Weißt du etwas über Zebrafische? Spielst du Trompete? Hast du mal einen Schnitzkurs gemacht?" Als Tess und Samuel sich zum ersten Mal begegnen, bombardiert sie ihn gleich mit diesen Fragen. Und als Samuel alle verneint, antwortet Tess: "Dann kann ich dich nicht gebrauchen. Geh ruhig weiter." Samuel, der Ich-Erzähler in Anna Woltz’ Roman Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess, darf dann aber doch bleiben. Denn Tess will mit ihm Walzer-Tanzen üben. Und obwohl Samuel nicht versteht, was das alles soll, macht er mit. Weil dieses eigenwillige Mädchen ihn fasziniert.

Tess und Samuel könnten gegensätzlicher kaum sein, sind auf ihre Art aber beide besonders. Tess ist eindeutig zu groß für ihre elf Jahre, und ihre alleinerziehende Mutter hat ihr frühzeitig beigebracht, dass Frauen sich viel zu oft bei Männern entschuldigen. Der zehnjährige Samuel hingegen ist der Kleinste in seiner Klasse, und von seinem älteren Bruder wird er "Professor" genannt, weil er über Fragen brütet wie der, ob der letzte Dinosaurier es vielleicht gar nicht so schlimm fand, zu sterben, weil er ja eben der letzte seiner Art war und somit vermutlich furchtbar einsam.

Samuel und Tess treffen sich auf der Insel Texel, wo Tess lebt und Samuel den Urlaub mit seinen Eltern und seinem großen Bruder verbringt. Und als die beiden sich anfreunden, erfährt Samuel doch noch, warum Tess dringend mehr über die Zebrafische, den Trompeten-Jazz und das Schnitzen erfahren will. Und warum er den Tanz-Dummy geben musste. Tess ist nicht nur eigenwillig und direkt, sie hat auch ein großes Problem. Ein Vater-Problem.

Elf Jahre lang konnte das Mädchen ganz gut damit leben, dass ihre Mutter ihr nicht verraten wollte, wer ihr Vater ist. Tess hatte nie das Gefühl, irgendetwas zu vermissen. Bis sie in einem alten Reisetagebuch einen Namen entdeckt und weiß: Das muss er sein, der unbekannte Vater. Und Tess weiß auch: Sie muss ihn finden.

Im Internet recherchiert das Mädchen die Adresse dieses Hugo, und sie findet heraus, wofür er sich interessiert – unter anderem für Zebrafische und Jazz. Sich ihm einfach als Tochter offenbaren, das will Tess allerdings nicht. Erst muss sie sicher sein, dass er als Vater überhaupt akzeptabel ist. So lockt Tess den nichts ahnenden Hugo auf die Insel, indem sie behauptet, er habe eine Woche Urlaub gewonnen. Und kaum hat Samuel den ersten Walzer mit Tess getanzt, ist er auch schon Komplize bei ihrem Papa-Prüfprogramm.

Sowohl die Zwei-Eltern-zwei-Kinder-Familie Samuels wie auch die Ein-Eltern-Variante von Tess skizziert die niederländische Autorin lebensnah und sympathisch, verschweigt aber nicht die Schwierigkeiten: durch Muttermigräne, Vaterschusseligkeit und brüderliche Eifersucht bedingter Kleinfamilien-Wahnsinn versus Übergriffigkeit einer zwar humorvollen, aber auch dominanten, alleinerziehenden Mutter. Keine der beiden Familienspielarten wird als bessere Lösung idealisiert. Auch wenn Tess nach ihrem Vater sucht, geht es dabei nicht um eine "Vervollständigung" der Familie. Eher öffnet diese Suche Fenster und zeigt andere Möglichkeiten. Tess möchte keinen Vater um jeden Preis, sondern einen, für den sie etwas empfindet und umgekehrt. Sonst ist er doch nur "so ein Mann, der zufällig mit meiner Mutter ins Bett gegangen ist".

Anna Woltz schafft es, gleichzeitig die Normalität und die Besonderheit ihrer Figuren genau zu beschreiben und erzählerisch geschickt einzusetzen: Die Normalität schafft Wiedererkennung und Identifikation, die Besonderheit der Charaktere produziert überraschende und komische Situationen. Samuel etwa beschäftigt die Welche-Gefühle-hatte der-letzte-Dinosaurier-Theorie auch in Bezug auf sein eigenes Leben. Da er der Jüngste in seiner Familie ist, rechnet er damit, irgendwann alleine übrig zu bleiben. Also versucht er, täglich weniger Zeit mit seinen Eltern und seinem Bruder zu verbringen, damit er sie später, wenn sie dann sterben, nicht so stark vermisst. Erst ein Gespräch mit dem alten Hendrik, für dessen toten Kanarienvogel er mit Tess eine ebenso ernsthafte wie schrullige Beerdigungszeremonie organisiert und der vor einigen Jahren seine Frau verloren hat, lässt ihn verstehen, dass ein schönes gemeinsames Leben wichtiger ist als die Angst vor dem Verlust.

Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess ist ein fast perfektes Beispiel für eine spannende, unterhaltsame und nah an der Gefühls- und Lebenswelt von Kindern erzählte Geschichte, die sich aber dennoch nie anbiedert, sondern die Leser immer wieder herausfordert. Nicht unbedingt sprachlich – hier gibt sich der Roman, übersetzt von Andrea Kluitmann, zwar genau beobachtend, aber auch bewusst unprätentiös. Was jedoch die Gedanken und die daraus resultierenden Handlungen der Kinder betrifft, hat das Buch bei aller Leichtigkeit und bei allem Humor einen sympathischen, eindringlichen Ernst, der weit entfernt ist von der Oberflächlichkeit der Kinderbuch-Massenware und durch die sparsamen, einfarbigen Illustrationen Regina Kehns noch unterstrichen wird. Das hier ist Literatur, gerade weil sie so schlendernd um die Ecke kommt! (Hartmut El Kurdi)

Jeden Monat vergeben die ZEIT und Radio Bremen den LUCHS-Preis für Kinder- und Jugendliteratur. Am 3. Juni stellt Radio Bremen das Buch um 15.20 Uhr bei Funkhaus Europa vor. Das Gespräch ist abrufbar unter www.radiobremen.de/luchs.

Anna Woltz: Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess. Deutsch von Andrea Kluitmann; mit Illustrationen von Regina Kehn; ab 10 Jahren; Carlsen Verlag 2015; 176 S., 10,99 €