Wie geht’s der Nato, 66, die vergangenes Jahr ihr Rentenalter erreicht hat? Nicht so toll, antwortet die Brookings Institution, der älteste Thinktank in Washington. Die Überschrift des Reports sagt alles: "Nicht bereit für eine postamerikanische Welt". Dabei stützt sich Brookings auf die jüngste Umfrage des Pew Research Center unter den Hauptmächten der Allianz: hier Deutschland, England, Frankreich, Italien und Spanien, dort Amerika und Kanada.

Die Unterschiede zwischen Europa und Nordamerika sind zwar nicht ganz so breit wie der Atlantik, aber doch auffällig, wo es um den Kern eines jeden Bündnisses geht: die gegenseitige Schutzverpflichtung. Die zentrale Frage lautete: Sollten wir militärisch eingreifen, wenn Russland ein Nato-Land angreift? Nur in den USA und Kanada antworteten klare Mehrheiten mit Ja – 56 und 53 Prozent. In England, Spanien und Frankreich sinkt die Ja-Quote unter 50.

Dann kippt es. In Italien wollen nur 40 Prozent kämpfen. Und nun die Überraschung, die nur für altgediente Beobachter keine ist: In Deutschland sagen fast sechs von zehn Nein. Sie würden also nicht für unsere baltischen und polnischen Freunde an der Ostgrenze kämpfen. Fünfzig Jahre nach dem Beitritt der Bundesrepublik lieben die Deutschen noch immer die Allianz. Die Mitgliedschaft war damals gut (68 Prozent) und wird es auch in Zukunft sein (61 Prozent). Doch verfliegt die Liebe, wo es um die Kosten geht, um den Schwur der drei Musketiere: "Einer für alle, alle für einen".

Aber wenn manch einer nicht den allzeit bereiten d’Artagnan geben will? Hier zeigt sich das klassische Problem aller Koalitionen, die sich dem Gemeingut verpflichten. Im Volksmund heißt es: "Hannemann, geh du voran", in der Theorie der öffentlichen Güter reden wir von "Trittbrettfahrern", von Leuten, die die Tram nutzen, ohne zu bezahlen.

Zwar wollen die Deutschen nicht für andere kämpfen, aber sie glauben fest daran – sieben zu drei –, dass die Amerikaner es für sie tun würden. Das gleiche Bild zeigt sich überall in Europa. Zwei Drittel und mehr verlassen sich auf den großen, aber nicht unbedingt geliebten Bruder. Nur die Polen, die an der vordersten Front stehen, sind sich nicht ganz so sicher.

So war es schon immer, seit den allerersten Anfängen, als die USA sechs Divisionen nach Europa verlegten. Die schwollen im Kalten Krieg auf 300.000 Mann an. Bloß gibt’s die nicht mehr; geblieben sind nur zwei Kampfbrigaden. Schuld daran ist die Wende nach Ostasien, aber auch der Abrüstungstrend, der seit Obama herrscht. Erkannt haben die Europäer die Abwärtsdynamik sehr wohl, aber verinnerlicht haben sie diese nicht – geschweige denn, dass sie angestrengt über die Selbstverteidigung und strategisches Handeln nachdächten.

Mit mehr hard power hätten die Europäer auch größeren Einfluss auf die amerikanische Strategie. Oder eine Rückversicherung gegen Rückzugsreflexe der USA, die nicht mit der Ära Obama enden müssen. Denn ein republikanischer Präsident würde nicht unbedingt das alte militärische Engagement in Europa wiederherstellen. Doch zumindest schläft es sich besser, wenn man den Umfragen glaubt: dass die USA heute und immerdar für ihre unlustigen Freunde zu den Waffen greifen würden.