Und dann singen sie, Arndís, Thora und Örvar. Dreistimmig, a cappella, auf Isländisch. "Heyr, himna smidur / hvers skáldid bidur / komi mjúk til min ..." Andächtig lauscht das Publikum in der Main Lounge der Ocean Diamond; mancher rubbelt sich verstohlen die Gänsehaut. "Höre, Himmelsschmied, was der Poet erbittet: Komme sanft zu mir!" Wenn das der Soundtrack für die folgenden Tage ist, steht Außergewöhnliches bevor. Denn zu welcher Kreuzfahrt passt schon ein Gebet aus dem Jahr 1208?

Bei dieser Tour ist es absolut angemessen. Schließlich geht es darum, ein archaisches Land zu umkreisen, mit dem die Schöpfung immer noch nicht fertig ist, unter dessen zerbrechlicher Kruste es kocht, blubbert, bebt. Außerdem hat der Himmelsschmied die Sonne hier derart an das stahlblaue Firmament gehämmert, dass sie sommers gar nicht mehr untergeht. Besondere Aussichten, die besondere Musik erfordern.

Natürlich laufen auch andere Nordmeerschiffstouren Island an. Aber die Insel vollständig zu umrunden, mit zahlreichen Stopps in winzigen Häfen, das hat es bisher noch nicht gegeben. Dazu passt das eigenwillig zusammengestellte Leitungsteam: Die drei auf der Bühne sind alle ausgebildete Opernsänger – und zugleich erfahrene Reiseleiter. Arndís Halla zum Beispiel war eine preisgekrönte Königin der Nacht und viele Jahre erste Stimme beim Pferdespektakel Apassionata. Dann "hat mich das Heimweh immer mehr gezogen", sagt sie in ihrem isländisch grundierten Deutsch. Sie schulte um auf Tourismus und singt nun statt vor Tausenden in Großstadtarenen für gut hundert Passagiere auf einem Dampfer. Selbst für sie, die Einheimische, ist diese Tour neu, besonders; Jungfernfahrt war erst Anfang Juni. "Ich bin selbst noch richtig am Gaffen", sagt sie, als die ersten Gletscher bereits erklommen, Vogelfelsen umrundet und Wale gesichtet worden sind.

Eine "Soft Expedition" soll es sein, diesen Begriff hat das neu gegründete Unternehmen Iceland Pro Cruises für seine Island-Umrundung erfunden. Eine Mischung aus klassischer Kreuzfahrt und wohldosierten Injektionen Abenteuer, Gletscherwanderung, Walsafari im Schlauchboot, Lavatour. Das Ziel: in zehn Tagen zu sehen, wofür man auf dem Landweg wenigstens drei Wochen brauchte (das Land ist ja viel größer, als man angesichts von nur 320.000 Einwohnern glauben mag). Selbst so entlegene Ecken wie die Westfjorde, die nicht einmal von der legendären, das Land umrundenden Ringstraße gestreift werden, stehen auf dem Programm. Gefahren wird zumeist nachts, und jeden Morgen schaut ein anderes aufgeräumtes Dorf mit seinen bunten, schnickschnack-schnörkellosen Häusern im Wellblechkleid zum Kabinenfenster herein, von Stykkishólmur im Westen über Isafjördur im Norden bis zu Seydisfjördur und Höfn im Osten und Südosten. Neun Nächte, neun Orte und kein Mal Koffer packen – bequemer lässt sich Europas Außenposten am Polarkreis nicht erkunden. Und schon nach kurzer Zeit werden selbst kreuzfahrtkritische Passagiere sentimental und denken "zu Hause!", wenn sie ihr Schiff nach den Landausflügen, zwischen Fischerbooten und mächtigen Felsen eingeparkt, entdecken.

Dabei ist die Ocean Diamond alles andere als ein Luxusliner. Ursprünglich war das 1986 gebaute Schiff eine Fähre, wurde vor Jahren umgerüstet und fährt nun neben der sommerlichen Island-Route im europäischen Winter durch die Antarktis. Dieses Leben zwischen den Extremen sieht man ihm an. Doch bevor das Interieur, das vor allem Fans der mittleren Raumschiff Enterprise- Phase entzücken dürfte, zum Fall für den Denkmalschutz wird, soll alles nach und nach renoviert werden. Die Panoramasuiten mit Balkon auf dem obersten Deck sind schon fertig; an weiteren Stellen wird während der Fahrt fleißig abgeschliffen und lackiert.