Die Verlorenen – Seite 1

Auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte wurde Ahmo Hasić noch ein letztes Mal zusammengeschlagen. Geld oder Wertsachen hatte der Soldat von ihm gefordert. Doch das wenige, was Hasić auf seiner Flucht aus Srebrenica überhaupt mitgenommen hatte, war ihm in den Tagen seit seiner Gefangennahme längst von anderen bosnisch-serbischen Soldaten abgepresst worden. Ahmo Hasić besaß am 16. Juli 1995 nur noch das nackte Leben.

Dass er es behielt, gleicht einem Wunder. Nördlich der Bezirksstadt Zvornik in Ostbosnien trieben ihn die Soldaten gemeinsam mit Hunderten weiterer Muslime auf einem Getreidefeld zusammen. Rund eintausend Menschen wurden hier innerhalb weniger Stunden erschossen. Es war das vorletzte von sechs großen Massakern, denen zwischen dem 13. und dem 16. Juli 1995 insgesamt 8.372 Männer und männliche Jugendliche aus Stadt und Bezirk Srebrenica zum Opfer fielen. 8.372 – so lautet die in Bosnien-Herzegowina von der "Staatlichen Kommission für die verschwundenen Personen" amtlich festgestellte Zahl. Sie hat aus dem Namen Srebrenica eine Chiffre für ein Kriegsverbrechen gemacht, wie man es in Europa seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr gesehen hatte.

Wohl niemand hielt einen solchen Gewaltexzess mitten in Europa überhaupt noch für möglich. Dabei hätte man Srebrenica kommen sehen können. Rekonstruiert man heute die Ereignisse seit Beginn des jugoslawischen Bürgerkrieges, fügen sie sich zur Chronik eines angekündigten Massenmordes.

Eines der ersten Opfer war Haso Hodzić. Er versuchte noch zu fliehen, als am Nachmittag des 16. Mai 1992 Männer in Uniform und mit Masken über dem Kopf in sein Dorf Zaklopača in Srebrenicas Nachbarbezirk Vlasenica eindrangen. Sie erwischten ihn trotzdem. Einer der Uniformierten schoss Hodzić auf der Stelle in den Kopf. Unmittelbar danach fielen Schüsse in alle Richtungen. Niemand hatte den Befehl gegeben. Es schien, als ob der erste Schuss für alle das Zeichen gewesen war, das Feuer zu eröffnen.

Zaklopača hatte vor dem Krieg 250 Einwohner. Hohe Berge und tief eingeschnittene Täler trennen es von dem gerade einmal 20 Kilometer Luftlinie entfernten Srebrenica. Im zuständigen Polizeirevier von Milići vermerkte am Abend des 16. Mai der Polizist Milan Babić in seinem Dienstbuch: "Keine besonderen Vorkommnisse". Nur unter dem Stichwort "Streife" trug er etwas ein: "Zur Säuberung der Gegend das gesamte Personal im Einsatz." In Zaklopača waren am Nachmittag mindestens 58 Menschen umgebracht worden. Die "Säuberung" in dem Dorf war ein Menetekel für den grausamen, heimtückischen Krieg, der in Ostbosnien besonders grausam und heimtückisch werden sollte und an dessen Ende die Massaker von Srebrenica standen.

Warum hat sich Bosnien-Herzegowina zwischen 1992 und 1995 in ein Schlachthaus verwandelt? Waren es tatsächlich ethnische Konflikte? War es religiöser Hass? Die Suche nach einer Antwort führt unter anderem zu einer Sitzung des Parlaments der bosnischen Serben am 12. Mai 1992 in der Stadt Banja Luka. "Was ist unser Ziel?", fragte an diesem Tag Ratko Mladić die Abgeordneten – er war gerade zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Republika Srpska, der bosnisch-serbischen Republik, ernannt worden. Die Antwort schickte er gleich selbst hinterher: "Mein und unser Ziel sollte ein eigener Staat sein, dort, wo wir unser Zeichen hinterlassen haben, wo die Gebeine unserer Väter liegen. Das ist das Ziel, für das wir kämpfen müssen."

