"Die Wissenschaft, die die unbelebten Glieder der Maschinerie zwingt, durch ihre Konstruktion zweckmäßig als Automat zu wirken, existiert nicht im Bewusstsein des Arbeiters, sondern wirkt durch die Maschine als fremde Macht auf ihn, als Macht der Maschine selbst."

(Karl Marx, "Grundrisse")

Am Anfang entert die Angst die leere Bühne der Komischen Oper. Sie wird von leisem Trotz begleitet. Von hinten rechts tritt ein Mann vor das Berliner Publikum. "Ich bin Christian Asteriades, ich bin hier Tontechniker", stellt er sich vor. "Und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich irgendwann durch einen Roboter ersetzt werden könnte." Der Tontechniker geht, der Bühnenmeister kommt. Die Inspizientin, die Gewandmeisterin, der Sänger, der Dirigent. Sie alle sinnen laut darüber nach, wie ein Roboter in Zukunft ihr Leben, ihren Alltag verändern könnte. Wird er sie überflüssig machen oder frei? Nimmt er ihnen die Last der Arbeit oder die Existenzberechtigung?

"Vielleicht behalten sie uns als Haustiere."

(Marvin Minsky, Künstliche-Intelligenz-Forscher)

Ein Sanctus ertönt (aus The Armed Man, A Mass for Peace des walisischen Komponisten Karl Jenkins): Der Kinderchor, gekleidet in große Pappkartons, kleine Pappkartons auf dem Kopf, singt der Maschine eine Messe. Der Bühnenboden öffnet sich. Weißer Rauch steigt auf und mit ihm Myon, der Roboter. Klein wie ein Kind ist er, fast zart, nur sechzehn Kilogramm leicht. Sensoren, Prozessoren, Metallgelenke, Motoren verpackt in eine Haut aus weißem Kunststoff.

Myon ist kein Einsatzroboter, kein Monteur, kein Lastenheber, kein Altenpfleger. Er soll nichts für die Menschen tun, er soll von ihnen das Selbstsein lernen. Und wo ließe sich diese Lektion besser beginnen als an der Oper? Hier, wo jeden Abend die Gefühle toben. Wo Liebe, Betrug und Tod besungen werden. Wo die Tiefe des Menschen ausgelotet wird und die Größe des Menschseins.

Es sei wichtig, sagt sein Erbauer, Professor Manfred Hild von der Berliner Beuth Hochschule für Technik, dass Myon eher klein sei. Das habe ganz praktische Gründe. 1,25 Meter ließen sich besser ausbalancieren als zwei Meter, das weiße Außenskelett liefere bei Videoanalysen bessere Kontraste als ein schwarzes. Dass Myon dadurch auch sympathisch wirke, dass er Gefühle wecke, spielerische bei Kindern, beschützerische bei Erwachsenen, sei gewollt. Das senke die Hemmschwelle, sagt Manfred Hild.

"Süß!", sagt Dagmar Fiebach, die Leiterin des Kinderchors, das sei die erste Reaktion ihrer Sängerinnen und Sänger auf das neue Ensemblemitglied gewesen. Man stelle sich vor, Myon wäre schwarz und zwei Meter groß, sagt Simon Will, Gründungsmitglied der deutsch-britischen Performancegruppe Gob Squad, die diese "Opernerkundung" erfunden und inszeniert hat. Mehr sagt er nicht. Das Bild im Kopf reicht. Roboter können auch Angst machen. Myon tut das nicht.

"Wir laden unsere Batterie.

Jetzt sind wir voller Energie.

Wir sind die Roboter.

Wir funktionieren automatik.

Jetzt wollen wir tanzen mechanik.

Wir sind die Roboter."

(Kraftwerk, "Die Roboter")

Myon tut überhaupt sehr wenig. Darum springt gleich nach seinem ersten Auftritt Manfred Hild nach vorn: Das müsse sofort aufhören, mit der Überhöhung der Technik. So gehe das nicht. Das sei auch nicht verabredet gewesen.

Es ist die selbstironische Brechung, die einen der roten Fäden dieser Inszenierung bildet. Ansonsten ziehen sich vor allem Fragen durch den Abend. Was kann Robotik? Was kann die Oper? Hier die Macht der Technik, dort das "Kraftwerk der Gefühle" (Alexander Kluge). Was, wenn sie aufeinandertreffen? Darum hat Gob Squad den Professor samt Team und Maschine auf die Opernbühne geholt und dieses Stück geschrieben, das am Ende um eine einzige Frage kreist: Was macht das Menschsein aus?

Professor Hild spielt sich selbst. Der studierte Mathematiker und Psychologe beginnt, auf der Vorbühne zu dozieren. Was der Roboter könne (aus eigenem Antrieb noch nicht viel). Was der Opernbesucher deshalb erwarten dürfe (ebenso wenig). Was Intelligenz und Lernen bedeuteten (eine Herausforderung). Intelligenz, wird Hild nach der Vorstellung sagen, beginne auch beim Menschen schon weit unter der Großhirnrinde. "Dass wir Schach spielen können, ist nur das i-Tüpfelchen. Ganz erstaunlich ist schon, dass wir sitzen und stehen können."

Sitzen und stehen kann Myon, sogar aufstehen. "Sitzen, aktiv", sagt die Roboterstimme. Für die Maschine sind Sitzen, Stehen und vor allem Aufstehen echte Arbeit, Rechenarbeit. Sensoren registrieren die Wirkung der Schwerkraft, die Körperhaltung, die Stellung der Gelenke. Motoren müssen der Erdanziehung entgegenwirken, das Gleichgewicht ausbalancieren. "Stehen, stabil", stellt Myon fest. Noch hat er menschliche Unterstützung, Forscher und Studenten aus Hilds Team, die die wertvolle Maschine begleiten wie Helfer beim Geräteturnen – oder wie Bodyguards.

Was den meisten Opernbesuchern vermutlich nicht bewusst wird: Myons Bewegungen sind nicht programmiert. Sie sind tatsächlich gelernt. Er reagiert auf die Außenwelt. Die Folge: Aufstehen ist immer ein bisschen anders. Seit mehr als fünf Jahren arbeitet Hild mit seinen Kollegen an der Maschine. Doch wenn man die Tage zusammenzählt, an denen Myon tatsächlich angeschaltet war, ist er erst wenige Monate alt. Dafür kann er schon eine ganze Menge.

Der Terminator: "Warum weint ihr?"

John Connor: "Du meinst wir Menschen?"

Der Terminator: "Ja."

John Connor: "Ich weiß nicht. Wir weinen einfach, wenn es wehtut."

Der Terminator: "Schmerz löst es aus?"

John Connor: "Nein, es ist anders. Es kann alles mit dir okay sein, aber es tut trotzdem weh. Verstehst du?"

Der Terminator: "Nein."

("Terminator 2 – Tag der Abrechnung")

An der Oper, das war der Ursprungsgedanke, soll Myon erfahren, was es bedeutet, Mensch zu sein. Er soll Gefühle lernen. Aus dem Musical My Fair Lady wird My Square Lady, aus dem Philologen Professor Higgins der Robotiker Professor Hild samt Team und Opernensemble. Myon ist die Eliza Doolittle des 21. Jahrhunderts.