Nachts um drei sind wir aufgebrochen. Seit Stunden laufen wir durch die Dunkelheit. Ein kleiner Lichtkegel tastet sich die Wand hinauf. Im fahlen Schein der Stirnlampe schimmert der Fels, tausend silberne Funken glitzern im Gneis. Weit oben leuchtet der Vollmond über dem Grat. Außer unseren Schritten ist nichts zu hören. Ein paar Schneeflocken treiben im Wind, dann prasselt Graupel auf die Helme. Ich folge meinem Bergführer durch Steine und Geröll. Kein Gras wächst in dieser hochkant gestellten Mondlandschaft. Irgendwann taucht ein korallenroter Fleck auf. Eine Flechte, immerhin, an einem Überhang.

Die Welt, in der Büsche und Bäume wachsen, liegt tausend Meter unter uns. Nochmals tausend Meter tiefer sind kleine Lichter zu sehen: Zermatt. Dort bin ich vor ein paar Tagen mit dem Zug angekommen. Und vor gut 150 Jahren, am 14. Juli 1865, wurde das Matterhorn zum ersten Mal bestiegen.

Diesem Triumph folgte beim Abstieg eine Katastrophe, die das Bild der Menschheit von den Bergen für immer verändert hat. Trotzdem wollen viele auf diesen Gipfel, auch mein Bergführer Hansruedi Burgener und ich. Weil wir den großen Rummel rund um das Jubiläum fürchten, haben wir uns schon im August 2014 auf den Weg gemacht.

Das Matterhorn ist 4.478 Meter hoch. Rings um Zermatt stehen mehr als zwei Dutzend Viertausender. Einige sind noch höher, aber dieser eine Berg, der wie ein Solitär in den Himmel ragt, stiehlt allen anderen die Schau. Selbst wenn sein Gipfel in Nebel gehüllt ist. Vorgestern, als ich unten auf dem Kirchplatz von Zermatt stand, sah man nichts von der berühmten Silhouette. Nur der Fuß des Matterhorns zeigte sich als grauer Keil. Auch jetzt, irgendwo über 3.000 Metern, wabert ringsum dicke Milchsuppe. Doch man muss diesen Berg nicht erkennen können, um ihn zu kennen. Wie die Skyline von Manhattan hat er sich aus tausend Abbildungen ins Hirn gebrannt: die erhabene Form einer Pyramide, von der Seite betrachtet ein Dreieck aus Stein ohne überflüssige Zacken. So würde ein Kind einen Berg malen.

Eigentlich ist der Hochsommer eine gute Zeit für Bergsteiger. Doch dieses Jahr haben wir Pech. Der Wirt der Hörnlihütte, des auf 3.260 Meter gelegenen Basislagers für Matterhorn-Aspiranten, hat uns gestern Abend gewarnt: "Normalerweise waren um diese Jahreszeit schon 400 Bergsteiger auf dem Gipfel. Aber diesen Sommer haben es erst vier Führer mit vier Gästen geschafft." Wir sind trotzdem aufgebrochen.

Im Juli 1865 gab es einen regelrechten Wettlauf auf das Matterhorn. Die Pionierzeit des Alpinismus neigte sich dem Ende zu, alle großen Berge der Alpen waren bestiegen. Nur dieser Gipfel war noch nicht bezwungen.

Nun versuchte der Bergführer Jean-Antoine Carrel von der italienischen Seite her, das Matterhorn zum Ruhm seines Landes zu erobern. Gleichzeitig brach in Zermatt der Engländer Edward Whymper mit einer sieben Mann starken Seilschaft auf. Neben den drei Schweizer Bergführern Michel Croz aus Chamonix, Peter Taugwalder aus Zermatt und dessen Sohn waren noch drei weitere Engländer mit von der Partie: der Pfarrer Charles Hudson, Robert Hadow und Lord Francis Douglas.

Der britischen Oberschicht galt das Matterhorn als letzte Herausforderung. Sie war als Erste auf die Idee gekommen, Berge aus reinem Selbstzweck zu besteigen. Nicht um wissenschaftlicher Erkenntnisse willen oder zur religiösen Erleuchtung, sondern als Zeitvertreib von exzentrischer Nutzlosigkeit. 1857 gründeten sie in London die erste Bergsteigervereinigung der Welt, den Alpine Club. Die meisten britischen Alpinisten mussten ihre Jugend nicht mit schnödem Geldverdienen verplempern. Ihre Devise lautete: Play now, work later – "Erst das Vergnügen, dann die Arbeit".

Bergsteiger Edward Whymper ca. 1865 © Express Newspapers/Getty Images

Der ehrgeizige Edward Whymper war in diesem Club der Gentlemen ein Außenseiter. Er musste sich seine Reisen in die Alpen verdienen, indem er in England Illustrationen von Bergen und Gletschern verkaufte. Bis zum Sommer 1864 hatte er acht Versuche unternommen, das Matterhorn zu bezwingen. Bei einem war er 60 Meter in die Tiefe gestürzt. Jetzt, mit 25 Jahren, sah er seine letzte Chance, diesen Berg zu erklimmen. Er wählte den Weg über den Hörnligrat. Weil dieser schmale Grat zwischen Nord- und Ostwand des Matterhorns schwindelerregend steil in die Höhe führt, galt er als nicht gangbar.

Inzwischen ist er der Normalweg aufs Matterhorn. An schönen Tagen wollen mehr als 100 Bergsteiger über diese Route auf den Gipfel. Heute ist uns noch keiner begegnet.

Kurz nach sechs geht die Sonne auf, über weißen Wolken ergießt sich orangefarbenes Licht, so intensiv, als wäre es künstlich. Ein paar Minuten später leuchtet die ganze Ostwand des Matterhorns rotbraun. Jetzt wird sichtbar, wie steil sie in die Tiefe fällt. Über dem Hörnligrat ragt eine Felszacke wie das Geweih eines gewaltigen Steinbocks empor.