DIE ZEIT: Ihre 16-jährige Tochter Merve ist am 2. Juni von Deutschland nach Istanbul geflogen. Es besteht der Verdacht, dass sie sich mit ihrer Freundin Ece B. in Syrien der Terrororganisation IS ("Islamischer Staat") anschließen will oder bereits angeschlossen hat. Sie waren von diesem Schritt vollkommen überrascht?

Hülya Ş: Warum sie am 2. Juni in die Türkei geflogen ist, haben wir bis heute nicht verstanden. Eigentlich wollten wir am 23. Juli für drei Wochen nach Antalya in den Urlaub reisen. Merve wusste das. Anscheinend hat sie von der Terrororganisation Anweisungen erhalten.

ZEIT: Wie ist das möglich, dass ein 16-jähriges Mädchen Flugtickets kaufen und unbehelligt durch die Flughafenkontrollen kommen kann?

Hülya Ş: Das konnten wir uns zuerst auch nicht erklären. Dann fanden wir in ihrem Zimmer Unterschriftsproben von mir. Sie hat sich offensichtlich selbst eine Vollmacht ausgestellt und mit meinem Namen unterschrieben.

ZEIT: Es hat den Anschein, als ob Merve ein Doppelleben geführt hat.

Hülya Ş: Ja. Merve ist ein sehr ruhiges Mädchen, das ungern die elterliche Wohnung verließ. Wenn innerhalb der Familie gestritten wurde, konnte sie durch ihre gutmütige Art schlichten. Sie sagte dann immer, wir sollten ein bisschen spazieren gehen und uns beruhigen. Merve mochte häusliche Arbeit. Sie ging in die zehnte Klasse der Gesamtschule und arbeitete nebenbei an der Kasse eines Supermarkts in Billstedt. Sie hatte ihr eigenes Einkommen. Vor ihrem ersten Moscheebesuch lief Merve in modischen zerrissenen Hosen herum.

ZEIT: Wie kam es dann zur Hinwendung zum Islamismus?

Hülya Ş: Wir selbst haben mit ihr und ihren Geschwistern vor drei Jahren zum ersten Mal eine Moschee besucht. Nach einer gewissen Zeit fing sie an, eine Kopfbedeckung zu tragen. Ich selbst habe ihr ein Kopftuch geschenkt. Mit der Zeit nahm sie das Aussehen von zwei Gestalten an. Es war so, als ob jemand sie von draußen steuerte. Eines Tages habe ich an einer Haltestelle ein total verhülltes Mädchen gesehen. Nur die Augen waren sichtbar. An der Handtasche habe ich dann schließlich Merve erkannt. Als ich sie so sah, bekam ich Angst.

ZEIT: Hatten Sie Hinweise darauf, dass sie mit dem IS sympathisierte?

Hülya Ş: Sie sagte Sachen wie: "Warum soll ich arbeiten, wenn ich für Gott sterben kann?" Und wenn im Fernsehen darüber berichtet wurde, wie ein Journalist von IS-Terroristen getötet wurde, freute Merve sich darüber. Wir haben diese Art von Äußerungen einfach nicht ernst genommen.

ZEIT: Was haben Sie gemacht, um zu verhindern, dass sie sich weiter radikalisiert?

Hülya Ş: Zum Beispiel habe ich einmal in ihrem Zimmer eine Menge deutschsprachige religiöse Literatur gefunden, die ich allesamt weggeworfen habe.

ZEIT: Wie hat Merve darauf reagiert?

Hülya Ş: Eigentlich fing ihr Doppelleben an, nachdem ich ihre Bücher weggeworfen hatte. Sie machte uns glauben, dass sie sich ändern wolle. Sie hat zum Beispiel vorgeschlagen, dass ich ihre Post öffne, aber das habe ich nie gemacht. Ich wollte meinem Kind vertrauen. Ich wusste nur, dass sie im Internet unterwegs war und sich mit jemandem schrieb. Im Nachhinein denke ich: Vielleicht hätte ich doch kontrollieren sollen, mit wem sie Kontakt hatte.

ZEIT: Und Sie haben nichts von ihrem Plan bemerkt? Hat sie sich nicht vorbereitet?

Hülya Ş: In der letzten Zeit fing sie immer zur selben Zeiten am Abend zu essen und zu trinken an. Sie erklärte immer, dass sie von der Arbeit müde sei, Rückenschmerzen hätte und deshalb lieber auf dem Boden schlafen möchte. Das habe ich ihr geglaubt. In den Tagen bevor sie verschwunden ist, hat sie sich sehr zurückgezogen. Sie hat nicht mal mehr mit ihrem sieben Monate alten Bruder gespielt, was sie sonst immer gemacht hat.