Radovan Karadžić und Ratko Mladić, die beiden Männer an der Spitze der "Serbischen Republik", hatten lange vor Kriegsbeginn den Streit um Bosnien-Herzegowina ideologisch verbrämt. Sie verklärten ihn zum Befreiungskampf der bosnischen Serben und riefen zur Rettung des Abendlandes vor dem anstürmenden Islam auf. Tatsächlich aber ging es um etwas ganz anderes: darum, sich ein möglichst großes Stück vom Territorium des zerfallenden Staatswesens Jugoslawien zu sichern. Es ging um Bauernland und Fabriken. Und weil es dabei angeblich das eigene Volk vor der "Vernichtung" durch die Muslime zu retten galt, schien jedes Mittel recht.

Auf dem Schlachtfeld wurden neue Fakten geschaffen

Ein gemeinsamer Staat Bosnien-Herzegowina für die Bosnjaken – also die bosnischen Muslime –, die bosnischen Serben und die bosnischen Kroaten war unter diesen Vorzeichen völlig ausgeschlossen. Stattdessen bestimmte man die Grenzen des Territoriums, auf dem der eigene bosnisch-serbische Staat entstehen sollte. Zu diesem Zweck formulierte Präsident Radovan Karadžić in besagter Parlamentssitzung vom 12. Mai 1992 sechs strategische Ziele für die bosnischen Serben. "Das erste dieser Ziele ist die Trennung von den beiden anderen Volksgruppen", erklärte er. Die fünf weiteren Ziele bildeten ein gewaltiges Eroberungsprogramm, das an diesem Ziel ausgerichtet war. Das Parlament der Republika Srpska verabschiedete das von Karadžić vorgelegte Programm.

Auf dem Schlachtfeld war man unterdessen längst dabei, Fakten zu schaffen – durch sogenannte "ethnische Säuberungen". Anders als durch Mord und Vertreibung konnte die gewünschte Trennung auch gar nicht erreicht werden, denn die Regionen, auf welche die bosnischen Serben Anspruch erhoben und die zu erobern sie sich angeschickt hatten, waren bis auf wenige Ausnahmen alle mehrheitlich von Bosnjaken besiedelt. "Die Republika Srpska ist in einem Gebiet geschaffen worden, in dem nie zuvor ein serbischer Staat existiert hatte! Das ist eine historische Leistung", kommentierte Serbiens Präsident Slobodan Milošević im Dezember 1995, nachdem alles vorbei war, vor einem kleinen Kreis höchster serbischer Politiker und Militärs das Ergebnis des Krieges.

Dass diese "historische Leistung" Tausende Zivilisten das Leben kosten würde, war den Beteiligten von vornherein bewusst. "To je ljudi genocid" – "Leute, das ist Völkermord", erkannte General Ratko Mladić schon an jenem denkwürdigen 12. Mai 1992, an dem Karadžić sein Eroberungsprogramm präsentierte.

Gut drei Jahre später, am Nachmittag des 11. Juli 1995, feierte der General in Srebrenica mit seinen Offizieren. Bruderkuss hier, Bruderkuss da und dazu der legendäre Satz vor laufender Kamera, es gelte nun, "Rache an den Türken in dieser Gegend" zu nehmen. Die kleine Bezirksstadt war zu diesem Zeitpunkt bereits menschenleer. Sie glich mit ihren Häuserruinen eher einer Müllkippe als einem ehemaligen Kurort. Die 40.000 Menschen, die noch bis wenige Stunden zuvor hier ausgeharrt hatten, waren geflohen.

Ähnliches hatte sich seit den ersten Schüssen im Frühjahr 1992 unweit von Srebrenica im Tal der Drina in den Bezirken Bijeljina, Zvornik, Višegrad, Foča und vielen Regionen Bosnien-Herzegowinas schon viele Male ereignet: Paramilitärische Milizen besetzten eine Stadt oder ein Dorf wie das von Haso Hodzić. Sie terrorisierten die Bevölkerung, sodass diese in Panik und Entsetzen die Flucht ergriff. Vorher mussten viele ihren Peinigern noch Haus und Hof überschreiben oder eine "Ausreisesteuer" entrichten, um sich freizukaufen. Auf diejenigen, die nicht weichen wollten, wartete erbarmungslose Lagerhaft oder der Tod. Srebrenica nimmt bei diesen "ethnischen Säuberungen" eine Ausnahmestellung ein, was die Zahl der Opfer betrifft. Doch alles, was dort geschah, war in den Kriegsjahren zuvor schon andernorts in Bosnien-Herzegowina passiert.

