Luther mochte den Papst bekanntlich nicht. Er sprach mit Vorliebe vom "Papstesel", und das war noch nicht einmal die gemeinste Beschimpfung, die dem abtrünnigen Mönchlein einfiel. Denn der Heilige Vater in Rom galt dem Reformator als Inbegriff der Unfreiheit im Glauben: "Schrei flugs, und wehre dich! Der Papst hatte mich auch gebunden, aber ich bin meine Bande losgeworden", sagte er in einer seiner Tischreden, die bis heute wegen ihres deftigen Stils berühmt sind.

Das Deftige der innerkirchlichen Debatten hat in den letzten 500 Jahren in Deutschland stark nachgelassen – was leider nicht immer von Friedfertigkeit zeugt, sondern oft nur von konfessioneller Verkniffenheit und von Ressentiment. Die meisten Christen in unseren Breiten sind zwar nicht mehr kirchenfromm, doch Protestanten finden immer noch "Katholen" blöd, Katholiken finden "Evangelen" blöd, und beide Seiten wissen nicht genau, warum.

Deshalb ist es wunderbar, dass jetzt der Papst nach Deutschland kommt, voraussichtlich Anfang 2016. Angela Merkel habe ihn eingeladen, sagte er am Montag auf dem Weg nach Südamerika. Er nehme die Einladung gern an. Denn: "Das ist eine gute Sache." In der Tat. Hier hat Franziskus, Meister des Understatements, Armenanwalt, Klerikerschreck und Change-Manager von Gottes Gnaden (neulich kündigte er die Einrichtung eines Obdachlosenasyls am Petersplatz in Rom an), sich wieder selbst übertroffen. Denn das Reformationsjubiläum 2017 steht kurz bevor. Und Franziskus, der dauernd aufs Evangelium pocht, ist der evangelischste Papst, den die Katholiken je hatten. Wenn einer wie er hierherkommt, ins Kernland der Reformation, könnte das die symbolische Überwindung der "Kirchenspaltung" werden. Ein Schritt hin zur Einheit der Christen.

Wer das nicht glaubt, schlage in seinem Schreiben Evangelii Gaudium nach, worin es heißt: Allein die Freude einer "Evangelisierung mit Geist" führe zum Aufbruch. – Wem das noch nicht genug ist, der lese in der ZEIT Nummer 5/14, was einer der engsten Papstberater, der honduranische Kardinal Oscar Maradiaga auf die Frage sagte, ob man die Reformation gemeinsam feiern könne: "Warum nicht? Es gibt nur einen Christus, nicht zwei. Die Trennung von der katholischen Kirche erfolgte nicht auf Wunsch von Christus, sondern der Menschen. Ich glaube, es ist richtig, gemeinsam zu feiern."

Dabei geht es nicht nur um Party, sondern um Politik. Der Papst sagte über die Einladung durch die evangelische Pastorentochter Angela Merkel, die von einer Einladung des evangelischen Pastors und Bundespräsidenten Joachim Gauck flankiert wird, nämlich auch: "Ich bin auf Friedenstour." Das heißt: Ich werde mich nicht im konfessionalistischen Kleinkrieg verkämpfen, sondern die christlichen Großthemen gemeinsam angehen. Das sind für ihn soziale Gerechtigkeit, Barmherzigkeit statt Strafmoral, Versöhnung. Er wird also auf die innerkirchlichen Animositäten pfeifen, die noch den Deutschlandbesuch von Benedikt XVI. so quälend machten.

Jetzt kommt ein resoluter Versöhner, der den Christen einhämmert: Kirche ist kein Selbstzweck. Kirche ist nicht für sich selbst, sondern für andere da. Und Priester, Pastoren, Bischöfe, Päpste sind Diener.

Bei so viel Antiautoritarismus von ganz oben wird manchem Kirchenhierarchen mulmig. Sowohl in der Deutschen Bischofskonferenz als auch in der Evangelischen Kirche Deutschlands gibt es jetzt schon Bedenkenträger, die jammern: Das sei doch nun nicht optimal, wenn der Papst ausgerechnet vorm Reformationsjubiläum eine ökumenische Agenda setze. Gewisse Katholiken fürchten wohl um ihren machtgeschützten Konservatismus. Und gewisse Protestanten fürchten um ein lieb gewordenes Feindbild: Wer sind wir eigentlich, wenn wir nicht antikatholisch sind?

Beide Seiten aber fürchten, dass der populäre Papst ihnen die Show stiehlt. Reformationsjubiläum als protestantische Selbstvergewisserung, als deutsches Provinzfest, so hatten sich die Besitzstandswahrer das vorgestellt. Jetzt aber ist es ein bisschen so, als hätten Schülerbands ein Konzert geplant – und plötzlich sagt sich der Rapper 50 Cent an. Tja, liebe Miesepeter: Die Massen werden begeistert sein.