Vogošća ist ein Vorort Sarajevos, der während der dreieinhalbjährigen Belagerung der Stadt in serbischer Hand war. Als der Krieg im November 1995 zu Ende ging, flüchteten Serben in Scharen aus Vogošća, an ihre Stelle traten bosnische Flüchtlinge aus Srebrenica. So kommt es, dass heute in Vogošća viele junge Männer und Frauen leben, die keinen Vater haben. Denn in Srebrenica wurden im Juli 1995 mehr als 8.000 Bosnier von serbischen Milizen innerhalb von 30 Stunden massakriert.

Am Platz vor der katholischen Kathedrale im Zentrum Sarajevos steht ein großes Werbeschild für die Dauerausstellung Srebrenica-Massaker. Es gibt kaum einen Sarajevo-Touristen, der diese Ausstellung nicht besucht. Unter anderem ist dort zu sehen, wie der serbische General Ratko Mladić nach der Eroberung Srebrenicas in die Mikrofone einer Fernsehkamera spricht: "Der Tag ist gekommen, an den Türken Rache zu nehmen!" Mit Türken meinte er die Bosnier.

In den Straßen von Sarajevo hängen dieser Tage viele Zettel, auf denen zu lesen steht: "Naser Orić, unser Held!" Orić war der bosnische Kommandant von Srebrenica. Er war vor einer Woche aufgrund eines serbischen Haftbefehls in der Schweiz kurzzeitig festgesetzt worden. Für die Serben ist er ein Verbrecher, für viele Bosnier ein Retter. Für die einen hat er serbische Dörfer niedergebrannt und unschuldige Zivilisten ermordet, für die anderen Srebrenica heldenhaft verteidigt.

Die bosnische Seite will von der serbischen Seite das Eingeständnis, dass es sich um Völkermord gehandelt habe. Die Serben erkennen zwar inzwischen an, dass es ein Verbrechen war, was in Srebrenica geschah – von einem Völkermord wollen sie aber nicht sprechen. Srebrenica ist nicht der Ort, an dem sich die beiden versöhnen können.

Das Massaker ist in Bosnien überall gegenwärtig. Zwei Jahrzehnte haben daran nichts ändern können. Srebrenica hat weit über Bosnien hinaus Bedeutung: Es markiert einen Wendepunkt in der europäischen Geschichte. Bis zu den Ereignissen vor 20 Jahren konnte Europa glauben, nie wieder Krieg führen zu müssen. Diese Illusion ist zerstoben.

Srebrenica war der größte Massenmord auf europäischem Boden nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Internationale Strafgerichtshof für Jugoslawien in Den Haag stuft ihn als einen Genozid ein.

Dabei war die kleine Stadt, die von Serben belagert wurde und in die sich Tausende Menschen geflüchtet hatten, eine UN-Schutzzone. Die dorthin entsandten niederländischen Blauhelmsoldaten hatten den ausdrücklichen Auftrag, die Bewohner zu schützen. Doch als die serbischen Milizen anrückten, geschah nichts dergleichen. Die UN-Soldaten lieferten die Menschen, die bei ihnen Zuflucht gesucht hatten, an Ratko Mladićs Soldaten aus.

Srebrenica steht für das Versagen der internationalen Gemeinschaft. Es war der Tiefpunkt einer Politik des Wegschauens, in der sich Europäer wie Amerikaner seit Ausbruch des Krieges im ehemaligen Jugoslawien 1991/92 eingerichtet hatten.

Der Balkan, das ist nicht Europa, das ist ein Ort, wo sich wilde Völker die Köpfe einschlagen, wir halten uns da lieber raus: Nach Srebrenica war diese Argumentation nicht mehr tragbar. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass es eines Massakers dieses Ausmaßes bedurfte, damit man schließlich verstand, dass der Balkan zu Europa gehört – und dass die Europäer Verantwortung übernehmen mussten. Selbst in den Tagen des Massakers hatte man sich noch vor dieser Erkenntnis gedrückt.

Als die Überlebenden im Juli 1995 in der Stadt Tuzla ankamen, wurden sie von Gesandten einer "Fact Finding Mission" der Europäischen Union interviewt. Die Vertreter der EU waren in strahlend weiße Overalls gekleidet. Damit wollte man signalisieren: Wir sind in diesem Konflikt absolut neutral. Angesichts des Massenmords war diese Fiktion aber nicht mehr lange aufrechtzuerhalten. Wenige Wochen später zwang die Nato die Kriegsparteien mit militärischer Gewalt an den Verhandlungstisch.

Seit dem Juli 1995 spielt bei allen internationalen Debatten um militärische Interventionen auch das Srebrenica-Moment eine Rolle – die Angst, sich ein weiteres Mal schuldig machen zu können, so wie damals in Srebrenica und wie zuvor bereits in Ruanda, wo 1994 unter den Augen einer teilnahmslosen Weltöffentlichkeit binnen dreier Monate über 800.000 Menschen ermordet worden waren.

Dürfen wir zuschauen und untätig bleiben, wenn unschuldige Menschen massenhaft getötet werden? Nein, das dürfen wir nicht. So lautete die Antwort jener, die in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Konzept der Schutzverantwortung entwickelten, der "Responsibility to Protect" (R2P). Die UN-Vollversammlung bekannte sich 2005 zu diesem Prinzip als Leitlinie des Handelns der internationalen Gemeinschaft, sie veränderte das Völkerrecht.

Vor allen Interventionen nach 1995 wurde in der einen oder anderen Form der Grundsatz angerufen, man müsse zum Schutz von Zivilisten eingreifen: 1999 im Kosovo, 2001 in Afghanistan, 2003 im Irak, 2011 in Libyen. Alle diese Kriege wurden moralisch aufgeladen. Im Kosovo sollte ein angeblich geplanter Massenmord an Zivilisten verhindert werden, in Afghanistan sollten die Frauen von den Taliban befreit, im Irak die Einwohner von einem grausamen Diktator erlöst werden, und in Libyen wollte man Muammar al-Gaddafi angeblich daran hindern, im aufständischen Bengasi ein Verbrechen gigantischen Ausmaßes zu begehen. Doch diese Interventionen endeten entweder katastrophal (Irak, Libyen), oder sie verpufften (Afghanistan, Kosovo).

So neu, wie es damals erschien, war das ideelle Grundgerüst der Schutzverantwortung allerdings nicht. Auch im 19. Jahrhundert führten die europäischen Mächte moralische Argumente ins Feld, um die kolonialistische Unterwerfung anderer Völker zu rechtfertigen. Moralische Argumente müssen daher stets kritisch geprüft werden – sollen sie womöglich nur Interessen ummänteln?

Nach den Erfahrungen mit den jüngsten Interventionen kommt noch eines hinzu: Solche Argumente allein können eine Intervention nicht rechtfertigen. Wer die Moral als Leitlinie seines Handelns wählt, der muss sich gleichwohl weiteren Fragen stellen, die mit der rauen Wirklichkeit zu tun haben: Sind wir überhaupt dazu fähig, eine Bevölkerung zu schützen? Haben wir die erforderlichen Mittel? Und wird die Situation, die wir erzeugen, wirklich besser sein als die Lage vor der Intervention?

Für Srebrenica und wohl auch für das Kosovo kann man beide Fragen mit einem Ja beantworten. Für die anderen Interventionen lautet die Antwort: Nein.

Siehe auch: Wie es zu dem Massaker kam