Wie sich herausstellen sollte, verliefen die "ethnischen Säuberungen" dort am gewalttätigsten, wo – wie in Ostbosnien – eine serbische Vorherrschaft erst hergestellt werden musste. Filmaufnahmen aus den ersten Apriltagen 1992 zeigen den Horror einer "ethnischen Säuberung" in Zvornik an der Drina: verängstigte Männer, die sich an Kontrollstellen willfährig durchsuchen lassen; brennende Häuser, getroffen von der Artillerie, die vom serbischen Ufer der Drina aus feuert; Tote auf den Straßen; Männer, die Leichen aufsammeln und zu bereitgestellten Lastwagen tragen müssen; Uniformierte, die mit ihrem Gewehr im Anschlag Häuser durchsuchen und Menschen ins Freie treiben; große Menschenmassen, fast nur Frauen, Kinder und alte Leute, die zusammen zu Fuß die Stadt verlassen, ihre Gesichter versteinert, angstvoll, weinend, entsetzt und fassungslos. Nur dieses eine Mal hatten die paramilitärischen Kommandos es zugelassen, dass gefilmt wurde. Vor dem Krieg waren im Bezirk Zvornik an der Drina 48.208 Bosniaken registriert gewesen, 59,4 Prozent der Bevölkerung. Nach der "ethnischen Säuberung" war von ihnen nicht einer geblieben.

In Foča wurden die Männer auf den Drina-Brücken erschossen und ihre Leichen in den Fluss geworfen. Ihre Frauen und Töchter wurden in Vergewaltigungslager verschleppt und dort über Monate gequält. In Višegrad, literarisch verewigt durch Ivo Andrićs Roman Die Brücke über die Drina, trieben die Soldaten ganze Großfamilien in Häuser, die sie anschließend in Brand setzten.

Im Nordwesten des Landes, im Bezirk Prijedor in der bosnischen Krajina, wurden in diesem Frühsommer 1992 die Männer und ein Teil der Frauen in die berüchtigten Todeslager von Omarska, Keraterm und Manjaća verschleppt. Wie viele Menschenleben dieses Blutvergießen gekostet hat, lässt sich bis heute nicht endgültig bestimmen. Das Buch, in dem alle Vermissten aus Prijedor und Umgebung aufgelistet sind, umfasst 365 Seiten mit 3.227 Namen. Etliche Leichen hat man in der Zwischenzeit gefunden – in Minenschächten und Bergwerkstollen, in Höhlen und Schluchten, in Wäldern, Gärten, Brunnen, auf Friedhöfen und Müllhalden. An manchen Orten hoben die Täter die Massengräber wieder aus, um ihre Verbrechen zu vertuschen, und vergruben die Toten andernorts ein zweites Mal. Drei Jahre später hat man dies auch mit den Opfern aus Srebrenica gemacht.

Eine UN-Sicherheitszone ohne Gewähr

Nachdem bosnisch-serbische Truppen den Bezirk Srebrenica fast ein Jahr lang belagert hatten, war die Stadt mit ihrer Umgebung im April 1993 zur UN-"Sicherheitszone" erklärt worden. Die bosnisch-serbischen Militärs interessierte dies wenig: Sie hatten andernorts ungehindert morden können; 1995 machten sie auch vor Srebrenica nicht halt. Nach nur sechs Tagen Kampf fiel ihnen die Stadt am 11. Juli vor den Augen der niederländischen UN-Schutztruppe in die Hände.

Warum aber hinderte niemand die bosnischen Serben an der Eroberung der UN-Sicherheitszone?

