DIE ZEIT: Frau Grütters, seit ein paar Wochen hagelt es Kritik von Kunsthändlern, Auktionatoren und kunstsammelnden Verlegern. Das von Ihnen geplante Gesetz zum Kulturgutschutz würde den Markt strangulieren, heißt es etwa, Sie planten eine "kalte Enteignung" von Kunstsammlern. Was haben Sie da vor?

Monika Grütters: Das ist natürlich Unsinn und grobe Polemik. Wir wollen eine seit 23 Jahren geltende EU-Regelung für die Ausfuhr aus der EU künftig auch auf den EU-Binnenmarkt anwenden, nämlich dass Kunstwerke ab einem bestimmten Wert und einem bestimmten Alter eine Ausfuhrgenehmigung benötigen. Deutschland setzt das jetzt als eines der letzten von 28 EU-Ländern um. Die Kunsthändler waren von Anfang an in diesen Gesetzgebungsprozess eingebunden, es gab mehrere Anhörungen, an denen alle beteiligt waren. Als Kulturstaatsministerin stehe ich in der Verantwortung, Kulturgut von nationalem Rang, das für unsere kulturelle Identität emblematisch ist, vor Abwanderung ins Ausland zu schützen. Das gilt übrigens bereits seit 1955. Wir passen diese Regeln jetzt lediglich auf den europäischen Binnenmarkt an, den es seit 1993 gibt. Es wird also Zeit. Frankreich und Großbritannien haben längst solch eine Ausfuhrregelung. Die Praxis des Unterschutzstellens "national wertvollen Kulturguts" betraf bislang nur wenige Einzelwerke, also einen Bruchteil des riesigen Kunstmarktes. Im Gesetz sind hier keine Änderungen vorgesehen. Und nur zur Klarstellung: Bei uns geht es um Ausfuhrgenehmigungen, nicht um Ausfuhrverbote. Das ist ein entscheidender Unterschied.

ZEIT: Ist der deutsche Kunstmarkt wirklich so schwach, dass ein neues Gesetz zum Kulturgutschutz ihn strangulieren könnte, Herr Jarmuschek?

Kristian Jarmuschek: Es ist nicht dieses eine Gesetz allein, das uns Probleme macht. Abgesehen davon, dass der Kunstmarkt nur in einer Handvoll EU-Mitgliedsstaaten überhaupt relevant ist, muss man die Erfahrungen des hiesigen Kunsthandels bei der jüngsten Erhöhung der Mehrwertsteuer für Kunstverkäufe berücksichtigen. Es gibt ein großes Misstrauen, wie das geplante Gesetz dann umgesetzt wird. Auf den Anhörungen hat der Kunsthandel massiv Kritik geübt. Im Vergleich zu den Märkten in den USA und der Schweiz spielen wir deutschen Galeristen und Kunsthändler schon jetzt eine marginale Rolle. Dort gibt es einen niedrigeren Mehrwertsteuersatz, dort muss man keine Abgaben für die Künstlersozialkasse oder für das sogenannte Folgerecht zahlen, über das Künstler und deren Erben an einem Wiederverkauf ihrer Werke mitverdienen. In New York lassen sich auch deshalb die höheren Preise für Kunst erzielen. Das weiß sogar der nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans, der vergangenes Jahr zwei Bilder von Andy Warhol aus dem Besitz des staatlichen Aachener Kasinos nicht in Deutschland, sondern in New York bei Christie’s hat versteigern lassen.

Grütters: Ebendieser Finanzminister liefert die Rechtfertigung für dieses Gesetz: Es greift eine Denkweise im Umgang mit Kultur um sich, die mich als die für unser Kulturerbe verantwortliche Staatsministerin besorgt. Wenn der Finanzminister in NRW sagt, ein Kunstwerk habe dann einen Wert, wenn es zu veräußern ist, degradiert er es zu reiner Spekulationsware. Wenn jetzt etwa auch die Kunstsammlung des WDR zum Höchstpreis in London verkauft werden soll, wenn die Kunst also nur noch dazu da ist, Neubauten von Kasinos oder die Produktion von Vorabendserien zu finanzieren, dann bleibt es offenbar meine Aufgabe, auch an den intrinsischen Wert von Kunst zu erinnern. Ich wünsche mir mehr Sensibilität. Bei Kunst gibt es eben einen Unterschied zwischen Preis und Wert.

Jarmuschek: Wir als Galeristen sehen das Problem, dass die öffentlichen Museen in den vergangenen Jahren ihrer Aufgabe, relevante Kunst zu einem frühen Zeitpunkt und für einen günstigen Preis zu erwerben, nicht mehr nachkommen können. Wir haben uns gesellschaftlich darauf geeinigt, dass die Privatsammler das freie Feld haben, die Museen sind für sie keine Konkurrenz mehr. Wenn die Museen mit höheren Einkaufsetats ausgestattet wären, bestünde gar keine Gefahr, dass wichtiges Kulturgut abwandern würde.

Grütters: Der Bund investiert viel Geld in die Museen, so in den Neubau eines Museums für die Kunst des 20. Jahrhunderts in Berlin. Es gibt eine Kunstankauf-Kommission des Bundes, die auf Messen Werke für unsere Museen erwirbt.

ZEIT: Könnte das geplante Gesetz nicht auch den deutschen Markt stärken? Wenn bestimmte Kulturgüter wie die Kunstsammlung des WDR Deutschland nicht mehr gen London verlassen dürfen, könnte das doch für hiesige Händler und Käufer ein gutes Geschäft sein.

Jarmuschek: Nein, denn die Sammler werden versuchen, ihre Kunst noch vor dem Gesetzerlass aus Deutschland herauszubringen. Weil eine fehlende Ausfuhrgenehmigung der Entwertung eines Kunstwerks gleichkommt. Außerdem haben wir natürlich mit internationalen Sammlern zu tun; die neuen Regelungen isolieren uns nur noch weiter!

ZEIT: Aber geht es den deutschen Sammlern wirklich nur um den möglichst hohen pekuniären Wert ihrer Kunst, wollen sie die Bilder als Liebhaber nicht auch um sich haben, sie zeigen?

Jarmuschek: Wir reden hier über das private Eigentum der Sammler, sie wollen ihre Kunst frei an Museumsausstellungen verleihen und eben auch verkaufen dürfen. Die Frage ist doch, was die Regierung tun kann, um den Kunstmarktstandort zu stärken. Alle bedeutenden Kunsthändler in Deutschland prüfen derzeit, ob sie das Land wegen der sich kumulierenden Widrigkeiten verlassen sollen.