Egal, mit wem man spricht, mit fest angestellten oder freiberuflichen Hebammen, der Befund ist immer derselbe: Die Arbeitsbelastung in den Kreißsälen nimmt zu, für die einzelne Frau bleibt immer weniger Zeit. Eine angestellte Klinikhebamme aus Baden-Württemberg berichtet, sie sei im Schichtdienst häufig alleine für vier Kreißsäle zuständig und müsse mitunter bis zu sechs Geburten parallel betreuen. "Für die Frauen wäre es viel besser, wenn ich mich nur auf eine konzentrieren könnte", sagt die Hebamme, die darum bittet, dass ihr Name nicht genannt wird – aus Sorge, ihr Arbeitgeber könnte sich daran stoßen. "Das Pensum ist kaum zu schaffen", sagt sie. Selbst den Kreißsaal müsse sie nach der Entbindung selbst putzen.

Sie glaubt, dass in Deutschland auch deshalb so viele Kinder per Kaiserschnitt zur Welt kommen, weil die Gebärenden nicht optimal betreut werden. "Mancher Schnitt wäre nicht nötig, hätten die Hebammen mehr Zeit, Alternativen auszuprobieren." Heute wird in Deutschland jedes dritte Kind mithilfe eines Kaiserschnitts entbunden, das sind doppelt so viele Kaiserschnitt-OPs wie noch vor 20 Jahren.

In München-Au hat die Hebamme Claudia Lowitz ihren Hausbesuch fast beendet. Sie untersucht noch Janoschs Augen: "klärend weiße Augäpfel", sagt sie, "keine Neugeborenengelbsucht". Zum Schluss schmiert sie etwas Pflegeöl auf ihre Hände und massiert seine kleinen Füße. Janosch, der eben noch weinte, ist nun ganz still.

Lowitz ist Hebamme, aber sie hat schon seit Jahren kein Kind mehr entbunden. Sie ist jetzt spezialisiert auf Schwangerenyoga, Stillberatung und die Betreuung im Wochenbett. Anfangs, als sie selbst drei Kinder bekam und sich ein wenig zurücknehmen wollte, fand sie das in Ordnung. Heute würde sie gern wieder das machen, weshalb sie einst Hebamme geworden ist: Schwangere bei der Geburt betreuen, Kinder zur Welt bringen. "Ich habe nicht Hebamme gelernt, um Rückbildungskurse anzubieten", sagt sie. Aber die hohen Versicherungskosten schrecken sie ab. Würde sie wie früher Hausgeburten begleiten, würde sie also tun, was einmal die Kernaufgabe einer Hebamme war, dann würde sie mit ihrem Beruf kein Geld verdienen, sagt sie. "Ich würde draufzahlen."