Viele kritische Diagnostiker stellen ja momentan fest, dass der alte Konflikt zwischen Kapital und Arbeit mit den Transformationen des gegenwärtigen Kapitalismus nicht nur ungelöst bleibt, sondern im Informationszeitalter ganz andere Dimensionen angenommen hat. Mit moralisierenden Vorwürfen jedoch verfehlt man ein viel grundsätzlicheres Phänomen, das der italienische Philosoph Franco "Bifo" Berardi unter dem Begriff "Semio-Kapitalismus" zusammenfasst. Demnach wurde in der neoliberalen Epoche durch Deregulierungspolitik und die neue Totalität von Kommunikationstechnologien ein allumfassender Abstraktionsprozess in Gang gesetzt: Jeder Aspekt des sozialen Lebens wird dabei in Zeichen verwandelt – Zeichen allerdings, die nichts mehr bezeichnen, sondern Verhalten unmittelbar aktivieren. Diese Idee geht zurück auf den Psychoanalytiker Félix Guattari (1930 bis 1992), mit dem der 1949 geborene Berardi zusammenarbeitete, nachdem er als linker Aktivist in den siebziger Jahren aus Italien nach Frankreich geflohen war.

In seinem neuen Buch Der Aufstand. Über Poesie und Finanzwirtschaft entfaltet Berardi diesen Gedanken anhand der Analogie, auf die der Untertitel anspielt: So wie der literarische Symbolismus um 1900 das Wort davon befreite, Realität repräsentieren zu müssen, so sind heute sämtliche Informationen, ob in Form von Finanzinstrumenten oder digitalen Daten, losgelöst von ihrem Träger. Das erst ermöglicht eine neue, enorme Wertschöpfung aus den kognitiven Fähigkeiten der Menschen, während diese immer weniger am erwirtschafteten Reichtum teilhaben und als körperliche Wesen erschöpft auf der Strecke bleiben. Berardi setzt dagegen auf Solidarisierung der Erschöpften. Ihr politischer Kampf müsse aber bei Technologie und Sprache ansetzen. Dass Berardis aufwühlender Ton oft ins Lamento verfällt, ist schade. Die Dichte seiner Argumente kann zudem genauso kräftezehrend sein wie die "Hyperkomplexität" der automatisierten "Info-Sphäre", die Berardi kritisiert. Gleichwohl treffen seine Betrachtungen eine Gegenwartserfahrung, die wir noch viel zu wenig begriffen haben.