Vor wenigen Wochen ist er umgezogen, vom Land weg wieder hinaus aufs Land. Aus der Nähe von Uelzen nach Boostedt bei Neumünster. Horst Hrubesch hat sich kleiner gesetzt. Er hat die Pferde abgegeben und die Kutschen dazu. Mit seiner Frau ist er in die Nachbarschaft der Kinder gezogen. Viele Großväter machen das, wenn sie endlich mehr Zeit mit den Enkeln verbringen wollen.

DIE ZEIT: Herr Hrubesch, Sie sind jetzt 64, wollen Sie beruflich kürzertreten?

Horst Hrubesch: Nein. Das Leben besteht aus vielen Zyklen. Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt, ich möchte in meiner Freizeit nicht mehr so viele Stunden auf dem Rasenmäher sitzen.

ZEIT: Der Trainer Hrubesch handelt also nicht aus Enttäuschung? Ihre Mannschaft, die U 21, ist bei der Europameisterschaft in Prag gegen Portugal mit 0 : 5 untergegangen, die höchste Niederlage des Teams in einem Turnier.

Hrubesch: Ich gebe zu, dieses Spiel steckt mir schon in den Knochen. Aber ich leide bestimmt nicht in dem Maße wie die Brasilianer nach dem 1 : 7 gegen Deutschland. Abgesehen davon habe ich derzeit genug um die Ohren. Hinter meinem neuen Haus will ich Rollrasen verlegen. Bei dieser Hitze muss ich dafür das ganze Grundstück unter Wasser setzen. Das lenkt mich ab.

ZEIT: Man muss abhaken können?

Hrubesch: Ich habe das Spiel analysiert. Wir sind nicht um 0 : 5 schlechter als Portugal. Wir hatten uns nur für einen matten Auftritt einen denkbar ungünstigen Tag ausgesucht. Es lag nicht am Fußballspielen, die Niederlage nahm im Kopf ihren Anfang.

ZEIT: Vor ziemlich genau einem Jahr gewannen die Deutschen den Titel bei der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien ...

Hrubesch: ... so ist Fußball. Vor dem Finale dieser WM gab es Spiele, in denen die Deutschen alles andere als meisterlich auftraten. Aber im richtigen Moment waren die Jungs da.

ZEIT: Was war das Rezept für den Erfolg in Rio?

Hrubesch: Die Mannschaft hat gelebt, die Jungs haben sich Reibungspunkte geliefert. Wer sich selber hinterfragt, wer auch seinen Charakter hinterfragt, der hat am Ende Erfolg. Eine solche Mannschaft ist eine Macht, die nur schwer zu schlagen ist.

ZEIT: Irgendwie scheint es mit dieser Macht, von der Sie sprechen, nicht mehr so weit her zu sein. Die deutsche Nationalmannschaft hat in zehn Spielen fünf Punkte erreicht. Die Qualifikation zur Europameisterschaft in Frankreich ist noch nicht sicher. Was läuft falsch?

Hrubesch: So leicht lässt sich Erfolg im Fußball nicht planen. Es wird von den Spielern erwartet, dass sie ihr Können, ihre Leistung wieder und wieder bestätigen. Aber, das darf ich wohl mal sagen, sie alle sind auch nur Menschen. Fußball geht nicht auf Knopfdruck. Heute kommt es nicht mehr auf die Individualisten an. Alle, die aufs Eis gehen und spielen, sind wichtig, alle sind für den Erfolg gleichermaßen verantwortlich.

ZEIT: Man wird den Namen Horst Hrubesch wohl bis in alle Ewigkeit mit Sami Khedira, Mats Hummels, Jérôme Boateng, Manuel Neuer und Mesut Özil in Verbindung bringen. Eine goldene Generation, die unter Ihrer Anleitung 2009 den Schlüssel zum Titel des Europameisters fand und auch Voraussetzung war für den Gewinn der Weltmeisterschaft 2014. Könnten die goldenen Jahre, wie manche befürchten, ernsthaft vorbei sein?

Hrubesch: Ich widerspreche Ihnen bei Ihrer Annahme, dass ein Trainer mit dem Namen Hrubesch alleine fünf solche Spieler entdecken, in der U 21 großziehen und dann an Joachim Löw weiterreichen kann. Da haben viele zusammengearbeitet. Ich sagte eben, dass die Individualisten in einer Mannschaft nicht mehr so entscheidend sind. Gleichwohl braucht ein Team natürlich Führungsspieler. Die Hierarchie, die in meiner Mannschaft 2009 herrschte, die gab es diesmal nicht. Das gebe ich zu.

ZEIT: Vor Jahren hat Bundestrainer Joachim Löw Führungsfiguren wie Michael Ballack oder Thorsten Frings aus der Nationalelf genommen. Heute scheint er weiter an Bastian Schweinsteiger oder auch Lukas Podolski festzuhalten. Ein Widerspruch?

Hrubesch: Jedenfalls ist es eine schwierige Situation, in der man sehr ehrlich miteinander umgehen muss. Als Trainer muss man ahnen können, wie sich die jungen Spieler physisch, aber auch charakterlich entwickeln. Sind sie in der Lage, ältere Spieler zu ersetzen und selber voranzugehen? Und niemand weiß bei alledem, ob Verletzungen den Reifeprozess plötzlich stoppen. Der Bundestrainer kann das schon sehr gut einschätzen.

ZEIT: Horst Hrubesch gilt als Vertreter der alten Schule. Ein Trainer mit einem besonderen Draht zu besonders jungen Spielern – das war mal ein Alleinstellungsmerkmal.

Hrubesch: Wieso war es das? Ich nehme an, dass dies eigentlich immer noch ein bisschen so ist.

ZEIT: Warum nehmen Sie dann Abschied?

Hrubesch: Ich habe gesagt, dass ich auf jeden Fall bis zu den Olympischen Spielen im nächsten Jahr in Brasilien weitermache. Und ich mir dann vorstellen kann, dass ein Jüngerer übernimmt, einer, der zwanzig oder dreißig Jahre näher dran ist, der die Sprache der Profis besser versteht. Nach Rio beginnt ein neuer Abschnitt, ich werde auch nach Olympia nicht nur auf dem Rasenmäher sitzen.

ZEIT: In Ihrer aktiven Zeit nannte man Sie ehrfürchtig das "Kopfballungeheuer". Geben Sie Marc ter Stegen oder Bernd Leno, den beiden Torleuten der U 21, gelegentlich noch eine kleine Kostprobe Ihres Könnens?

Hrubesch: Nein, ich stell mich nicht mehr hin. Ich habe lange genug Tore gemacht. Ein Bandscheibenvorfall liegt hinter mir. Es reicht mir jetzt.

ZEIT: Keinerlei Sentimentalität?

Hrubesch: Was wollen Sie hören? Es hat sich nichts geändert. Nach dem 0 : 5 in Prag habe ich meinen Jungs noch vor dem Rückflug gesagt: Ich adoptiere euch alle.