So ein normaler Tag von Rainald Goetz fängt an, wenn sein Wecker läutet. Er steht auf, zieht sich an und radelt in die Stadt. Hallo, Berlin. Der Wind bläst stürmisch, und er kauft sich Zeitungen. Er beobachtet, wie die Autos auf der Straße fahren und die Menschen einander ausweichen. Der Lärm der Stadt. Am Hochhaus Ecke Dorotheenstraße wird er fast vom Rad geblasen. Angestellte gehen zur Arbeit, werfen ihre Mäntel über Bürostühle. Er merkt sich das. Dann fährt er wieder nach Hause und liest die Zeitungen. Er nennt das: die Zeitungen kontrollieren.

Das ist seine Welt. Berlin, der Alltag, die Leute, die Medien, die Gegenwart und der irrwitzige Wahrnehmungsstrom, den das alles in ihm auslöst. Der unfassbare Realitätsdruck, den so ein normaler Tag in Berlin erzeugt. Manchmal, wenn man ihn irgendwo in Berlin sieht, wie er herumfährt, wie er am Rande einer Veranstaltung mit aufgerissenen Augen herumsteht, wie er alles fotografiert, alles mitschneidet, alles in sich hineinpackt, denkt man, dass er an diesem ungeheuerlichen Innendruck der dauerrezipierten Außenwelt schier zerplatzen könnte. Das ist aber noch nicht geschehen – auch wenn er sich, ewig unvergessen, beim legendären Klagenfurter Wettlesen neben dem ungerührt weitersprechenden Marcel Reich-Ranicki damals ja sogar die Stirn aufgeritzt hatte, sodass das Blut nur so auf seine Texte tropfte.

Jetzt haben wir die Ehre und die Freude, dem ewig wachen, ewig hektischen, ewig gegenwärtigen Dichter in dieser Woche zum höchsten deutschen Literaturpreis, dem Georg-Büchner-Preis, zu gratulieren. Er hat ihn verdient. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt ehrt den 61-jährigen Autor, der vor drei Jahren den bisher hellsichtigsten und unverändert gültigen Roman über das Verschwinden der Gegenwart in einer Geldblase geschrieben hat: Johann Holtrop war ein Porträt von Thomas Middelhoff, das nur hoffnungslose Optimisten damals für überzogen und zu karikierend halten konnten. Der wirkliche Thomas Middelhoff hat sich seither mehr und mehr als dieser von der "Dämonie des Geldes" zerfressene Mensch entpuppt, als den Rainald Goetz ihn in seinem fegefeuerartigen Übereifer damals schon beschrieben hatte.

Dass Goetz die höchsten literarischen Weihen der Akademie für seine Romane und sein großes Projekt einer vielbändigen Balzac-artigen Geschichte der Gegenwart nicht schon viel früher erhalten hat, war vermutlich nur das Ergebnis eines Missverständnisses. Denn dieser Feuereifer, diese hektische, ungefilterte Neugier auf alles und jedes galten eine ganze Weile in den besseren Kreisen der Literaturkritik als, nun ja, Popliteratur. Die Darmstädter Jury wollte diesen schlecht abgebremsten, dauererhitzten, grenzenlos begeisterten und grenzenlos angewiderten Berliner Weltmitschreiber deswegen offenbar nicht in eine Reihe stellen mit temperierteren Suhrkamp-Klassikern wie Jürgen Becker, Alexander Kluge oder Friederike Mayröcker, für die der Georg-Büchner-Preis traditionell das angestammte Habitat ist.

Und ein bisschen kann man die Akademie auch verstehen: Nach dem geniehaften, umwerfenden ersten Roman Irre im Jahr 1983 schrieb Goetz ja wirklich zunächst mehr oder weniger nur "mit" – als rasender Eckermann seiner Gegenwart. Er lieferte die laufende Chronik und verfasste, zum Teil zunächst im Netz, später in Buchform, Tagebücher, wie es keine hellsichtigeren und genaueren gibt über diese verrückte Achsenzeit, in der wir leben. Doch mit Popliteratur, also mit der heroischen Affirmation des Unabwendbaren, hatte das überhaupt nichts zu tun. Goetz war eigentlich schon immer jenseits des Pop. Viel näher bei Botho Strauß als bei Benjamin von Stuckrad-Barre.

Spätestens nach seinem noch im vorigen Jahrtausend geschriebenen Tagebuch Abfall für alle dürfte dann auch der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung gemerkt haben: Dieser Autor hatte ein konkurrenzlos innovatives Verfahren zur Herstellung von Gegenwartsliteratur entwickelt. Er wollte in seiner Geschichte der Gegenwart dem endlosen (herrliches Goetz-Wort) "Spaßcraze" seines Zeitalters als hypernervöses Aufschreibsystem und Nervenbündel begegnen. Und nicht als entspannt zurückgelehnter und durchironisierter Vollautor. Gegenwart und Ich sollten in seinen Weltmitschriften so eng zusammengeführt werden, wie es auf Erden oder auch nur in Berlin-Mitte in einem kurzen Leben eben möglich ist. Ein urromantisches Vorhaben in unromantischen Zeiten.

Maxim Biller, mit dem Rainald Goetz freundschaftlich verfeindet ist, habe ihm deswegen vorgehalten, dass seine "Sachen nicht genug GEARBEITET wären". Damit hat Maxim Biller schon recht. Allerdings ist das nicht gut Gearbeitete genau das, was Goetz möchte und worauf er viel Mühe verwendet. Biller entgegnete er: "Man setzt sich ja auch nicht in einen Mercedes rein und fährt los und fühlt sich gut. Und nur der Depp denkt sich: toll verarbeitet." Was Goetz nicht will, merkt der Leser seiner Bücher sofort: Er möchte keine gut geschriebene S-Klasse-Literatur im Hochkapitalismus. Er möchte aber natürlich auch keine schlechten Texte. Deswegen hat er einen völlig neuen Schreib-Freistil erfunden, der kunstvoll kunstlos und herrlich direkt ist.

Das deutsche Feuilleton, über das er so gerne schreibt, liebt ihn dafür. Vielleicht wird man erst später absehen können, wie stilprägend der Goetzsche Ton für den Journalismus der nuller Jahre gewesen ist, als plötzlich eine ganze Generation so direkt und so verkrampft-unverkrampft wie Goetz schreiben wollte. Was man jetzt schon sagen kann: Der geniale Suhrkamp-Autor hat alle Maßstäbe verschoben, als er mit dem Popliteraturkonzept und mit dem Hochkulturkonzept gleichzeitig gebrochen und sich in seinen ganz eigenen Kohlhaas-Kampf gegen die Zeit und die Epoche verstrickt hat.