An einem Mittwochnachmittag sitzt Nathalie Franzen an einem langen Tisch im alten Rathaus von Meddersheim im Südwesten von Rheinland-Pfalz. 55 Kilometer weit ist sie gefahren, um die Sache mit dem Streuselkuchen zu klären. Bald soll hier ein Dorfcafé entstehen – für die Leute aus dem Ort, vor allem aber für die, die noch gar nicht da sind. Das Dorfcafé soll Familien anziehen, die nach einem Haus im Grünen suchen, neue Einwohner. Am Ende könnte der Kuchen den Ausschlag geben, er könnte Meddersheim retten. Eine Cremetorte könnte das nicht. Deswegen ist Nathalie Franzen hier.

Meddersheim liegt im Nirgendwo zwischen Mainz, Trier und Saarbrücken. Der nächste Ort, den man auch außerhalb der Region kennen könnte, ist Idar-Oberstein, aber vielleicht ist selbst das zu optimistisch. Der Westen von Rheinland-Pfalz ist besonders vom Bevölkerungsschwund betroffen. Fast die Hälfte der Meddersheimer ist älter als 50 Jahre, das ist mehr als in anderen Orten gleicher Größe.

Franzen ist Dorfplanerin. Die Freiberuflerin berät Dörfer und Gemeinden, in denen immer mehr Häuser leer stehen – weil die Bevölkerung schrumpft und die nachfolgenden Generationen in die großen Städte ziehen. Es geht um Orte, an denen es schon heute weder Bäcker noch Metzger gibt und wo der Tante-Emma-Laden längst zugemacht hat. Orte, an denen es statt einer Postfiliale nur noch einen gelben Briefkasten gibt und der Bus bloß zwei Mal am Tag fährt. Es ist Franzens Job, so etwas nicht zuzulassen, es ist ihre Bestimmung. Sie sagt: "Ich kämpfe für meine Dörfer."

In diesem Kampf geht es oft um Details, zum Beispiel darum, welcher Kuchen geht und welcher nicht. Heute muss Franzen die enthusiastischen Bäckerinnen aus dem Landfrauenverband Meddersheim bremsen. Eine von ihnen hält ein Handy hoch, auf dem ihre legendäre Erdbeer-Sahne-Torte zu sehen ist. Perfekt für das künftige Dorfcafé, findet sie. Franzen weiß es besser, man dürfe nur durchgebackenen Kuchen servieren, sagt sie, ohne Sahne, ohne Buttercreme, wegen möglicher Kontrollen vom Lebensmittelüberwachungsamt. Streuselkuchen, zum Beispiel. Keine Sahne? Das gehe einfach nicht, finden die Landfrauen.

"Das geht nicht"-Sätze hört Franzen oft, nicht nur bei der Besprechung zum neuen Dorfcafé. Wenn es um Läden und Plätze geht, um den Umbau alter Scheunen oder Rundwege für Touristen. Franzen lässt sich davon nicht beirren. "Es gibt immer eine Möglichkeit", sagt sie.

Wenn ein Dorf sie beauftragt, macht sie eine Bestandsaufnahme: Wie ist der Ort angebunden? Welche Angebote gibt es noch? Was fehlt den Einwohnern? Diejenigen, die Lust haben, sich für ihr Dorf einzusetzen, leitet sie an, es entstehen Arbeitsgemeinschaften zu Themen wie: Zusammenleben, Ortskern, Infrastruktur oder Natur und Tourismus. Diese Teilnahme sei wichtig, sagt sie, es gebe nämlich kein Grundrezept zur Rettung eines Dorfes. Hat Franzen alle Fakten und Wünsche zusammen, stellt sie einen Antrag auf Fördergeld. Meist übernimmt das jeweilige Bundesland die Hälfte der Kosten.

Franzen ist geduldig. Als die Landfrauen anfangen, aufgeregt die Kuchenproblematik zu besprechen, Köpfe schütteln und "Pfff" zischen, sagt sie nur: "Nicht alle durcheinander." Man kann hinter diesen Satz nicht mal ein Ausrufezeichen setzen, denn sie bleibt ruhig, so wie sie fast immer ruhig bleibt. "Ich bin harmoniebedürftig", sagt sie.

Franzen kommt selbst vom Land. Sie glaubt, dass das von Vorteil ist, weil sie ihre Kunden besser versteht. Sie weiß, wie das ist, mit dem Bäcker, dem Metzger und der Post. Wenn Franzen redet, sagt sie oft "jwd", was für "janz weit draußen" steht.