Nachdem bosnisch-serbische Truppen den Bezirk Srebrenica fast ein Jahr lang belagert hatten, war die Stadt mit ihrer Umgebung im April 1993 zur UN-"Sicherheitszone" erklärt worden. Die bosnisch-serbischen Militärs interessierte dies wenig: Sie hatten andernorts ungehindert morden können; 1995 machten sie auch vor Srebrenica nicht halt. Nach nur sechs Tagen Kampf fiel ihnen die Stadt am 11. Juli vor den Augen der niederländischen UN-Schutztruppe in die Hände.

Warum aber hinderte niemand die bosnischen Serben an der Eroberung der UN-Sicherheitszone?

Die zugänglichen Dokumente lassen nur einen Schluss zu: Nach drei Jahren Krieg hatten alle beteiligten Parteien – die bosnische Regierung in Sarajevo, die abtrünnigen bosnischen Serben und die Vereinten Nationen – ein gemeinsames Interesse: Der Krieg sollte beendet werden. Srebrenica war dabei ein Hindernis: Für die bosnischen Serben war die Enklave ein Fremdkörper auf dem Territorium ihrer "ethnisch gesäuberten" Republika Srpska. Für den Präsidenten und die Regierung in Sarajevo war sie eine Belastung, ein Ort, der mühsam am Leben gehalten werden musste, während die Mittel fehlten, den Belagerungsring rund um die Hauptstadt zu brechen – Präsident Alija Izetbegović hatte nach Ausrufung der UN-Sicherheitszone Srebrenica deshalb mehrfach Pläne ausarbeiten lassen, diese gegebenenfalls gegen zwei "serbische" Vororte der Hauptstadt Sarajevo einzutauschen. Und bei den Vereinten Nationen war man sich von Anfang an darüber im Klaren, dass man mit einer Sicherheitszone Hoffnungen geweckt hatte, die man im Ernstfall nie würde erfüllen können (und wollen). Die Pläne für einen Rückzug lagen deshalb schon in der Schublade.

So kam es, dass niemand bereit war, für die Menschen in Srebrenica Verantwortung zu übernehmen. Die niederländische Schutztruppe war nach mehrmonatiger totaler Blockade jeglichen Nachschubs genauso ausgezehrt und nervlich am Ende wie die Bevölkerung nach dreijähriger Belagerung. Von der Regierungsarmee kam kein Entlastungsangriff, weil sie alle Kräfte auf das belagerte Sarajevo konzentriert hatte. Das Oberkommando der UN-Streitkräfte zögerte einen Hilferuf an die Nato-Luftwaffe, zu dem es eigentlich ermächtigt war, so lange hinaus, bis er wirkungslos wurde.

Auf dem Gelände, auf dem am 11. Juli 1995 an die 25.000 Menschen Zuflucht bei der UN-Truppe suchten, befindet sich heute ein riesiger Friedhof. Vor allem Frauen und Kinder, dazu alte und gebrechliche Leute hatten sich hierher geflüchtet – doch niemand kam ihnen zu Hilfe. Am folgenden Tag begann ihre Deportation, die für rund 2.000 Männer und Jugendliche auf den Hinrichtungsstätten bei Srebrenica endete. Nur zwei von ihnen haben überlebt. Einer ist Ahmo Hasić. Er hat sich fallen lassen, bevor das Exekutionskommando schoss. Die Toten, die auf ihn stürzten, schützten ihn vor Entdeckung durch die Mörder. Heute lebt er im bosnjakisch-kroatischen Teil von Bosnien-Herzegowina. In sein Heimatdorf nahe Srebrenica ist er nicht mehr zurückgekehrt. Es wäre lebensgefährlich, denn er ist einer der Hauptbelastungszeugen in all den Verfahren des Internationalen Gerichtshofes für das ehemalige Jugoslawien, in denen die Organisatoren und Vollstrecker der Massaker von Srebrenica angeklagt sind.

Waren diese Massaker absehbar? Hätten sie verhindert werden können?

Nach den drei Kriegsjahren zuvor konnten alle Beteiligten wissen, dass die "ethnischen Säuberungen" durch die bosnisch-serbische Soldateska von fürchterlichen Gräueltaten begleitet wurden. Doch dass sie zu einem Blutbad dieser Dimension führen würden, war wohl schwer vorstellbar.

Die Ermittlungen des UN-Tribunals für das ehemalige Jugoslawien haben ergeben, dass die bosnischen Serben Srebrenica nicht mit dem Vorsatz überfallen hatten, alle bosnjakischen Männer und männlichen Jugendlichen umzubringen. Sie haben einen Teil von ihnen getötet, um den Vertriebenen unmissverständlich zu verstehen zu geben, dass sie niemals zurückkehren sollten. Dieser grausamen Logik waren alle "ethnischen Säuberungen" gefolgt. Diejenigen, die hätten eingreifen können, hatten dies nicht bedacht, oder sie hatten es in Kauf genommen.

Vieles spricht für Letzteres.