Im Sommer 1832 habe ich Schleiermachers Vorträge über Politik, im Winter 1832/33 die über Psychologie besucht. Voll großer Bewunderung saß ich vor dem kleinen Manne, folgte seinen Gedanken und Entwicklungen und genoss das unendlich hohe, höchste Vergnügen, den Horizont meiner Erkenntnis sich erweitern, dunkle Gegenstände an das Licht der Klarheit hervortreten zu sehen.

Sobald Schleiermacher nach Ablauf des "akademischen Viertels" mit jugendlich raschen Schritten das Katheder bestiegen, sich auf den Lehrstuhl niedergelassen, begann er mit leiser Stimme seine Rede. In der ersten Stunde eines Semesters beschäftigte er sich mit dem Begriff des Gegenstandes und dem Worte, das ihn bezeichnete. Dieses nahm er zuerst in dem Sinne und in der Geltung, den es im gemeinen Leben hat, um auf dem Standpunkte anzuknüpfen, auf welchem der Zuhörer stand. Anstatt nun, wie die Systematiker es leider lieben, eine gemachte Schuldefinition zu geben, suchte Schleiermacher die Verschiedenheiten in der Bedeutung des Wortes auf, stellte sie fest und zeigte die abweichenden Ansichten, die darin verborgen lagen.

Da er der entwickelnden, untersuchenden, kritischen Methode folgte, so löste sich alles in einzelne Fragen auf, die er nacheinander behandelte, indem er jede bis zu ihren Extremen verfolgte, die Gegensätze hervorhob und ihr Verhalten zueinander zeigte. Der konstruktive Teil seiner Wissenschaft erschien am Ende seiner Vorlesungen. Ein denkender, in den Geist Schleiermachers eingehender Zuhörer konnte dieses Geschäft selbst vollziehen, und er betrachtete die Mitgabe desselben selbst nur als minder wichtige Aufgabe seines Lehrgeschäfts.

Schleiermacher hat die verrufene Dialektik wieder zu Ehren gebracht. Unter seinen Händen gewann alles den Reiz der Neuheit und Frische, weil er alles untersuchte und von allen Seiten untersuchte. Es war ein lebendiger Denkprozess; der Prozess des Denkens stand jedem, der vor Schleiermacher saß, in der lebendigsten, unmittelbarsten, ergreifendsten Anschauung vor Augen; man sah denken, man hörte denken, man fühlte es. Wer von ihm nicht denken lernte, konnte es nirgends lernen. Er war der Sokrates der Studenten.

Es ist die Hauptsache des Sokratikers, in den Schülern den geistigen Hunger zu wecken und ihnen den Weg anzudeuten, auf dem sie mit eigener Kraft die Befriedigung des angeregten Bedürfnisses finden können. Nicht Früchte wollte er erzeugen, sondern Knospen und Blüten, die reifen möchten in Zeiten, wo er nicht mehr sei.

In unserer neuen Kolumne "Hörsaal", die zeitgleich in der gedruckten Ausgabe der ZEIT erscheint, schildern Autorinnen und Autoren der ZEIT Woche für Woche ihre Eindrücke von Vorlesungen an Hochschulen in Deutschland und im Ausland. Wir sind gespannt auf Ihre Diskussionen.

Falls Ihnen eine besonders spektakuläre Vorlesung auffällt, die wir besuchen sollten, dann freuen wir uns über einen Hinweis an: hoersaal@zeit.de.