Die zugänglichen Dokumente lassen nur einen Schluss zu: Nach drei Jahren Krieg hatten alle beteiligten Parteien – die bosnische Regierung in Sarajevo, die abtrünnigen bosnischen Serben und die Vereinten Nationen – ein gemeinsames Interesse: Der Krieg sollte beendet werden. Srebrenica war dabei ein Hindernis: Für die bosnischen Serben war die Enklave ein Fremdkörper auf dem Territorium ihrer "ethnisch gesäuberten" Republika Srpska. Für den Präsidenten und die Regierung in Sarajevo war sie eine Belastung, ein Ort, der mühsam am Leben gehalten werden musste, während die Mittel fehlten, den Belagerungsring rund um die Hauptstadt zu brechen – Präsident Alija Izetbegović hatte nach Ausrufung der UN-Sicherheitszone Srebrenica deshalb mehrfach Pläne ausarbeiten lassen, diese gegebenenfalls gegen zwei "serbische" Vororte der Hauptstadt Sarajevo einzutauschen. Und bei den Vereinten Nationen war man sich von Anfang an darüber im Klaren, dass man mit einer Sicherheitszone Hoffnungen geweckt hatte, die man im Ernstfall nie würde erfüllen können (und wollen). Die Pläne für einen Rückzug lagen deshalb schon in der Schublade.

So kam es, dass niemand bereit war, für die Menschen in Srebrenica Verantwortung zu übernehmen. Die niederländische Schutztruppe war nach mehrmonatiger totaler Blockade jeglichen Nachschubs genauso ausgezehrt und nervlich am Ende wie die Bevölkerung nach dreijähriger Belagerung. Von der Regierungsarmee kam kein Entlastungsangriff, weil sie alle Kräfte auf das belagerte Sarajevo konzentriert hatte. Das Oberkommando der UN-Streitkräfte zögerte einen Hilferuf an die Nato-Luftwaffe, zu dem es eigentlich ermächtigt war, so lange hinaus, bis er wirkungslos wurde.

Auf dem Gelände, auf dem am 11. Juli 1995 an die 25.000 Menschen Zuflucht bei der UN-Truppe suchten, befindet sich heute ein riesiger Friedhof. Vor allem Frauen und Kinder, dazu alte und gebrechliche Leute hatten sich hierher geflüchtet – doch niemand kam ihnen zu Hilfe. Am folgenden Tag begann ihre Deportation, die für rund 2.000 Männer und Jugendliche auf den Hinrichtungsstätten bei Srebrenica endete. Nur zwei von ihnen haben überlebt. Einer ist Ahmo Hasić. Er hat sich fallen lassen, bevor das Exekutionskommando schoss. Die Toten, die auf ihn stürzten, schützten ihn vor Entdeckung durch die Mörder. Heute lebt er im bosnjakisch-kroatischen Teil von Bosnien-Herzegowina. In sein Heimatdorf nahe Srebrenica ist er nicht mehr zurückgekehrt. Es wäre lebensgefährlich, denn er ist einer der Hauptbelastungszeugen in all den Verfahren des Internationalen Gerichtshofes für das ehemalige Jugoslawien, in denen die Organisatoren und Vollstrecker der Massaker von Srebrenica angeklagt sind.

Waren diese Massaker absehbar? Hätten sie verhindert werden können?

Nach den drei Kriegsjahren zuvor konnten alle Beteiligten wissen, dass die "ethnischen Säuberungen" durch die bosnisch-serbische Soldateska von fürchterlichen Gräueltaten begleitet wurden. Doch dass sie zu einem Blutbad dieser Dimension führen würden, war wohl schwer vorstellbar.

Die Ermittlungen des UN-Tribunals für das ehemalige Jugoslawien haben ergeben, dass die bosnischen Serben Srebrenica nicht mit dem Vorsatz überfallen hatten, alle bosnjakischen Männer und männlichen Jugendlichen umzubringen. Sie haben einen Teil von ihnen getötet, um den Vertriebenen unmissverständlich zu verstehen zu geben, dass sie niemals zurückkehren sollten. Dieser grausamen Logik waren alle "ethnischen Säuberungen" gefolgt. Diejenigen, die hätten eingreifen können, hatten dies nicht bedacht, oder sie hatten es in Kauf genommen.

Vieles spricht für Letzteres.