Gelegenheit macht Gedichte. Es wäre schade, würde man die Gelegenheit der Jahreszeiten nicht nützen, um sich poetisch anzustrengen. Frühling, Herbst und Winter sind für den Dichter ein Ereignis, und nicht zuletzt der Sommer, der sich bedeutungsvoll in Frühsommer und in Spätsommer teilen lässt, ruft Gedichte hervor. Auf diese Weise bereichert die Natur die Kultur, wie man am Reclam-Bändchen namens Juli: Gedichte sehen kann.

Es ist erstaunlich, welch eine Fülle von Unterschiedlichem auf 79 Seiten passt. Viele bekannte Dichter sind in dem Taschenbuch vertreten: Wilhelm Busch, Stefan George, Robert Gernhardt, Hermann Hesse, Erich Kästner, Reiner Kunze, Nikolaus Lenau, Friederike Mayröcker, Rainer Maria Rilke und viele andere. Kann man sich einen Konsens vorstellen, der es erlaubt, diese Gedichte zusammenfassend zu charakterisieren?

Nein, schließlich liegen Abgründe zwischen den ironischen Dichtern und den Pathetikern, die den Sommer feiern. Aber würde ich eine vereinheitlichende Definition riskieren, dann könnte sie lauten: Eine Jahreszeit wie der Sommer ergreift einen Menschen ganz (anders als der Winter, den man lieber nicht draußen, sondern vor der Heizung verbringt). Die Hitze und das sommerliche Licht, aber auch die Verdunkelung durch das Gewitter sind in unseren Breiten ein Ausnahmezustand, auf den die Lyrik angemessen reagieren kann.

Ein Gedicht Tucholskys enthält die sommerlichen Zeilen: "Ja, und hier –? Ein kleines Wieschen? / Da wächst in der Erde leis / das bescheidene Radieschen: / außen rot und innen weiß." Ein Jammer, die Politik! Tucholsky verpolitisiert seine Poesie: "Ja, und hier – ? Die ganz verbockte / liebe gute S. P. D. / (...) blühn so harmlos, doof und leis / wie bescheidene Radieschen; / außen rot und innen weiß."

Einige Österreicher bringen den Ton ihrer angestammten Verzweiflung in die Sommerlyrik. Mit Pathos Christine Busta: "Verkrochen hat der Schatten sich im Stein. / Schlaf jetzt nicht ein! Nach Wasser schrillt das Korn, / die Malve glost und unterm Lid droht Mohn. / Wenn du erwachst, zirpt schon im Ohr der Tod." So gefährlich kann der Sommer sein. Mit bitterer Ironie sagt es auch Ernst Jandl: "wir sind die menschen auf den wiesen / bald sind wir menschen unter den wiesen / und werden wiesen, und werden wald / das wird ein heiterer landaufenthalt."

Im außerliterarischen Leben ist der Juli schon da. Möge der Landaufenthalt auch "auf der wiesen" heiter sein. Nicht den Tod habe ich im Ohr, sondern mit weiser Voraussicht nur den Ohrwurm: "Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?"