Ein weitverbreitetes Vorurteil behauptet, dass Hollywoodfilme immer brutaler würden. Das Gegenteil ist aber der Fall – häufig nicht zum Vorteil der Filme. Terminator: Genisys, den fünften Teil der Actionsaga, kann man jedenfalls getrost mit der ganzen Familie anschauen. Blut ist nie zu sehen, und die Zerstörung betrifft vor allem Immobilien: Haus um Haus wird zerlegt, auch zahllose Autos überschlagen sich, aber die Gebäude scheinen immer leer zu stehen, und die Insassen der vernichteten Vehikel sehen wir nie. Stand im Mittelpunkt des zweiten Terminator-Films von 1991 die Explosion einer Atombombe – bis heute die realistischste Darstellung eines Nuklearangriffs im Film –, welche die Kinder auf einem Spielplatz in im heißen Wind verwehende Asche verwandelte, so wird ebendieser atomare Angriff in Genisys nur zahm angedeutet: Familien picknicken im Central Park, plötzlich sehen sie Raketen aufsteigen – und das ist es auch schon.

James Cameron, Regisseur der ersten beiden Terminator-Filme, der vielleicht einflussreichsten Actionspektakel aller Zeiten, führte seinem Publikum einst erbarmungslos den Schrecken des thermonuklearen Kriegs vor Augen. Ohne Zögern erschoss sein Terminator auch eine alleinerziehende Mutter, die das Pech hatte, genauso zu heißen wie sein vorbestimmtes Opfer. Camerons Gewalt war immer spezifisch, präzise, durchdacht, motiviert, nie abstrakt und leer; nicht zuletzt deshalb wurde sein 1984 entstandener Terminator zu einem Ereignis der Filmgeschichte. Wie in Ridley Scotts Science-Fiction-Film Alien, dem anderen dystopischen Mythenwerk der achtziger Jahre, hatte man es hier mit einem vollkommen fremden Feind zu tun, mit dem ganz und gar Anderen der Menschlichkeit, und der Tod konnte jeden treffen, jederzeit.

Terminator war ein dunkles und sparsames Meisterwerk, ein Arthouse-Film für ein globales Millionenpublikum, in dem ein in die Vergangenheit geschickter Mörderroboter die künftige Mutter des Anführers des Widerstands gegen die Maschinenherrschaft zu töten sucht. "That Terminator is out there. It can’t be bargained with. It can’t be reasoned with. It doesn’t feel pity or remorse or fear. And it absolutely will not stop, ever, until you are dead." Das theologische Echo ist nicht zu überhören: Der ursprüngliche Terminator ist "es", nicht "er", ein Roboter, ein kybernetischer Organismus ohne Seele, aber vor allem ist er die moderne Fassung einer sehr alten Figur: des Engels des Todes.

Ein Geniestreich war natürlich die Besetzung. Der Terminator, der zugleich weniger und mehr ist als ein Mensch, wurde gespielt von einem, der weniger und mehr war als ein Schauspieler, zugleich Wurzelsepp und Übermensch, ein muskulöses Ungetüm, dem man sogar eine an Buñuels Andalusischen Hund angelehnte Operation am eigenen Auge abnahm – auch das eine Szene, die im klinisch sauberen neuen Film undenkbar wäre. Natürlich war Arnold Schwarzenegger kein guter Schauspieler – aber ebendaraus schlug der Film Kapital, wenn er die Unbeholfenheit des steirischen Bodybuilders ausstellte, um eine sich als human tarnende Maschine glaubhaft zu machen. Gegen Ende legte sich die Geschichte in eine Zeitschleife: Kyle Reese, der Mann, der in die Vergangenheit geschickt worden war, um die Mutter des künftigen Widerstandsführers zu beschützen, verbringt kurz vor seinem Tod eine Liebesnacht mit ihr und wird zum Vater des Mannes, der ihn in die Vergangenheit schicken wird. Ganz geht das nicht auf, aber da traditionell jede Zeitreisegeschichte in Paradoxien führt, nahm man es gerne hin. Am Ende des Films zieht die schwangere Frau kalt entschlossen ihres Weges – dem kommenden Sturm entgegen, dem großen Krieg, den niemand aufhalten kann.

In Tag der Abrechnung, Camerons Fortsetzung aus dem Jahr 1991, wird dieser Krieg dann doch noch verhindert. Der Film ist nicht mehr in den dunklen Tönen des Vorgängers gehalten, sondern durchflutet von kalifornischer Sonne – ein Gleißen, das sich im intensivsten Moment zur Helligkeit der Atomexplosion verdichtet. Wieder schicken die Maschinen einen Terminator, diesmal, um den halbwüchsigen John Connor selbst zu töten, wieder schickt der erwachsene John einen Verteidiger, aber dieser ist nun ebenfalls ein Roboter, wieder gespielt von Schwarzenegger. Ein Schutzengel also – wobei der gegnerische Todesengel ein fortgeschrittener Prototyp ist, auch äußerlich engelhaft, eine Verkörperung der Leichtigkeit, ein flüssiger Mensch, der jede Gestalt annehmen kann. Zum ersten Mal sah man die inzwischen so alltäglich gewordenen Morphing-Effekte, das atemberaubende Schauspiel eines von allen Fesseln der Substanz befreiten Menschenkörpers.

Terminator: Genisys von Alan Taylor schließt nun nach zwei nicht weiter erwähnenswerten Fortsetzungsfehlschlägen wieder an die beiden Filme Camerons an. Zu Beginn scheint das zu gelingen: Wir sehen, wie John Connors Soldaten in der Zukunft die Zeitmaschine erobern, durch die gerade eben der Terminator ins Jahr 1984 zurückgeschickt wurde, wir sehen, wie John seinen jüngeren Freund Kyle, der nicht weiß, dass er Johns Vater ist oder eigentlich: gewesen sein wird, in die Vergangenheit schickt. – Und dann geschieht etwas wirklich Beeindruckendes: Für einige Minuten werden wir zurückversetzt in den allerersten Terminator-Film. Derselbe Schauplatz, dieselben Figuren, sogar ein mit allen Mitteln der Kosmetik und der Computertechnik verjüngter Schwarzenegger. Ein visuelles Zauberkunststück, wie man es so noch nie gesehen hat. Der junge Arnold wird nun von einem alten Arnold, einem Terminator gleichen Modells, jedoch fortgerückten Alters, attackiert. Für einen wundersamen Moment sehen wir den alten Schauspieler und Ex-Gouverneur gegen den jungen Bodybuilder kämpfen, der er einst war, und man wüsste kaum zu sagen, ob die Begeisterung, die man dabei empfindet, philosophischer Natur ist (welch eine Chiffre für die Vergänglichkeit!) oder filmgeschichtlicher (was für ein schönes Bild für die Wiederbelebung eines ermüdeten Franchise-Unternehmens!) oder ob sie doch einfach nur der Begeisterung für ein unglaubliches visuelles Spektakel entspringt. Danach geschieht allerdings nichts Nennenswertes mehr.